Der König und sein Mord

Als das Wünschen noch geholfen hat: Thomas Becket starb eines gewaltsamen Todes, weil Heinrich II. seinen Gedanken etwas zu sehr freien Lauf gelassen hatte

Von Dieter A. Graber

HANAU. Zu den außergewöhn­lichen Vertretern des nicht im­mer seriösen Gutachtergewerbes, wie es sich in Gerichtssälen biswei­len zu präsentieren pflegt, gehört der Psychiater Dieter Marquetand aus dem südhessischen Airlen­bach. Der 72-jährige Psy­chiater zeichnet sich durch Be­harrlich­keit aus, ja nachge­rade durch Detailbesessenheit  bei der Ar­beit an jedem einzel­nen Fall. Nun legte er sein Gutach­ten über die beiden Ange­klagten im Volke­mordverfahren vor.

Marquetand kommt zu dem Schluss, Lutz H. und Banu D. seien „voll schuldfähig“, wenn – man beachte den Konditional­satz! – sie die Tat denn begangen hätten: „Unterstellt, der Ange­klagte war der Schütze und es spielte sich so ab wie angeklagt ...“ Für beide gelte dann, dass sie weder unter einer Persönlich­keitsstörung litten, noch Wahn­vorstellungen oder eine seelische Abartigkeit bei ihnen vorliege. Dieses Ergebnis bildet einen selt­samen Kontrast zu dem Ein­druck, den die Aussagen der Verdeckten BKA-Ermittler (Tarnnamen: Ayse und Errol) zu suggerieren versuchten: Lutz H. ist laut Gutachten eben nicht der gefühlskalte Egoist, der auf der Jagd im Töten seine Befriedigung findet; Banu D. nicht die leicht schräge, raffi­nierte, ihm bedingungslos erge­bene Frau an seiner Seite. Zwar verfüge Lutz H., dem Marque­tand im übrigen Hilfsbe­reitschaft und Empathie attestiert, über eine „be­sonders ich-bezogene Wesens­art“, was aber nicht als anormal gelten könne. „Und dass er sich mit seiner Schwester nicht ver­steht, ist auch nichts Unge­wöhn­liches.“

Marquetands fast zweistündiger Vortrag mag als eine Art Anker dienen für diesen Prozess, in dem viel vermeintlich Belastendes aus küchenpsychologischen Versatz­stücken zusammengesetzt wurde. Kaum waren seinerzeit die tödli­chen Schüsse in der Gallienstraße verhallt, stand Lutz H. für die Ermittler schon als Täter fest. Systema­tisch zeichneten sie das Bild ei­nes verschlagenden Hochstaplers: ein falscher Arzt ohne geregeltes Einkom­men, ein schießwütiger Weidmann, so abgebrüht, dass er sogar der ihn vernehmenden Staatsanwältin zynisch seine Mithilfe bei der Aufklärung anbietet. Zudem ist er Mitglied in einer schlagenden Verbindung, der Landsmann­schaft Tyrolia, was offenbar nicht nur auf eine unedle Gesinnung, sondern auf einen Hang zu blutigem Zeit­vertreib schließen lässt. Banu D. hatten Polizeipsycho­lo­gen via Ferndiagnose „hohe Im­pulsivität und Destruktivität“ sowie „eine dependente Beziehung zu ihrem Lebenspartner“ attes­tiert. Zwei „Natural Born Killers“, wie sie Oliver Stone in seinem gleichnamigen Film von 1994 vorführt. Nichts davon mag der Gutach­ter so stehen lassen.

„Instrumentativ“ habe er an der Tat mitgewirkt, hatte Lutz H. den Verdeckten Ermittler Errol wis­sen lassen. Ein seltsames Wort. Der Duden kennt es als Terminus für ein Verb des Benutzens, das eine durch ein be­stimmtes Mittel be­wirkte Tätig­keit bezeichnet. Hämmern. Schrauben. Sägen. Kann man „instru­mentativ“ einen Mord begehen? Er habe Fluchtwege bezeichnet, vertraut er Errol an, Standorte von Kameras und so fort. Er „schwört“ aber, nicht der Schütze gewesen zu sein: „Wenn ich es gewesen wäre, hätte ich es pro­fessioneller gemacht.“ Die Kammer hat daraus die Möglich­keit einer Mittäterschaft abgelei­tet. Denkbar, aber nicht zwingend.

Der Täter, schlussfolgert der Gutachter, müsse „das Opfer von seinem Erscheinungsbild her“ gekannt haben, in der Lage ge­wesen sein, sich einen derart per­fiden Plan auszudenken und ihn „motorisch“ in die Tat umzuset­zen. Da ist nichts „Instrumenta­tives“ mehr. Es beschreibt die Arbeit eines Be­rufskillers, der mit der Perfektion des Routiniers tötet. Wel­che Rolle mag Lutz H. dabei tatsächlich gespielt haben? Er hatte die Tatwaffe in seinem Besitz, zumindest zweieinhalb Jahre später. Dies ist ein schwerwiegendes Indiz. Mehr aber nicht.

Könnte „instrumentativ“ auch bedeuten, dass die Tat von Lutz H. ausgelöst, aber gar nicht ge­wollt wurde?  Marquetand schweift gern in die Welt der Philosophie und Historie ab. Diesmal zurück ins England des 12. Jahrhunderts, zu Heinrich II., der aus Ärger über den unbotmä­ßigen Bischof von Canterbury ausgerufen haben soll: „Will no one rid me of this turbulent priest!“ Vier seiner Vasallen nahmen das angeblich als Auf­forderung und erschlugen den „aufrührerischen Priester“. Mord durch Gedankenübertra­gung also. Aber das ist nur eine Anekdote, die sich in die Ge­schichtsbücher und Welt der Dramen geschli­chen hat. Jean Anouilh hat daraus ein Stück gemacht. Es heißt: Becket oder die Ehre Gottes.