Der Hammer und das Hämatom

Drinnen gebechert, draußen geprügelt: Heiligabends vor der "Heppe"

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Begriff „Heppe“ hat meh­rere Bedeutungen. So ist er die aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitete mundartliche Bezeichnung für eine Ziege, der Hippe, ferner steht er für ein kleines sichelförmiges Hauwerk­zeug, mit dem Waldarbeiter gefällte Bäume entasten. In Bad Orb kennt ihn jeder als Name einer Altstadt­kneipe. Urig, billig und ein wenig an­gestaubt: „Zur Heppe“. Etwas ver­schämt versteckt sie sich im Häuser­gewinkel hinter der Hauptstraße. Nachts ist es still hier und dunkel, noch stiller und dunkler als im Rest der Stadt. Heiligenabend vergangenen Jahres sollen Karsten A. und Nader N. vor der „Heppe“ einen Mann zusam­mengeschlagen und ausgeraubt ha­ben.

Der Prozess entbehrt nicht einer ge­wissen Skurrilität, was vor allem an den handelnden Personen liegt. Sie haben keine Arbeit. Sie leben von Hartz IV. An der Hand des großen Trösters Alkohol mäandern sie durch den Tag ohne Richtung und Ziel. Der Karsten, der Nader, aber auch der Markus, ihr Opfer von der „Heppe“. Die den beiden im Prozess vor der 1. Großen Strafkammer vorgeworfenen Taten sind Ausdruck einer frappanten Schicksalhaftigkeit, der alles in ihrem Leben zu unterliegen scheint: Zufällig waren sie auf der Straße unterwegs, zufällig begegneten sie ihren Opfern, zufällig  kamen sie auf dumme Ge­danken ... Dem Markus sollen sie das Portemonnaie mit 280 Euro abge­nommen haben. An Einzelheiten erin­nert der sich nicht mehr. Hatice viel­leicht? Sie war Bedienung an jenem Weihnachtsabend in der „Heppe“. Es soll Streit schon in der Kneipe gege­ben haben, der später dann auf der Straße seine Fortsetzung fand. Die Kammer beschließt, sie als Zeugin zu laden.

Um ein Schlagwerkzeug geht es auch am heutigen Verhandlungstag, um einen Hammer. Die Hammerfrage dürfte in dieser Geschichte über unbedingte Freiheitsstrafe oder Bewährung ent­scheiden. Nämlich: Hat der Nader den Fabio damit geschlagen? Ihn hatten die beiden drei Tage zuvor ganz in der Nähe der „Heppe“ über­fallen, anschließend mit seiner Bankkarte 500 Euro aus dem Geldautomaten gezo­gen (mehr dazu hier). „Ich habe ihm nur mit den Knö­cheln meiner Faust auf den Kopf ge­hauen“, beteuert Nader. Er ist ein großer Bursche, 25 Jahre, kräftig, wenn auch schon etwas zu sehr aus dem Leim gegangen für sein Alter. Er zeigt seine rechte Hand. Es ist keine Pranke, eher ein Händchen. Kann man damit „ein Hämatom von etwa 2,5 Zentimeter Durchmesser links ober­halb des Ohrs“ hervorrufen, wie Julia W. die Verletzung beschrieb? Die junge Ärztin hatte Fabio in der Not­aufnahme des Gelnhäuser Kranken­hauses in jener Nacht versorgt. Heute erinnert sie sich nur noch schwach. „Bei den vielen Patienten …“ Dumm nur: Es gibt keine Fotos der Verlet­zung. Nicht mal die exakte Uhrzeit wurde festgehalten. Versäumnisse, die sich jetzt rächen, denn wie soll Staats­anwalt Joachim Böhn einen schweren Raub, für den es mindestens drei Jahre gibt, nachweisen, wenn „eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug“ (Paragraph 250 StGB) gar nicht mit Sicherheit verwendet wurde.

Aber wie kam der Hammer überhaupt in die Welt? „Sie haben mir gedroht, mich damit totzuschlagen“, beteuert Fa­bio im Zeugenstand. In einer früheren Vernehmung will er die Tatwaffe so­gar gesehen haben. Aber das ist un­klar. So aufgeregt wie er war. Jetzt spricht er nur noch von „einem harten Gegen­stand“. Fabio ist so ein Klei­ner, Schmächtiger. Er selbst hatte üb­rigens 1,2 Promille intus gehabt in je­ner Nacht.

Karstens Verteidiger, der Strafrechtler Bruno Wolf aus Gelnhausen, geht in die forensischen Details: Auftreffwin­kel des Hammerkopfes, Ausdehnung der Schwellung – was lässt sich über­haupt noch feststellen? Und so soll der Gerichtsmediziner Matthias Kett­ner aus der vagen Beschreibung eines vor einem Jahr in nur zehn Minuten verarzteten Hämatoms nunmehr Rückschlüsse auf dessen Verursachung ziehen. Nein, das übersteigt seine wissenschaftlichen Möglichkeiten. Da muss er passen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Übrigens: Alle Beteiligten haben seither die „Heppe“ nicht mehr besucht. Vielleicht muss erst mal Gras über die Sache wachsen.

 

Info: 
Tatort Altstadt: Das Lokal „Zur Heppe“ besticht wohl eher durch seine Namensgebung als durch sein gastronomisches Angebot