Deftiges aus der Indizienküche

Erstes Haus am Platz: Im „Kohlmayr’s“ zu Gmünd zeichnete Errol heimlich Gespräche mit den Zielpersonen auf. Von hier aus ging’s zur Herrenpartie nach Slowenien ©hotel-ami.de

Von Dieter A. Graber

HANAU. Zwei Männer machen eine Sause nach Slowenien. Sie wollen es mal so richtig krachen lassen an der Adria. Der eine ist ein Verdeckter Ermittler des BKA, der andere seine Zielperson – ein Mordver­dächtiger. Die Reise hat Er­rol, der Poli­zist, organisiert. Alles geht auf Spesen: das Ferienhaus, die Ballerei auf einem Schießstand, ein Kurztrip nach Kroatien, auch ein Besuch im Rotlichtviertel. Das Bundeskriminalamt ist großzügig. Errol steht unter Erfolgs­druck. Er muss end­lich Beweise liefern, dass Lutz H. sei­nen Schwager Jürgen Volke getötet hat. Es ist März 2016.

Auch heute, nach mehrwöchiger Pro­zesspause, sitzt Errol wieder in einem BKA-Büro hinter seiner Plane auf dem Zeugenstuhl. Penibel hatte er in seinen „Amtsvermerken“ jede Äußerung des Paares notiert, das er häufig in dessen Wohnort Eisentratten besuchte. Eine Zitatensammlung des Bösen. Fast alles liest sich belastend. Die Geschichte vom geplanten „Hundemord“ zum Bei­spiel. Banu D. habe erzählt, wie sie ih­ren unbotmäßigen Vierbeiner „mit ei­nem Messer töten“ (Errol) wollte. Aus Wut. Einfach so. Also, wenn sich das nicht als Indiz für potenzielle Mordlust verwenden lässt. Aber das geschriebene Wort ist eine Sache – das gesprochene eine andere. Es gibt heimlich aufge­nommene Mitschnitte von Unterhaltun­gen. Auch von dieser. Die 1. Große Strafkammer lässt sie im Saal 215 ab­spielen. Und da hört sich vieles anders an. Harmloser. Nebensächlicher. Man­ches einfach nur lustig …

Also: Die drei sitzen im 400 Jahre alten Gasthof Kohlmayr in Gmünd (Eigen­werbung: „gutbürgerliche Küche in heimeliger, kärntnerischer Atmo­sphäre“). Errol und Lutz H. sind auf dem Sprung nach Slowenien. Ab­schiedsgeplauder. Es ist schwer, der Unterhaltung zu folgen. Akustisch und – ja, auch – inhaltlich. Serviergeräu­sche, das Klirren von Gläsern, Gemur­mel überlagern die Stimmen der Prota­gonisten. Es hat et­was von absurdem Theater. Mal berei­chert Banu D. das Gespräch mit der Erwähnung eines be­nutzten Brötchen­mes­sers im Hand­schuhfach ih­res Autos und der Erläute­rung: „Würde man es im Labor untersu­chen, wären nur Butter und Semmelspu­ren zu finden.“ Tja, was auch sonst? Stolz merkt sie an: „Ich werde oft unter­schätzt“; Lutz H. wiederum berichtet von einer Personenkontrolle, der er sich einst in Wiesbaden unterziehen musste. Und von seinem Sohn Luis, bei dem am Flughafen mal Patronenhülsen gefunden worden waren. Aber alles noch mal gut gegangen …

Parallelereignisse. Aufregend wie die Abenteuer einer Wanderdüne. Nichts passt zusammen, kein roter Faden, keine innere Logik. Als würden zwei Primaner abwechselnd aus Schillerdra­men deklamieren – einer den Wilhelm Tell, der andere Don Karlos. „So liefen die meisten Unterhaltungen ab“, erin­nert sich Errol frustriert. Kurzerhand hat er dann die Deutungshoheit über­nom­men und ein „Gesamtbild“ erstellt, dem er die einzelnen, aus dem Zusam­men­hang gerissenen Zitate zuordnete. Das Ergebnis war das phantasievolle Porträt eines eiskalten Killerpärchens, dessen „Partys“, sprich: Verbrechen, denen von Bonnie und Clyde ähnlich gewesen sein müssten. Nun, Papier ist geduldig. Die Strafkammer ist es auch. Noch jeden­falls.

Ein weiterer Mittschnitt: Errol und Lutz H. im Auto nach Slowenien. Der VE hatte extra Wein und eine Flasche Wodka für die Reise eingekauft. Er weiß, dass Lutz H. einen Hang zum Al­kohol hat. Aber auch das ist nur eine Schlussfolgerung: „Bei ihm zu Hause standen nämlich überall Flaschen.“ Er selbst trinke nur Kaffee. Und so scheint es, als habe Errol vorge­habt, die Ziel­person betrunken zu ma­chen, um ihr ein Geständnis zu entlocken. Abends, in Slowenien, sei Lutz H. dann tatsächlich so hacke­dicht gewesen, dass ihm das Glas aus der Hand fiel.

Es nutzte alles nichts: Seinem ver­meintlichen Freund Errol gegenüber beteuerte Lutz H. seinerzeit, nicht der Mörder von Jürgen Volke gewesen zu sein: „Der war es nicht wert, dafür fünf­zehn Jahre ins Gefängnis zu gehen.“ Er­rol nahm ihm das nicht ab. Die Vertei­diger monieren, der VE habe verbo­tener­maßen eine „vernehmungs­ähnliche Situation“ herbeigeführt. Errol weist das zurück. Die Kammer wird da­rüber be­finden müssen.

Ach ja: Dem Hund geschah übrigens kein Leid. Er hatte sich ohnehin ver­drückt, als Frauchen in Zorn geriet und es brenzlig wurde. Von ei­nem Messer, wie in Errols Erzählungen hochdrama­tisch angemerkt, war in „Kohlmayrs Gasthof“ auch gar nicht die Rede gewe­sen. Ausweis­lich des Mitschnitts.