Der Lümmel aus dem 1. Stock

Von Dieter A. Graber

HANAU. Urteilt man wohlwollend über Tunc U., nennt man ihn einen Nichts­nutz. Er ist 25 Jahre alt, und sollte er, sagt sein Vater, der Mustafa, in den vergangenen sieben Jahren auch nur drei Monate gearbeitet ha­ben, dann sei das viel. So einer ist er, der Tunc. Faul, aber eine große Schnauze. Vergan­genen März hat Mustafa U. sei­nem Sohn ein Messer in den Rücken ge­rammt.

Frau O. erlebte das alles hautnah mit. Sie kennt die ganze traurige Ge­schichte. Sie ist heute Zeugin vor dem Landgericht, wo sich Mus­tafa wegen versuchten Tot­schlags verant­worten muss. Aufge­regt ist sie, aber auf die Familie U. lässt sie nichts kommen. „Das sind anständige Leute“, sagt sie. „Nur der Tunc halt …“ Gezänk hatte sie gehört, mal wieder, und war zum ersten Stock des Mehrfamilienhauses in Salmünster hochgestapft. Ein hellhö­ri­ges Haus. Oft schon hatte Frau O. ge­schlichtet, wenn der Tunc oben pöbelte, schimpfte, drohte und sich die Mutter weinend zu ihr ins Erdge­schoss flüch­tete. Dann stellte sie auf ihre burschi­kose, herzliche Art den Frieden wieder her: „Vertragt euch!“

Das Ehepaar U. lebt getrennt. Aber Mustafa besuchte die Familie regelmä­ßig. Auch am Tattag. „Zwischen ihm und seinem Sohn kam es zu einer Aus­einandersetzung“, trägt Ver­teidiger Ul­rich Endres (Frank­furt) vor. „Der be­schimpfte seinen Vater unter anderem als ,Arschloch‘. Mein Mandant gab ihm da­raufhin zwei Ohrfeigen.“ Und dann hatte er auf ein­mal ein Messer in der Hand … Tja, so ist es passiert.

Mustafa rollen die Tränen über das ha­gere Gesicht. Er hat das doch nicht ge­wollt. Seit 50 Jahren lebt er in Deutschland. Ein fleißiger Mann. Gärt­ner hat er mal gelernt, später war er Bühnentechniker am Frankfur­ter Schau­spielhaus, dann selbständig mit einem kleinen Dönerladen, später malochte er in der Fabrik und zuletzt als Kamin­holz­spalter. Für keine Arbeit war er sich zu schade. Aber jetzt, 54-jährig,  macht das Herz nicht mehr mit, kaputt­ge­schuftet, könnte man sagen. Und dann muss er sich von seinem eigenen Sohn, dem Rotzlüm­mel, beleidigen und verhöhnen las­sen.

Seine Frau sitzt hinten im Saal. Eine schmale, kleine Person im dunklen Kleid, das Haar kurz und schwarz, die Augen traurig und rot vom Weinen. Als Reinigungskraft verdient sie klei­nes Geld, und davon füttert sie den Tunc, der keine Lust zum Arbeiten hat und lieber im Tattoostudio rumlungert, auch noch durch. Am Tat­tag hatte sie Pizza im Ofen, das Messer sollte zum Zerteilen dienen. Die nette Nachbarin Frau O. hat das blutige Werkzeug, noch vor dem Ein­treffen der Polizei, abgespült.  Man will sich ja in punkto Sauberkeit nichts nachsagen las­sen.

Nun müssen wir den Tunc mal be­schreiben: Übergewichtig, graue, schlabbrige Sporthose, Bomberjacke, schwarzer Vollbart. Schon vor der Ver­handlung stromert er über den Gerichts­flur und macht klar, dass er mit dem ganzen Prozess nicht einver­standen sei. Verteidiger Endres muss ihn erst mal in den Senkel stellen. Lautstark. Benimm ist des jungen Mannes größtes Talent wahrlich nicht. Knotternd zieht er dann ab. Auf seine Aussage verzichtet die Kammer gerne. Überhaupt ist die Sache ja schon fast gelaufen: Richter Graß­mück gibt den rechtlichen Hin­weis, dass es sich vermutlich „nur“ um eine gefährliche Körperverlet­zung“ handelt, und vorab haben sich Verteidi­gung, Staatsanwaltschaft und Straf­kammer auf eine mäßige Strafe geei­nigt.

Damit wäre eigentlich alles gelaufen, und doch gerät die Verhandlung noch zu einem Kabinettstück­chen mit hohem Unterhaltungswert. Das ist dem Gerichtsmedi­ziner Axel Schnabel zu danken, einem altgedienten Gutachter, der die Pro­zessbeteiligten mit einem launigen Privatissimum  über die Anatomie des Thorax erfreut, ein­schließlich Bilder, die auf den Ge­richtsmonitoren ge­zeigt werden: Angulus inferior und Aorta und Inter­kostalraum und was sonst den Men­schen aufrecht und am Leben hält. Nein, jedermanns Sache ist das nicht, und Mustafa wendet sich mit Grausen ab, als die blutige Verletzung, die er seinem Sohn zu­fügte, zu sehen ist. In Farbe und auf Breitwand. „Nur eine tiefe Weich­teilwunde“, beruhigt der Arzt. „Kein größeres Gefäß eröffnet.“ Noch mal Glück gehabt. 

Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze hält ein gefühlvolles Plädoyer. „Ein tragi­scher Fall, der zeigt wozu ein Mensch getrieben wer­den kann. Und es hat mich tief berührt, dass der Ange­klagte und seine Frau sich immer wieder ange­schaut ha­ben.“ Er fordert zwei Jahre und zehn Monate. Und schließlich wirft auch Verteidiger End­res noch mal geballte Emotion in die Waag­schale: „Mein Mandant ertrug es nicht, dass der Sohn seine Mutter behandelte wie ein Stück Dreck!“

Und so kommt Mustafa U. mit zwei­ein­halb Jahren davon, von denen er schon sechs Monate in U-Haft verbüßt hat. Er darf heute als freier Mann das Gericht ver­lassen. Ein Happy End also. Und es wird noch besser: Das Ehepaar hat über diese tragische Ge­schichte wieder zueinander gefun­den. Die Scheidung ist passè. Alle freuen sich. Ein bisschen auch die Strafkammer.