In der Falle

Von Dieter A. Graber

HANAU. Um 11.14 Uhr wird Banu D. in Saal 215 der Haftbefehl we­gen Mordverdacht verkündet. Sie wirkt konsterniert, bleibt aber ge­fasst. Sie trägt, wie bei den voran­gegangenen Prozessterminen, ein dunkles, gestreiftes Kostüm, schwarze Pumps und das braune Haar locker am Hinterkopf zu­sammengesteckt. Sie ist am Mor­gen aus Kärnten angereist und hat über eine Stunde vor dem Saal auf ihre Zeugenbefragung gewartet. Vielleicht ahnte sie, dass heute et­was passieren würde. Eigentlich muss sie damit gerechnet haben nach all den Fragen der Kammer, des Staatsanwalts, der Nebenkla­geanwältinnen in den zurücklie­genden Verhandlungstagen. Sie war in die Enge getrieben worden. Nun sitzt sie in der Falle. Es ist eine überraschende Wendung, aber  eine mit Ansage.

Zwei Tage zuvor hatte Staatsanwalt Mathias Pleuser die Anklageschrift einge­reicht. Sie ist das Ergebnis der bisherigen Beweisaufnahme; und sie gründet auf neuen Erkenntnis­sen, die im Lichte der jüngsten Zeugenaussagen den Schluss gera­dezu aufdrängen, dass Banu D. am 7. September 2013 gegen 23.30 Uhr die tödlichen Schüsse auf Jür­gen Volke abgegeben haben muss. Richter Peter Graßmück spricht von einem „dringenden Tatver­dacht“. Der ist Voraussetzung für den Erlass eines Haftbefehls.

Indiz 1 – die Polizeikontrolle: Dem Bericht eines verdeckten Er­mittlers kommt in dem Mordfall eine besondere Bedeutung zu. Er war auf Lutz H. angesetzt gewesen und hatte über viele Monate hin­weg das Vertrauen der beiden ge­wonnen.  Lutz H. übergab ihm schließlich 2016 die Tatwaffe, eine Pistole der Marke Browning, und merkte dazu an, sie sei für den Mord in der Gallienstraße verwen­det worden. Banu D. wiederum erwähnte dem verdeckten Ermitt­ler gegenüber in diesem Zusam­menhang eine Polizeikontrolle, in die sie damals geraten sei und meinte vieldeutig: „Wenn wir richtig überprüft worden wären, dann hätte es ganz schön gepoppt. Dann säße ich jetzt unter lauter Frauen …“ Tatsächlich kam nun in der Vernehmung von Cengiz G., dem damaligen Liebhaber der Banu D., mit dem sie in der Tat­nacht unterwegs war, diese Kon­trolle zur Sprache. Cengiz G. hatte auf der Standspur einer Autobahn angehalten, um ein Telefonat zu führen und war dabei einer Streife aufgefallen. Verdacht: Banu D. führte die Waffe noch mit sich, die sie kurz zuvor in der Gallienstraße verwendet hatte.

Indiz 2 – das Alibi: Banu D. kam frühestens um kurz vor ein Uhr morgens mit Cengiz G. in der Wiesbadener Zurna-Bar an und nicht schon, wie behauptet, bereits um Mitternacht. Zu diesem Zeit­punkt nämlich begann der Auftritt eines türkischen Sängers, die At­traktion des Abends. Laut dem Zeugen Ilhan I., der die beiden dort erwartet hatte, waren sie erst kurz davor eingetroffen. Laut Richter Graßmück gibt es folglich „ein ausreichendes Zeitfenster“, um den Mord begangen zu haben.

Indiz 3 – die Handydaten: Banu D. gab an, noch nie in der Gallienstraße gewesen zu sein. Jetzt  konnte jedoch festgestellt werden, dass ihr Mobiltelefon am 30. Juli 2013, fünfeinhalb Wochen vor den tödlichen Schüssen, bei einem Funkmast an der Willy-Brandt-Straße eingeloggt war. Graßmück: „Der hat einen Abstrahlwinkel von 240 Grad: in diesem Bereich liegt die Gallienstraße.“ Vermutung: Sie spionierte den Tatort aus. Zu die­ser Zeit ging bei Lutz H. auch eine aus dem Bereich der Gallienstraße abgeschickte Kurznachricht ein: „Schatz, es dauert noch ein paar Minuten.“ Nach Einschätzung der Kammer deutet die SMS auf Banu D. als Absenderin hin. Zudem hatte sie die Adresse „Gallienstraße 18“  bei Google Maps eingegeben.

Ferner belegen Funkzellendaten ihres Mobiltelefons, dass sie sich vor der Tat, um 21.30 Uhr, in Bad Schwalbach aufhielt. Die Strecke von hier bis Hanau ist in gut einer Stunde mit dem Auto zu schaffen.  Um 22.12 Uhr wurde ihr Handy von Cengiz G. angewählt; zu diesem Zeitpunkt war es offenbar aber schon ausge­schaltet. In den folgenden Stunden gibt das Gerät kein „Lebenszei­chen“ mehr von sich; erst am nächsten Morgen ist es wieder in Betrieb.

Indiz 4 – eine Bemerkung: Dem verdeckten Ermittler hatte Lutz H. einen kryptischen Hinweis gegeben. „Ich habe die Tat nicht begangen. Auch keiner aus der Familie. Aber jemand, der dicht dabei ist! Ich war instrumentativ beteiligt, habe gesagt, wo Flucht­wege sind und Kameras …“ Nach Ansicht von Staatsanwalt Mathias Pleuser könnte dies auf eine ge­meinsame Planung hindeuten – mit Banu D. als ausführender Tä­terin.

Das Motiv liegt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in dem Erb­schaftsstreit begründet, den Ulrike Volke, die Ehefrau des Opfers, seit dem Tod der Mutter 2009 gegen ihren Bruder führte. Lutz H. be­wohnte das Haus in dem kleinen Ort Eisentratten (Kärnten) ge­meinsam mit Banu D.; er ist aller­dings noch verheiratet. Nachdem er in der ersten Instanz obsiegt hatte, schien es nun, als wende sich das Blatt vor dem OLG Frankfurt zugunsten seiner Schwester. Pleuser: „Die beiden sahen ihre gemeinsame Lebens­planung gefährdet.“

Banu D. äußert sich zunächst zur Sache nicht. Sie wird in die JVA Preungesheim gebracht. Zuhause in Eisentratten warten ihre beiden Kinder, sieben und neun Jahre alt, vergeblich auf ihre Mutter. 

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