Der Einbrecher mit den vielen Namen

Über die Balkanroute hierher: Die vielbefahrene, von Mehrfamilienhäusern gesäumte Fasaneriestraße war Ziel der Roma-Einbrecher

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Mann mit den vielen Namen hat ein schwermütiges Ge­sicht, dessen Blässe heftig mit den schwarzen Augen und dem dunklen Bartschatten kontrastiert. Er ist schmal von Wuchs, was seiner Pro­fession zugutekommt, passt er doch leicht durch enge Fenster oder Tür­spalte. Heute heißt er Dani K.; bei den Fahndern ist er aber auch als Milan C. und Milan J. bekannt. Er sitzt auf der Anklagebank des Hanauer Landge­richts. Dani alias Milan, 31 Jahre alt, ist wegen schweren Bandendieb­stahls angeklagt.

Im Februar vor zwei Jahren war er aus seiner Heimat Serbien nach Deutsch­land gekommen. Um diese Einreise rankt sich eine Geschichte mit mehre­ren Versionen. Erzählen wir seine: „Ich wollte zu meiner Frau. Sie lebt in Belgien. Ich fuhr mit dem Überland­bus zunächst nach Frank­furt. Zoran hatte mir die 100 Euro für das Ticket geliehen.“ Irgendwie ge­langte er dann aber nach Gelnhausen, wo der Maurizio wohnt. „Wie kamen Sie denn dorthin?“ fragt Richter Peter Graßmück. „Alles Zufall“, antwortet Dani oder besser: lässt er seinen Dolmetscher antworten. Er versteht nämlich kein Wort Deutsch.

Danis Leben ist eine Abfolge von Zu­fällen: Zufällig spaziert er mit Mauri­zio und Zoran durch Klein-Auheim, spontan bricht er dort in das Haus der Familie M. ein, die sich ge­rade im Urlaub befindet, ebenso ungeplant sucht er anderntags die Wohnung von Frau B. in Langensel­bold heim, wo er Schmuck im Wert von 9.000 Euro mitgehen lässt. „Das war nicht vorgesehen“, bemüht er sich zu beteuern. Es habe sich halt so erge­ben … Maurizio, Zoran und drei wei­tere serbische „Einbruchstouristen“ wurden im Mai vergangenen Jahres von einer Hanauer Jugendkammer zu Haftstrafen verurteilt. Den Dani alias Milan erwischten sie erst Anfang 2016 in Belgien; zwei  Jahre war er dort untergetaucht.

1280 Kilometer von Saal 215 entfernt liegt die kleine westser­bische Stadt Loznica: 26.200 Einwoh­ner, Landwirt­schaft, Kleingewerbe. Eine Fußball­hochburg ist das, die große Na­men hervorbrachte: Pantić, Stojković, Junuzović. Dani K. und seine Familie leben auf der anderen Straßenseite, auf der im Schatten. Sieben Personen in zwei Räumen. Kein Bad, keine Toi­lette in der Hütte. Seit dem 14. Jahr­hundert, als Loznica erstmals urkund­liche Erwähnung fand, dürfte sich für die Volksgruppe der Roma hier nicht viel verändert haben. Niemand weiß, wie viele es davon in Serbien über­haupt gibt. 147.000, wie die offizielle Statistik sagt, oder eine Million, wie Roma-Verbände schätzen? Der Vater, berichtet Dani, ein Trunkenbold, der sechzehn Kinder in die Welt setzte, bekomme 90 Euro staatliche Zuwen­dung im Monat. Für alle, wohlge­merkt! Da hat Dani beschlossen, sein Glück im rei­chen Westeuropa zu su­chen …

Aber was kann so einer hier werden? Er ist des Lesens und Schreibens nicht mächtig, weil er nie eine Schule be­suchte. Er sagt: „Gelegentlich habe ich daheim auf dem Markt geholfen, für ein paar Dinar …“ 122 sind ein Euro. Und dann „spaziert“ er durch Klein-Auheim, „zufällig“, wie gesagt, wo sich schicke Gärtchen vor gepfleg­te Einfamilienhäuser fläzen, die Zäune schmiedeeisern sind und die Fuß­wege zu den Eingängen unkraut­frei. Ideal für Blitzeinbrüche: Schnell rein durch ein rückwärtiges Fenster, Schmuck und Geld zusammengerafft, rasch wieder weg. Da muss der Mann aus dem Ghetto von Loznica geahnt haben, wie er es hier zu etwas brin­gen kann. Den Umgang mit einem Schraubenzieher hat er gelernt, Gott weiß wo: „Einfach ansetzen, oben oder unten – egal –, schon ist das Fenster auf“, erklärt er. Vor sieben Jah­ren wurde er schon einmal wegen Einbrüchen verurteilt. Zwei Jahre auf Bewährung. Er ging zu­rück nach Loznica. Kaum war die Strafe erlas­sen, kam er wieder.

Die Beute wurde anschließend in Köln vertickt. Einbrecherbanden aus Ost­europa haben nicht nur die Republik unter sich aufgeteilt, sondern verfü­gen auch über ihre festen Hehler. Roma-Hehler. Wochenlang hatte die Polizei die Wohnung von Maurizio observiert, der vorher die lohnenden Objekte ausbaldowerte und die Ein­brecher chauffierte. Bei den weiteren Ermittlungen half „Kommissar Facebook“: Über Maurizios „Profil“ im sozi­alen Netzwerk gelangten die Fahnder schnell an sein persönliches Umfeld – und an Fotos seiner Facebook-„Freunde“. In Serbien sei es üblich, berichtet Oberkommissarin Elena H., seinen Namen nach Belie­ben zu wechseln. Dani nutzte das aus. Es er­schwert die Fahndung. Geholfen hat es ihm letztlich nichts. 

Die 1. Große Strafkammer verurteilt Dani K. zu zwei Jahren und drei Mo­naten. Staatsanwalt Walter Jung hatte zwei Jahre zur Bewährung ge­fordert. Richter Graßmück sagt: „Sie haben ihre Opfer nicht nur bestohlen, sondern ihnen auch psychischen Schaden zugefügt.“ Frau B. hatte im Zeugenstand erzählt, wie sie sie noch heute, zwei Jahre nach der Tat, Angst hat, wenn sie allein zu Hause ist.