Der Junge, der keine Familie hatte

Alles so schön bunt hier! Vorne pfui und hinten … – auch nicht besser. So sieht’s aus, wenn man ohne Konstante im Leben aufwächst. Foto: Dieter Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vor dem Eingang drängelt sich eine Phalanx übervoller Müllton­nen wie Türsteher, die ungebetene Besucher abschrecken wollen. Die Fassade, drei Stockwerke hoch, muss mal weiß gewesen sein; inzwischen zeigt sie ein müdes Alltagsgrau. Bun­tes Werbematerial quillt aus Briefkäs­ten ohne Namensschilder. Trotzdem ist es eine gute Lage hier im Stadt­teil Südost, nur das Haus halt etwas absonderlich – wie ein Schmuddelkind auf dem Eliteinternat.

Im ersten und zweiten Stock wohnten David und Damian. Also „wohnen“ ist jetzt das falsche Verb. Sie hausten hier! Es gibt Fotos in den Akten von Richterin Susanne Wetzel, die zeigen verwahrloste Zimmer mit Matrat­zenlager, Müll, Trümmer, bekritzelte Wände, eine dreckstarrende Nass­zelle. Die Tür zur Wohnung des Op­fers hatte kein Schloss mehr. Sie wurde für gewöhnlich mit einem Werkzeug geöffnet. Eine Höhle mehr als ein Zuhause. Damian und David, zwei Außenseiter, die in den Tag hin­ein lebten und sich ihr elendes Dasein mit Cannabis und Ecstasy aufhübsch­ten. Eines Nachmittags, es war  im vergangenen April, schlich sich Damian in die Wohnung von Da­vid, der im Bett lag, ging mit einer gut 25 Zentimeter langen Glasscherbe und einer Feile auf ihn los, verletzte ihn im Gesicht, am Bauch und an den Armen. Ehe er das Weite suchte, zer­schlug er noch eine Bierflasche auf Davids Kopf. Gefährliche Körperver­letzung ist das. Und eine Tat ohne Anlass. Einfach so. Aus heiterem Himmel, wie man sagt. Heute wird sie vor der 2. Großen Jugendstrafkam­mer des Hanauer Landgerichts ver­handelt, denn Damian soll in eine Entziehungsanstalt eingewiesen wer­den.

Es ist eine Geschichte über die Folgen des Untergangs der Familie. Sie zeigt, was es bedeutet, wenn sich diese gesellschaftliche Institution immer weiter auflöst, bis sie nur noch als temporäre Erscheinung ständig wechselnder Partnerschaften und willkürlich zusammengefügter Schick­salsgemeinschaften vorkommt. Die Zersetzung familiärer Strukturen führt nämlich direkt in die soziale Kata­strophe, weil mit ihnen auch Für­sorge, Vorbild und Pflichtgefühl aus dem Leben verschwinden.

Als Damian ein Jahr alt war, trennten sich die Eltern. Der Vater fand eine neue Partnerin. Sie brachte ein Kind mit. Damian lebte fortan bei der al­leinerziehenden Mutter. Er wird ein aufgewecktes Bürschchen gewesen sein, das es aufs Gymnasium schaffte, dort aber scheiterte: „Ich habe in der Schule nur gemacht, was mich inte­ressierte“, sagt er. Das sollte sein Le­bensmotto werden: Spaß haben! Die Mutter, vermutlich mit dem pubertie­renden Buben überfordert, schickt ihn zum Vater. In dessen neuer Le­bensgemeinschaft hat’s gerade Nachwuchs gegeben, ein Mädchen – seine Halbschwester; Damian streunt herum, beginnt zu kiffen, später auch synthetische Drogen zu konsumieren.

Er geht zurück zur Mutter. Die hat in­zwischen einen neuen Verlobten, den der Junge als „Stiefvater“ akzeptieren muss. Er wechselt wiederholt die Schulen. Die Adressen. Die Wohnorte. Es gibt keine Konstante in seinem jungen Leben. „Mutter ist halt gern umgezogen“, erinnert er sich. Er kann sich gut ausdrücken. Er ist schlank und hat sich das Deckhaar wasser­stoffblond gefärbt. Er trägt ein saube­res weißes Hemd mit einer locker ge­bundenen blauen Krawatte. Er ist jetzt 20 Jahre alt. In einer anderen Welt wäre er vielleicht Bankkauf­mann geworden, Möbeltischler, Webdesigner.

Spaß haben will er: Amphetamin, Ecs­tasy, LSD. Party machen, lange schlafen. 17 ist er, da raucht er täglich drei Joints und wirft ein, was ihm sonst noch in die Finger kommt. Er fliegt von der Schule, jobbt vorüber­gehend bei einem Catering-Unter­nehmen, schließlich am Fließband bei Dunlop, wirft aber hin, „weil es mir da zu monoton war“. Die Mutter hat in­zwischen wieder ein neues Glück ge­funden, dem sie nach Norwegen folgt; Damian landet – ziel- und orien­tierungslos durchs Leben mäandernd – bei der Großmutter, bevor er sich schließlich eine eigene Wohnung mie­tet. Ein unerwarteter Geldsegen sei da auf ihn hernieder gegangen, be­richtet er: „Eine Kindergeldnachzah­lung.“ Sie reicht für Kaution und eine einzige Miete. Längst ist da bereits alles aus dem Ruder gelaufen.

David (26) erscheint nicht. Seine La­dung als Zeuge wird in einem dieser überquellenden Briefschlitze stecken, die seit Monaten nicht mehr geleert worden zu sein scheinen. Es stellt sich heraus, dass er unbekannten Aufent­haltes ist. Ein Künstler. Hatte eine Ausbildung auf der Zeichenakademie absolviert und ist dann irgendwie ver­sackt. Zum Schluss war er als polizei­bekannter Sprayer in Hanau unter­wegs. „Kumpel sind wir gewesen“, sagt Damian. Brüder im Geiste wird es besser treffen.

Nein, so recht erklärbar ist seine Tat nicht. Zuvor habe er Gott vernommen und Engel, sagt Damian. Der David habe ihn mal beleidigt. Sein Leben lang habe er sich stets alles gefallen lassen. An diesem Tag sollte das an­ders werden.  „Ich wollte ihn aber nicht verletzten“, beteuert er. Auch er erlitt Schnittwunden an der Hand.

In seinem Gutachten attestiert ihm der Psychiater Marco Giesler aus Haina eine Psychose, die auf den Rauschgiftkonsum zurückzuführen sei. Sie könne sich unter Drogenein­fluss immer wieder bemerkbar ma­chen. Damian wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft in eine Entzie­hungsanstalt eingewiesen.

Mit Rücksicht auf sein Alter haben wir seinen Namen geändert. Und weil er irgendwie doch auch ein Opfer ist.