Der Mann, der Hunde hasst

Der tut nix, der will nur spielen! Für Markus P. ist der nicht angeleinte oder fortwährend kläffende Canis lupus familiaris ein Ärgernis. Abb.: Paperback Cover ©Ballentine Books

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Mann, der Hunde hasst, ist 1,80 Meter groß und 74 Kilo schwer, entsprechend schlank also, dunkelhaarig und gezeichnet von ei­ner Tat, die an Brutalität ihresglei­chen sucht: Eine Narbe zieht sich quer über seinen Kopf, sein Gesicht weist unter der linken Schläfe eine Delle auf, das Augenlicht links ist verloren. Markus P. wurde mit einem Baseball­schläger ins Koma geprügelt. Es ge­schah am Abend des 20. Dezember 2015, und nach seiner Aussage im Prozess gegen die Brüder Dominik (23) und Julien S. (20) könnte es sich bei dem Verbrechen um einen geplanten Racheakt gehandelt haben.

Es ist eine gute Gegend hier unten am Main auf Steinheimer Seite; zwischen Fluss und der von gepflegten Ein- und Mehrfamilienhäusern gesäumten Ufer­straße zieht sich ein Grüngürtel hin, der mit Büschen und Bäumen die gegenüberliegende Ge­werbe- und Ha­fenarchitektur gnädig verbirgt. In ei­nem weiß verputzten Eckhaus wohnt Markus P. mit seiner Mutter. Sie ist 73. Das Leben hat es nicht gut ge­meint mit den bei­den in jüngster Zeit: Wegen einer Wirbelsäulenver­krüm­mung ist er, ein gelernter Werk­zeug­mechaniker und Industriekauf­mann, in Frührente. Mit 42 Jah­ren. Er leidet an De­pressionen. Seine Ein­samkeit und die negativen Stim­mun­gen pflegt er bis­weilen im Alkohol zu ertränken. Meis­tens beim Andy. Des­sen Kiosk ist Treffpunkt alter Stein­heimer. Ein bisschen klönen, „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen, ein paar Runden zwitschern – so zo­gen die Tage des Markus P. da­hin, träge wie der Fluss vor seiner Haus­tür.

Wenn nur die Hunde nicht wären … Sie verfolgen ihn. Schnüffeln an sei­nen Hosenbeinen, bellen ihn an, ja­gen hinter ihm her beim Joggen, beim Radfahren. Die Nachbarin hat so ei­nen. „In aller Herrgottsfrühe geht das los mit dem Krach“, sagt Frau P., die Mutter. „Manch­mal stundenlang.“ Absichtlich habe die Nachbarin das Tier kläffen lassen, nur, um ihren kranken Sohn zu ärgern. Und so wurde Markus P. zum Mann, der Hunde hasst – und schließlich selbst ein Objekt des Has­ses in Steinheim bei denen, die mit ih­ren Vierbeinern am Mainufer Gassi zu gehen pflegen.

Einmal begegnete er dort zwei Frauen, deren frei laufende Tiere ihn umringten, verbellten, Anstalten machten, ihn anzugreifen. „Darunter war so ein Kampfhund“, erinnert er sich nun im Zeugenstand. „Der sah gefährlich aus. Ich forderte die Frauen auf, ihn anzuleinen, doch die kümmerte das gar nicht.“ Es gab böse Worte, auch eine kleine Handgreif­lichkeit, das räumt er ein, aber nichts Schlimmes. Doch hingen später ano­nyme Plakate an Laternenpfählen und Bäumen mit einer Warnung vor dem „Hunde- und Frauenhasser“, der „Hunde und Frauen“ misshandle, und seine Adresse war angegeben ein­schließlich der Hausnummer …

Am Tatabend hatte Markus P. nach einem halben Dutzend feucht-fröhli­cher Stunden in Andys Kiosk den Heimweg angetreten. Der Wirt vom Bistro Carmelo, wo er noch ein letztes Bier trinken wollte, hatte ihn vor die Tür gesetzt. Er war da nämlich schon hacke­dicht. Später wird man gut drei Pro­mille bei ihm feststellen. Kaum zu­hause angekommen, geht es wie­der los, das Klingeln. „Manchmal früh morgens, aber auch spät am Abend“, erin­nert er sich. Schelleklobbe, wie man im Hessischen sagt, ein al­ter Lausbubenstreich. Aber warum stets nur bei ihm? Diesmal sind es zwei junge Männer. Er kennt sie nicht. Sie fordern ihn auf, mitzukommen. Mar­kus P. legt seine Jacke im Hof ab, wo die Mutter sie später finden wird, und folgt ihnen …

„Warum taten Sie das?“ fragt Richte­rin Susanne Wetzel überrascht. „Die haben mich beleidigt, provoziert –  ich wollte das ein für allemal klären“, antwortet er. Sie gehen zum Spiel­platz. Es sind ge­nau 240 Meter. Es ist 21.40 Uhr. Stock­dunkel. „Dort warte­ten zwei weitere Personen. Einer hatte einen Baseball­schläger in der Hand. Er sagte: ,Du kommst hier nicht mehr weg‘.“ Tage später erwacht Markus P. auf der Intensivstation – mit Schädel­basis- und Jochbein- und Gesichts­knochen­frakturen.

Er will ihn wiedererkannt haben, auf einer Lichtbildvorlage bei der Polizei und jetzt im Gerichtssaal. Es sei Do­minik, der ältere der beiden Ange­klagten. Auch der hat einen Hund. Markus P. sagt, er sei ihm vorher noch nie begegnet. Vielleicht spielen die beiden bislang unbekannten Frauen mit dem Kampfhund oder die Hetz­plakate gegen den „Hundehasser“ ja eine Rolle in diesem ver­wirrenden Fall, der sich jedenfalls nicht um eine zufäl­lige Begegnung dreht und eine Ge­walttat im Affekt.