Das Rätsel von Schöneck: ungelöst

Fliegende Fäuste, eine entsetzte Zeugin – in den Groschenheften ist alles so schön einfach: Hier der Gute, dort die Bösen. Abb.: Lou Fine, „The Adventures of Sam Spade“, 50er Jahre

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHÖNECK. Frau C. macht den Job der Hausmeisterin eines Wohnblocks an der Hessenstraße in Oberdorfelden. „Für 450 Euro“, sagt Frau C., die mit 66 Jahren eigentlich schon in Rente ist. Sie kennt jeden in den beiden siebenstöckigen Beton­rie­geln. Und es passiert hier kaum etwas, das ihr entginge. An den Vor­fall vom 19. November erinnert sie sich noch genau, obwohl das ja schon zweiein­halb Jahre her ist. „Es gab Tumult vorm Haus. Geschrei“, erzählt sie jetzt im Saal 215. „Da stand ein Geländewa­gen, ein Mann am Steuer. Ein paar andere liefen herum. Ich ging sofort hin und for­derte sie auf, dass Grund­stück zu ver­lassen. Dem haben sie auch so­gleich Folge geleistet.“ Ja, sie ist eine be­herzte Person, die Frau C., ener­gisch und irgendwie heute noch em­pört: „So ein Benehmen – auf un­ter­stem Nive­au!“

Was wirklich geschah an jenem Abend vor dem Haus Hessen­straße Nr. 5 soll nun die 2. Große Strafkammer des Landge­richts klären. „Schwere räube­rische Erpres­sung und gefährliche Körper­verlet­zung“ heißt es in der An­klage­schrift, die Staatsanwältin Grumann verliest. Aber es wird  dem Gericht nicht ge­lingen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, soviel vor­weg, ist doch be­reits die Anklage durchsetzt mit allerlei Mutmaßungen und Hy­pothesen. Sie geht davon aus, dass Sedat Y., im folgenden Geschä­digter genannt, von Erdogan Ö. und Atilla K. erpresst wurde. „In mehreren Telefonaten forderten sie ihn auf, mo­natlich 3000 Euro an sie zu zahlen“, sagt die Staatsanwältin. Hintergrund: eine Immobiliengeschichte. Es sei um An- und Verkauf einer Wohnung ge­gan­gen und um deren Finanzierung. Ge­naue­res? Fehlanzeige. Weil Sedat Y. nicht zahlte, hätten sie sich ihn vor­genommen. Mit Baseballschläger, Pis­tole und Ledergürtel. Resultat: Na­senbeinbruch, Hämatome, geplatzte Oberlippe, Thoraxprel­lun­gen.

Der Geschädigte also ist ein schmaler Mann mit dichtem schwarzem Haar und einem Schnäu­zer wie ein La­ckie­rerpinsel. Vor der Polizei hatte er da­mals ausgesagt, die beiden Män­ner und zwei weitere Komplizen hät­ten ihn mit der Schuss­waffe bedroht und gegen den Kopf ge­schlagen. Er sei mit dem Gür­tel fast stranguliert, mit dem Base­ballschlä­ger verprügelt wor­den.  Nun, es gab sie wirk­lich, die Verlet­zungen. Sie sind in ei­nem ärztli­chen Attest festgehal­ten. Sedat Y. hatte mehrere Tage in der BG-Unfall­klinik verbringen müs­sen.

Erdogan Ö. (41) und Atilla K. (38) stammen, wie der Geschädigte, aus der Türkei. Beide wirken durchtrai­niert und wie Männer, deren Mittel der ersten Wahl bei Konfliktlösungen nicht unbedingt das Wort ist. Sie wei­sen die Vorwürfe zurück, schweigen ansonsten. Die Zeugenvernehmung von Sedat Y. verfolgen sie mit Amü­sement. Ein hartes Stück Arbeit ist es hingegen für Richterin Susanne Wet­zel, die Anga­ben des Geschädig­ten zu einem einigermaßen nach­voll­ziehba­ren Handlungsablauf zu­sam­menzu­setzen. Zu wirr sind seine Erin­nerun­gen, strotzend vor Widersprü­chen. Pa­thetisch deu­tet er auf die An­klage­bank: „Einer hielt mich fest, der an­dere schlug zu.“ Einmal verliert er die Fassung. Bricht gar in Tränen aus. Zwei Hells Angels seien auch unter den Tätern gewe­sen, wie er später er­fahren habe.

Seinen Beruf gibt er mit Gastwirt an. Sein Deutsch ist rudimentär, der Dolmetscher hat gut zu tun, um die Aussagefragmente dieses Zeugen in eine verständliche Form zu bringen. Nein, von Waffen, einer Pistole gar, ist heute nicht mehr die Rede. „Wer hat denn nun an je­nem Abend die Polizei alarmiert?“ will Richterin Wetzel wis­sen? Eine Haus­bewohnerin, antwortet er. Au­genzeugin des Überfalls. Sie habe laut geschrien, da seien die Täter ge­flüch­tet. Aber der Notruf, der um 18.12 Uhr bei der Polizei einging, stammte von ihm selbst.

Bei der Zeugin soll es sich um Marion S. (47) handeln. „Nein, an einen sol­chen Vorfall erinnere ich mich nicht“, sagt sie verwundert. Den Geschädig­ten habe sie übrigens noch nie im Le­ben gesehen. Die Angeklag­ten auch nicht. Zunehmend gerät die Ver­handlung zum Versuch, ein Myste­rium zu ergründen. Irgendetwas muss passiert sein an jenem Abend. Aber was? Und wie?

Staatsanwältin Grumann zieht die Notbremse. Ohne Beweise, ohne glaubwürdige Zeugen ist da nichts zu machen. Sie beantragt die Einstellung des Verfahrens. Erdogan Ö. und Atilla K. sollen aber nicht gänzlich unge­schoren davonkommen. Jeder muss 2000 Euro an den Ge­schädigten zah­len. Als Schmerzens­geld und für die Behandlungskosten. Sie sind einver­standen. Der Prozess ist zu Ende.

Ach nein, noch nicht ganz, gibt es doch eine letzte unerwartete Wendung. „Ich will kein Geld! Auf keinen Fall!“ wehrt sich Sedat Y. hef­tig gegen die finanzielle Wohltat. Er stürmt nachgerade aus dem Saal. Richterin Wetzel ist platt: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Also ge­hen die 4000 Euro an eine soziale Einrich­tung. Das Rätsel von Schöneck aber bleibt ungelöst.

Tags: