Der Fahnder und das Raubein

Von Dieter A. Graber

HANAU. Stellen wir uns den Mann, der sich Errol nennt, einmal im wirkli­chen Leben vor. Ein junger Bur­sche, vielleicht in den frühen Dreißi­gern, türkischer Migrationshinter­grund, gut aussehend, durchtrainiert, Oberarme wie ein Eisenbieger, aber kultiviert, höflich, eher zurückhaltend. Typ Schwiegersohn also und eigent­lich das Gegenteil von Lutz H., der diesen Burschenschafterhabitus pflegt mit bisweilen herrischem Auftreten, ein Raubein mit harten, scharfkanti­gen Gesichtszügen, die kaum ein Lä­cheln zustande bringen, bestenfalls ein Grinsen. Der Verdeckte Ermittler Er­rol also erzählt nun als Zeuge im Volkeprozess seine Erlebnisse mit dem Paar aus den Kärntner Bergen.

Ein Jahr lang hat er die beiden beo­bachtet, belauscht, bespitzelt. Die Welt der Banu D. und des Lutz H. so­wie die des BKA-Beamten Errol sind in Wirklichkeit aber nicht kompatibel. Er­rol hat sich da geschickt eingeschli­chen, indem er ein anderer zu sein vorgab, einer, der interessiert sei an am Weidwerk (dem er in Wahrheit nichts abgewinnen kann), und zwar mit al­lem, was dazu gehört: Leben in der Natur, An­pirschen, Beobachten des Wildes, Waffen, und, ja auch dies – Töten.

Banu D. habe mal ein Tier „aus nächs­ter Nähe erschossen“, sagt Errol. Nach Gefühlskälte klingt das, nach Grau­samkeit, nach Freude am Auslö­schen von Leben – für einen klingt das so, der Reh­rücken assoziiert mit Rotkohl oder überzeugt ist, die Grillwurst komme aus der Fo­lie. „Sie hat mir er­klärt, wie ein Stück Wild getroffen werden muss, damit das Fleisch hin­terher noch verwend­bar ist“, sagt der Zeuge. Nun, so etwas nennt man ge­meinhin Jagdhandwerk.

Akribisch notierte Errol alles, was ihm verwertbar erschien, jede Äußerung seiner Zielpersonen, jede Nuance ih­rer Lebensführung. Dass „die Kinder [von Banu D., d. Red.] auf Kom­mando“ gehorchten und sich im Haushalt nützlich machten, erscheint ihm suspekt. Früher verstand man dies bisweilen als Ausdruck „guter Er­ziehung“. Er vermerkte, dass sie über kein eigenes Kinderzimmer verfügten und inmitten einer skurrilen Erwach­senenwelt mit Jagdtrophäen und An­tiquitäten leben mussten, im Winter gar in ungeheizten Räumen. Gutach­ter Dieter Marquetand attestiert dem ungleichen Liebespaar – der Altersun­terschied beträgt zweiundzwanzig Jahre – „abstruse Verhaltensweisen“. Das freilich ist töricht, macht es doch den ei­genen kulturellen Horizont zum Maß­stab allgemeiner Beurteilung.

Gleichwohl durchzieht das Leben des Lutz H. ein archaischer Grundtenor, eine nahezu rücksichtlose Hinwen­dung zu männlicher Härte und Ratio­nalität: Ein herrisches „Schnauze!“ sei einmal die kühle Entgegnung auf ein um Zuwendung heischendes „Ich hab dich lieb, Papa!“ seines Sohnes gewe­sen. Doch dann, nach ein paar Se­kun­den, habe der Vater versöhnlich hinzu gefügt: „Das heißt: Ich hab dich auch lieb …“ Der müde Empathieversuch eines Mannes, der zu Empathie ei­gentlich nicht fähig ist? Errol hat’s je­denfalls brav in seine Zi­taten­samm­lung aufgenommen.

Es wird Marquetand überlassen blei­ben, aus derartigen Momentaufnah­men seine Schlüsse zu ziehen und ein Psychogramm zu fertigen von diesem Angeklagten. Er wird dazu in dessen Fa­miliengeschichte eintauchen müs­sen. Denn in Lutz H. manifestiert sich das Weltbild eines Vaters, das von einer patriarchali­schen Geisteshaltung beherrscht war mit ihren entsprechen­den Attributen: Großwildjagd, Men­sur, Alkoholex­zesse als Ausdruck von Männlichkeit. Es soll ein Foto vom Angeklagten geben, das ihn in Afrika vor einem er­legten Elefanten zeigt. Das ist ge­schmacklos, ohne Frage, doch auch ein Indiz für seine Schuld in diesem Mordfall? Marque­tand gilt als fähiger Arzt. Ob seine Expertise dann aber zur Grund­lage einer Ge­richtsentscheidung über Schuld oder Unschuld taugt, nun, das bleibt abzu­warten.

Zielführender könnten die Äußerun­gen des Lutz H. über das Verbrechen an seinem Schwager selbst sein. Jür­gen Volke habe „sich wohl mit dem Falschen an­gelegt“, erinnert sich der Ver­deckte Ermittler an eine Bemer­kun­g. Und: „Alle glauben, dass ich es war …“ habe Lutz H. einmal getönt. Klingt nach Häme und Hochmut. Der Polizei in Hanau habe er damals hel­fen wollen und deshalb bei seiner Vernehmung als Beschuldigter auf anwaltlichen Beistand verzichtet. Ein Mörder, der seine Unterstützung bei der Fahndung nach ihm selbst anbie­tet? Nun, zumindest dies könnte als Abstrusität durchgehen.

Und doch gibt es auch das andere Ge­sicht dieses Angeklagten, aus dem schlau zu werden so unsagbar schwer zu sein scheint: „Wenn ich es gewe­sen wäre“, sagt er einmal vertrauens­selig zu Errol, seinem vermeintlichen Freund, „hätte ich die Waffe in Einzel­teile zerlegt und im Main entsorgt.“ Der Konjunktiv des Oberschlauen? Nur wenige Tage später bietet er dem Verdeckten Ermittler genau diese Knarre zum Kauf an.

Superbientem animus prosternet lautet ein Bibelspruch. Den Überheb­lichen wird sein Hochmut zu Fall bringen.