In den Sand gesetzt

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vlaardingen, Bellstraat 3: ein verklinkertes Auto­haus mit Werk­statt und Bü­ros in einem Gewerbegebiet, gelegen am Nieuwe Waterweg zwi­schen Rotterdam und der Nordsee. Früher war hier ein wichtiger Hafen der Hochseefischereiflotte. Heute ist Vlaardingen eine Industriestadt, ge­sichtsloser Vorort der 14 Kilometer entfernten Metro­pole – und eine Schaltstelle des internationalen Rauschgifthan­dels: Im Frühjahr 2013 trat von der Bellstraat 3 aus mindes­tens dreimal je eine halbe Million Euro ihre Reise ins 2900 Kilo­meter ent­fernte Istanbul an. Drogenerlöse. Dafür muss sich jetzt Serdar G. (42) aus Erlensee vor dem Hanauer Land­gericht verantworten. Geldwäsche wirft ihm Oberstaatsan­wältin Türmer vor.

Der Aufstieg des Migrantenjungen aus dem Berliner Kiez zum millionen­schweren Goldhändler ist eine der ty­pischen Karrieren unserer Zeit. In den 70ern gehen die Eltern mit dem noch kleinen Serdar zurück nach Is­tanbul. Auf der Schule dort tut er sich schwer, weil er kaum Türkisch spricht. Er er­greift den Beruf, der in der Familie lange Tradition hat: Gold­schmied. Erwirbt den Meisterbrief, begegnet der großen Liebe, zieht mit einer un­befristeten Aufenthaltser­laubnis zu ihr nach Erlensee. Das Ehepaar hat heute drei noch minder­jährige Kinder.

Serdar G. ist ein umtriebiger Mann. 2009 eröffnet er seinen ersten Laden in der Hanauer Innenstadt. Fahr­straße. Hochzeitsmode, Trauringe, Goldschmuck. Er ist fleißig und erfolg­reich, der Herr G., er könne sich, heißt es irgendwo in den Gerichtsak­ten, von denen es viele gibt, „einen lu­xuriösen Lebensstandard leisten“. Er kauft ein Haus am Rande von Er­lensee für 340.000 Euro. Er ist nun international tätig, er sammelt Edelmetall und ­verkauft es weiter. Auf Altgold sind 19 Pro­zent Umsatzsteuer fällig. Die kassiert er von seinen Kun­den, den Scheide­an­stalten, und die behält er auch. Dazu hat er sich mit Komplizen ein Kon­glomerat an Scheinfirmen aufge­baut, die  sich ge­genseitig „Rechnun­gen“ schicken. Auf diese Weise rech­net er die Umsatz­steuer für 1,1 Ton­nen Gold im Wert von 32 Millionen Euro in die eigene Tasche. Er betrügt das Finanz­amt um 5.145.134 Euro.

Zurück in die Bellstraat. Mehrfach soll Serdar G. hier Erlöse aus dem nie­derländischen Rauschgifthandel im Koffer abgeholt haben, stets große Beträge – 515000 Euro, 510000, dann 518000. Und stets in kleinen Noten. Dro­genkonsumen­ten pflegen halt nicht mit Fünfhun­dertern zu zahlen. In ei­ner Hanauer Bank wurde ein Teil da­von in größere Scheine gewechselt. Das Geld landete, so die Anklage, bei Ilhan E., der, ebenso wie seine Ehe­frau, in Belgien eine Schmuckfirma betrieb. Er verwendete es zum Kauf von Altgold. Damit flog er in die Milli­onenmetropole am Bosporus, wo er das Edelmetall wieder zu Geld mach­te. Eine perfekte „Waschan­lage“. Der Geldtransfer sei, so die Staatsanwalt­schaft, in den Geschäftsbüchern schlicht „untergegangen“.

Serdar G. ist ein großer Mann mit ei­nem freundlichen Gesicht und leicht angegrautem, schütterem Haar. We­gen der Steuerhinterziehung sitzt er gerade eine dreijährige Freiheits­strafe ab. Er ist im offenen Vollzug. War Geldwäsche ein weiteres Standbein von ihm?

Aber eigentlich steht heute gar nicht er im Mittelpunkt dieses Prozes­ses, sondern Ilhan E. (46). Der hatte mit seinem „Geständnis“ seinerzeit den Stein ins Rollen gebracht, seine mut­maßlichen Komplizen verpfiffen. Denn der letzte Geldtransfer endete in einer Polizeifalle.

Ilhan E. nimmt Platz auf dem Zeugen­stuhl. Er ist ein kleiner, kugeliger Mann mit pechschwarzem Haarkranz, über dem eine Glatze wie eine mond­beschienene Insel in einem nächtli­chen Meer leuchtet. Was hat diese Kammer schon herum gezackert mit ihm. In einem ersten Verfahren gegen mehrere Banden­mitglieder erwiesen sich seine Anga­ben nämlich als so ver­wirrend, dass schließlich alle freige­sprochen werden mussten. Diesmal verweigert er die Aussage. Das darf er, weil er sich nicht selbst belasten muss. Und so ist die Kammer unter Vorsitz von Richterin Susanne Wetzel auf die Protokolle seiner Ver­nehmun­gen durch das BKA angewiesen. 

Aber die Fahnder haben gepatzt, nahm doch kein amtlicher Dolmet­scher die Übersetzung des Geständ­nisses ins Deutsche vor, son­dern der Rechtsanwalt von Ilhan E. selbst, „und das geht gar nicht“, wie Richte­rin Wetzel feststellt. So hat das BKA nach monatelangen Ermitt­lun­gen, an denen auch die holländi­sche Polizei beteiligt war, nach Tele­fon­überwa­chungen und Observatio­nen einen großen Fall schlicht in den Sand ge­setzt, da helfen jetzt auch die Versu­che der Kommissare Jens K. und Mar­tin K. nichts, ihr Vorgehen im Nach­hinein zu rechtfertigen. Ilhan E. habe doch freiwillig umfänglich aus­gesagt. „Er hoffte“, so Jens K., „dass er durch eine Kooperation mit uns bald wieder frei komme.“ Zudem soll er Angst vor seinen Auftraggebern gehabt haben. Die wollten von ihm nämlich die halbe Million zu­rück, die beim letzten „Waschgang“ von der Polizei abge­fischt worden war.

Und weil die belastende Aussage nichts wert ist, kommt auch Serdar G. heute straffrei davon: Das Verfahren wird eingestellt. Seine Haftstrafe we­gen der Steuersache ist bald  verbüßt. Die 100.800 Euro, die ihm das Ge­richt zusätzlich auf­brummte, hat er übri­gens gleich bezahlt. Sozu­sagen aus der Portokasse.