Der Junge mit dem Hammer

Ein Leben voller Hass: Benjamin S. mit Verteidiger Will beim Prozessauftakt. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. In der Nacht des 20. Januar wartet Benjamin S. vor dem Kaufland in Hailer. Er hält einen Schlosser­ham­mer in der Hand. Er hatte an die­sem Tag ein paar Joints geraucht und 35 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, zu­nächst von Butterstadt nach Hanau, dann nach Hasselroth und schließlich hierher. Es ist 23.30 Uhr. Kurz zu­vor war ein wenig Schnee gefallen. Kalt spiegelt sich das Licht der Park­platz­lampen auf dem feuchten As­phalt. Einsam ist es hier um diese Zeit. Die Verkäuferin Bettina F. (33) verlässt den Lebensmittelmarkt, um in ihr na­he­bei geparktes Auto zu stei­gen.

„Ich sah, wie sich mir jemand von der Seite näherte, und wich ihm aus. Als ich an ihm vorbei war, kam der erste Schlag. Von hinten. Ich strauchelte, sah den Hammer, nahm die Hand hoch und drehte instinktiv den Kopf weg.“ Er erwischt sie des­halb beim zweiten Mal nur leicht an der linken Schläfe. Dann geht er weg. Wortlos. Stunden später, als er in ei­nem Schuppen sei­nes Elternhauses festge­nommen wird, sagt er lapidar: „Die Frau war mir scheißegal. Ich wollte nur, dass es schneit.“ Von „Wahn­lo­gik“ spricht Oberstaatsanwalt Mies.

Es ist eine irre Tat. Sinnlos, krank. Und so erschreckend, weil sich Täter und Opfer vorher nie begegnet sind, er nichts von ihm wollte, kein Geld, keinen Sex. Gar nichts. Nur zuschla­gen wollte er. Benjamin S. sagt jetzt in Saal 215 des Landgerichts, er könne sich nur noch schwach erinnern.

Benjamin S. hatte drei Väter. Der leibliche starb, als der Junge neun Monate alt war. Vier Jahre lang kämpfte sich seine Mutter mit den zwei Buben alleinerziehend durchs Leben, dann heiratete sie erneut. Sie ist eine tapfere Frau, 55 Jahre, hin und hergerissen zwischen der Liebe zu ih­rem Kind und der Angst vor ihm, der Sorge um seine Zukunft und den Schuldgefühlen, die sie hegen mag. Der zweite Vater ging, als Benjamin zwölf war. Die Eltern ließen sich scheiden. Es ist das Alter, in dem Jun­gen am drin­gendsten einen Vater brau­chen. Als Vorbild. Als Auto­rität. Als Freund. Um stolz auf ihn zu sein. Benjamin baut in der Schule ab. Er schwänzt oft, ist lieber draußen, treibt viel Sport: Fußball, Bas­ketball, Skate­board. Er engagiert sich bei der DLRG. Später macht er eine Lehre als Konstruktionsmechaniker.

An einem Vormittag im März 2015 dreht der Stadtpolizist Sven G. (34) seine Runden durch die Hanauer In­nenstadt. Er schreibt Falschparker auf. Er trägt seine blaue Uniform und eine weiße Dienstmütze. Auf der Nord­straße pöbelt ihn ein junger Mann an: „Lass die armen Autofahrer in Ruhe, du Depp …“ Sven G. ignoriert ihn. Wenig später wird er von ei­nem faustgro­ßen Kieselstein getrof­fen, den der an­dere aus kurzer Distanz ge­schleudert hatte, und zwar ge­zielt ge­gen seinen Kopf. „Nur, weil ich ge­rade meine Mütze abnehmen wollte, er­wischte er mich bloß am Arm. Er rannte weg.“ Der Täter ist Benjamin S.; er wird zwei Wochen später von Sven G. zu­fällig auf der Straße wieder­erkannt, daraufhin festge­nommen.

Benjamins Leben gerät aus der Spur, als er volljährig wird. Viel­leicht auch schon früher, aber das habe man zu­nächst nicht gemerkt, sagt Herr H. (62), sein dritter Vater. Er zog mit der Mutter des Jungen zusammen, als der dreizehn war. Die beiden kannten sich ja schon lange, eine spät entdeckte Liebe, könnte man sagen. Herr H. handelt mit Eiern, Wurst und Honig. Er fährt auf Wochenmärkte. Er muss in aller Herrgottsfrühe raus und braucht fürs Geschäft jede helfende Hand. Aber der Junge, sagt er, habe sich plötzlich verändert. „Anfangs war ja alles gut mit uns, aber dann wollte er nichts mehr tun …“

Die Eskalation muss sich auf leisen Sohlen in die heile Welt der Patch­work-Familie geschlichen haben. Erst patzige Worte, dann Gewalt gegen Sa­chen, schließlich auch gegen Per­so­nen. Angst zieht ein in das An­we­sen in Hasselroth. „Einmal zertrümmerte Benjamin die Tür zu unse­rem Schlaf­zimmer“, berichtet Herr H., der sich sei­nerzeit extra eine Eisenstange ne­ben das Bett ge­legt hatte. Für den Not­wehrfall. Ein andermal habe Ben­jamin ein Messer nach ihm geworfen und ver­sucht, ihm ein gerahmtes Bild auf den Kopf zu schla­gen. Er muss schließlich ge­hen. Er bekommt Haus­verbot! Wie schwer wird dies der Mutter gefallen, wie groß ihre Furcht vor den immer schlimmeren Aus­ras­tern ihres Jungen gewe­sen sein. Gleichwohl lässt sie ihn nicht im Stich, versucht, ihn zu einer Therapie zu bewegen; er verwei­gert sich. Sie mietet eine Woh­nung für ihn; die brennt aus, und er wird obdachlos, streunt durch die Lande, kommt mal bei den Großeltern unter, taucht wie­der zuhause auf. So auch am 20. Ja­nuar. Sie lassen ihn nicht rein. Wü­tend zieht er weiter. Nach Hailer. Den Hammer hat er aus der Werkstatt mitgenommen. Der Hass auf den Mann an der Seite seiner Mutter muss inzwischen riesig gewor­den sein. Er lässt ihn an anderen ab, de­nen er zu­fällig begeg­net. An Stellver­treter-Op­fern.

Siebzehnjährig habe er mit Drogen angefangen, erzählt er: Haschisch, später auch Amphetamine. Richter Peter Graßmück stellt die Einweisung in eine Entziehungsanstalt in den Raum. Darauf wird es wohl hinaus­laufen.