Der Fahnder lässt die Puppen tanzen

Sie sind jung und brauchen das Geld: Die Damen im „Salon de la rue des Moulins“ warten auf die Gelegenheit für einen Private Dance (Henri de Toulouse Lautrec, 1894)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hinter seiner halbtranspa­ren­ten Plane sieht Errol aus, als säße er mutterseelenallein in einem Meer­was­seraquarium. Ein verschwomme­ner dunkler Fleck in einer Welt grau­blauen Lichts. Der vielleicht ein­samste Zeuge auf diesem Planeten. Man könnte glatt Mitleid haben mit ihm, aber irgend­wie verbietet sich das von selbst, schließlich ist spitzeln seine Profes­sion.  Da muss er jetzt durch, könnte man sagen. Und das stimmt ja auch.

Errol hat eine weiche Stimme und eine stoische Art zu sprechen, die er selbst dann beibehält, wenn ihn die Verteidi­ger massiv unter Druck set­zen, was in den vergangenen Ver­handlungstagen häufig geschah. Nie wird er laut. Nie patzig. Nie ungedul­dig. Wenn er nach­denkt, und das tut er vor jedem Satz, überbrückt er die Pause mit einem mild tadelnden „Wie ich schon sagte …“ Er ist ein höflicher junger Mann mit guten Manieren und dem größten Belastungs­eifer, den vermutlich jemals ein Zeuge in die­sem Gerichtssaal an den Tag legte.

Da ist die Geschichte mit dem Besuch in der Tabledance-Bar „Belvedere“. Sie liegt einen Steinwurf entfernt von der Ferienwohnung, die der Ver­deckte Ermittler für eine Herrenpartie nach Slowenien mit sei­ner Zielperson ge­mietet hatte. Es ist der 20. März 2016, spät am Abend. Der Trip soll offiziell ein „Ge­burtstagsgeschenk“ für Lutz H. sein; der ist gerade 52 ge­worden, also ein gutes Stück älter als Errol. Die beiden neh­men Platz im Separee. Er­rol bestellt Champagner für seinen „Freund“ Lutz und die bei­den Damen, die sich zu ih­nen gesel­len. Es ist Sonntag und nicht viel los in dem Etablis­sement. Der Wirt spendiert Wodka. Der geht aufs Haus, alles an­dere aufs BKA. Errol ist Alkohol nicht gewohnt. Die Damen tanzen. Sie hei­ßen Gra­ziella und Lo­rena und legen für ‘nen Fuffi auch gern mal einen Private Dance hin. Er­rol ziert sich zu­nächst, macht dann aber mit; Lutz H. lehnt diese körper­nahe Version dar­stellen­der Kunst ab. „Wenn Banu da­von er­fährt, kriege ich mächtig Ärger“ wird er spä­ter sagen.

Das akustische Geschehen dieser Nacht wurde von Errol über ein am Körper verstecktes Mikro aufgenom­men.  An einer Stelle der Audiodatei, die sich in den Ermittlungsakten fin­det, herrscht 20-minütiges Schwei­gen. Ist Errol ein­geschlafen? Gerade mit der Dame zu­gange? An einer an­deren Stelle fehlen glatte fünf Minu­ten. Ein technisches Versehen? Raus­geschnit­ten?  Errol denkt darüber nach, sagt: „Wie ich schon sagte …“, kann das jetzt aber auch nicht erklä­ren.

Tatsächlich will sich der ermittlungs­technische Sinn des Tingeltangel­be­suchs nicht recht er­schließen. Den Verteidigern nicht, der Kammer auch nicht. Er habe damit „das Ver­trauens­verhältnis ver­tie­fen“ wollen, erklärt der Zeuge um­ständlich. Was diese Nacht gekostet habe, begehrt Vertei­diger Andreas von Dahlen (Düs­sel­dorf) zu erfahren. Und wie mit der Dienststelle abgerechnet wurde. Errol windet sich. Behördenin­terna dürften nicht preisgegeben wer­den. Anwalt von Dahlen insistiert: „Was kostete eine Fla­sche Champagner?“ – „150 Euro.“ – „Wieviele wurden getrun­ken?“ – „Drei und eine Flasche Wein.“ Die Verteidi­ger äußern den Verdacht, der VE habe die Zielperson betrunken zu machen versucht, um ihr Belasten­des zu entlo­cken. Sollte dies das Ziel ge­wesen sein, wurde es trotz einer In­vestition von mindestens 500 Euro gründlich verfehlt: Be­trunken war am Ende vor allem der Verdeckte Ermittler.

Ortswechsel. Gmünd ist ein idylli­sches Kärntner Städtchen im Tal der Lieser. Rechtschaffenheit liegt über den kopf­steingepflasterten Straßen am Fuße der alten Festung. Das letzte Verbrechen dürfte sich hier zugetra­gen haben, als 1773 die unter Folter geständige Gift­mörderin Eva Faschau­nerin hingerichtet wurde. In einer Pizzeria sitzen drei Möchtegern-Gangster und erzählen sich Räuber­pistolen: Lutz H., Banu D. und VE Er­rol. Der hat sich die Legende ei­ner Unterweltgröße zugelegt. Er gibt vor, einen Kontrahenten aus dem Weg räumen zu wollen, den „Frankfurter“, eine Kunstfigur, die er in den zurück­lie­genden Wochen mit vielen krypti­schen Andeutungen erschaffen hatte. Sein vorgeblicher Plan: Er wolle den „Frank­furter“ mit einer untergescho­benen hei­ßen Waffe aus dem Weg räumen. Eine Szene wie aus ei­nem Scorsese-Film, einschließlich der Di­aloge. Errol: „Ich brauche zwei kurze Waffen.“ Lutz H. (zu Banu D.): „Er braucht eine Partywaffe.“ Die offen­sichtlich leicht angeschickerte Banu D. begeis­tert sich für das Szena­rio: „Sag mir, was ihr genau wollt, und ich mache euch einen Plan …“

Da ist es wieder, das Wort „Party“. Nach Überzeugung des Verdeckten Ermittlers der Code für schwere Ver­brechen. Er hat sich das aus Äußerun­gen von Banu D. zusam­mengereimt. Aber längst ist er mit sei­ner aus­schmückenden Geschichte über die Unterwelt und seine dunkle Rolle da­rin selbst Teil des Schauspiels ge­wor­den, eine Art Stichwortgeber in ei­nem schrägen Stehgreiftheater. Banu D. als Serienkiller, ein weibli­cher Hannibal Lecter ohne Gourmet­ambi­tionen. Wie viele Leichen pflas­tern ih­ren Weg?

„Wir gerieten an einen Punkt, wo’s im­mer interessanter wurde“, sagt er einmal im Zeugenstand, und so mag er am Schluss die von ihm selbst los­getretene Komödie für bare Münze genommen haben. Eine alte Poker­weisheit lautet: „Wenn du dich am Tisch umsiehst und nicht merkst, wer der Trottel ist, bist du’s.“