In der Hitze der Nacht

Fremder, kommst du in eine kleine Stadt, benimm dich nach ihren Regeln. Und streichle nicht einfach die nächstbeste Frau, das kann Ärger geben. Filmplakat, USA, 1967, ©United Artists

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vielleicht war alles nur ein Missverständnis. Vielleicht hat sich Abdulahi, bierseelig und bedürftig der körperlichen Nähe einer weiblichen Person, ja nur zu einer kleinen erotischen Eskapade hinreißen lassen in jener Nacht auf der Konrad-Adenauer-Allee zu Nidderau-Windecken, als er der blutjungen Maria begegnete. Und jetzt sitzt er auf der Anklagebank des Landgerichts wegen eines versuchten Totschlags. Welch eine Tragödie …

Er ist Asylbewerber. Er ist 32 Jahre alt. Er ist schlank, und sein haarloser Schädel reflektiert das Licht der Deckenbeleuchtung wie eine polierte Billardkugel. Er stammt aus Mogadischu. Das ist die Hauptstadt von Somalia. Dort herrscht Bürgerkrieg. Die UN registrierte im vergangenen Jahr 977.000 Flüchtlinge aus dem Land am Horn von Afrika. Einer von ihnen ist Abdulahi. Heute befindet er sich hier in Saal 215 genau 6.361 Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Laut Anklageschrift, die Staatsanwältin Bettina Fauth vorträgt, hielt Abdulahi in der Nacht des 1. September nahe dem Bahnhof von Windecken auf der Straße einen blauen VW Polo an. Daumen hoch! Das heißt: Mitfahrgelegenheit gesucht! Am Steuer des Wägelchens saß Waquas A., 25, auf der Rückbank sein Bruder, 23, und neben ihm seine Ehefrau, besagte Maria eben, ein kleines, dralles Persönchen mit großen, dunklen Augen und pechschwarzem Haar. Heute hat sie es unter einem Kopftuch versteckt. Ihre Nägel sind ferrarirot lackiert, die Jeans eng, die Brille ist schick, die Handtasche auch. Ach ja, ihr Alter: „ungefähr zwanzig“, sagt sie. Vergangenes Jahr holte der Waquas sie aus Pakistan zu sich nach Deutschland.

Aber zurück in die Schicksalsnacht von Nidderau: „Mein Mann öffnete das Fenster auf meiner Seite. Der Anhalter beugte sich herein“, erinnert sie sich. „Und dann …“ Sie hat eine leise Stimme. Mehr ein Flüstern. Wie ein Windhauch in der Wüste. Keine Stimme, die zum Widerspruch geeignet wäre. „… dann fummelte er mir im Gesicht herum.“ – „Wie genau?“ erkundigt sich Richter Peter Graßmück. Sie macht es vor. Ein Streicheln über die Wange eben. Später wird sie das als „Misshandlung“ qualifizieren. Sie hätte ebenso gut „Missbrauch“ sagen können, was sie wohl auch meint. Und an dieser Stelle kommt das Messer ins Spiel, ein Küchenmesser angeblich, obwohl es, vom Griff bis zur Spitze elegant in S-Form geschwungen, eher an einen Dolch erinnert. Wellenschliff. Rostfrei. Solingen. Irgendwann tauchte es im Auto auf. Maria sagt, der Fremde müsse es in der Hand gehabt haben, als er sie durch die Fensteröffnung steckte, aber es könne, wenn sie jetzt zurückdenke, auch „irgendein anderer Gegenstand“ gewesen sein. Später wurde es im Fußraum vor dem Beifahrersitz entdeckt. Abdulahis Messer? Er müsse es, meint Maria, bei dem Handgemenge verloren haben, welches auf engstem Raum zwischen ihrem Mann, links sitzend, und Abdulahi, von rechts in den Wagen gebeugt, anhob, und sich später auf der Straße noch eine Weile fortsetzte.

Der Fund des Messers war auch der Grund, warum sie die Sache nicht auf sich beruhen ließen, sondern sich später in der Nacht noch mal zu Fuß auf die Suche machten nach dem Übeltäter. Sie fanden ihn am Kirchplatz oder irgendwo in der Nähe. Er saß auf einer Bank. Er trank Bier. Er hatte schon einiges intus. Er ließ sich von Waquas und seinem Bruder widerstandslos festnehmen und der Polizei übergeben.

Unter Drogen- und Alkoholeinfluss stehend habe der Angeklagte versucht, „auf den Brustkorb der Beifahrerin einzustechen, wobei er einen tödlichen Verlauf zumindest billigend in Kauf nahm“, heißt es in der Anklageschrift. Ein versuchter Totschlag also, der im Strafgesetzbuch (Paragraph 212) mit mindestens fünf Jahren ausgepreist ist. Abdulahi wird von dem Hanauer Strafrechtler Peter Oberländer verteidigt.

Es ist allein schon ein Erlebnis, den Angeklagten reden zu sehen. Er benutzt dabei die Hände auf eine elegante, manierierte Art. Manchmal wirkt er dann wie ein Schupo, der den Verkehr auf einer großen Kreuzung regelt. Ein Messer? Er? Niemals! Er habe nur mit Landsleuten, von denen es in Nidderau so einige gebe, ein bisschen gefeiert und sich dann auf den Weg zu seiner Frau machen wollen. Glatt versackt, kann man da wohl sagen. Und irgendwie hat er’s dann doch nicht mehr geschafft, das Bier, vielleicht auch ein Joint, wer weiß … Und die Leute im Auto habe er doch nur freundlich per Handschlag begrüßen wollen.

Von seinen Drogengeschichten dürfe seine Frau nichts erfahren, sagt er etwas kleinlaut. Zu spät, sie sitzt hinten im Zuschauerraum. Rotes Kopftuch, langer, beigefarbener Mantel über einem knöchellangen Kleid. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie schon in der Bundesrepublik, versteht aber kein Wort Deutsch. Abdulahi sagt, er habe schon sechs Kinder. Das jüngste sei erst wenige Tage vor der bösen Geschichte zur Welt gekommen. Seine Frau habe er erst in Deutschland kennengelernt. Sie leben nicht miteinander. Er ist eigentlich in Driedorf (Lahn-Dill-Kreis) gemeldet. Nein, wir können das jetzt auch nicht erklären.

Der Prozess wird fortgesetzt.