Der Mann, der nur Sex wollte: die Story

Der Lumpenhund, der Galgenstrick: So lustig ist das Räuberleben nur im Film  ©Deutsches Filmmuseum Ffm

Von Dieter A. Graber

HANAU. An einem Herbsttag vor zwei Jahren beschloss Stefan S. während eines Freigangs, nicht mehr in die Kasseler Justizvollzugsanstalt zurück­zukehren, wo er noch mehrere Jahre abzusitzen hatte wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Zeit hinter Git­tern war ihm hart angekommen, so ohne Liebe und Zärtlichkeit und – na ja, Sie wissen schon: Im Knast ist As­kese mehr als eine fromme Tugend, erst recht für einen Testosteron­bol­zen von Mitte zwanzig. Das ist wie Fastenzeit ohne Ostern. Aber zum Glück gab es ja die Lisa …

Lisa P. ist ein hübsches Mädchen, blond, sehr blond und hinter dem Stefan her gewesen wie der Dackel hinterm Dachs. Oder er hinter ihr? Da gibt es unterschiedliche Darstellun­gen. Die spielen in dem Prozess mit dem Ak­tenzeichen 18399/13 vor dem Ha­nauer Landgericht eine Rolle. Si­cher ist: Die beiden hatten sich zu­nächst nur flüchtig gekannt. Dieses Adjektiv kommt jetzt mehrdeutig da­her, zuge­geben, aber es passierte auf Stefans Flucht, dass sie ein  Paar wur­den, die zierliche Klinikputzfrau mit 600 Euro netto und der Knacki mit ei­nem Vor­strafenregister wie ein „Best of“ des Strafgesetzbuches. Zuletzt hatte er den Türsteher einer Disko in Gründau übel zugerichtet; er hatte ein Messer und einen Schlagring da­bei.

Seine Flucht dauert fast zwei Monate. Lisa und Stefan stromern in Hanau und Umgebung herum. Ziellos, plan­los, irgendwie auch hilflos. Sie schla­gen die Zeit tot. Sie kommen bei Verwandten unter, mal hier, mal da, schlafen lange und vor allem: mitei­nander, gehen spazieren, klauen Fahrräder, essen Döner, während die Polizei nach Stefan fahndet. Und dann rauben sie den Maximilian aus. Der ist einer von Lisas vielen Verflos­senen. Lisa bestellt ihn zum Kurt-Schumacher-Platz im Stadtteil Kessel­stadt. Es ist der 30. Oktober 2013, abends. Es ist dunkel und einsam dort. Sie prügeln auf ihn ein. Er ist verängstigt. Er muss sein Portemon­naie rausrücken, sein Mobiltelefon Sony Xperia, auf der nächsten Spar­kassenfiliale 380 Euro, sein letztes Geld, für sie abheben. Dann lassen sie ihn laufen. Jedenfalls steht es so in der Anklage, die Staatsanwalt Ma­thias Pleuser vorträgt. „Räuberische Erpressung“ lautet das Delikt.

Stefan S. ist 28 Jahre alt, ein Bursche mit schmalen Schultern, kurzen, dunklen Haaren und einem Gesicht, auf dem ein permanenter Ausdruck von Trotz zu liegen scheint. Seine Mutter sitzt zunächst hinten im Zu­schauerraum. Eine verhärmte, kleine Frau, die wahrlich kein Glück hat mit ihrem Jungen. Sie hatte ihn und Lisa während der Flucht vorübergehend bei sich aufgenommen. Eine Mutter kann ja nicht anders, wenn sie eine gute Mutter ist.

Heute belastet Lisa den Stefan schwer. Sie sagt: „Er hat mich ge­zwungen, bei der Tat mitzumachen und den Maximilian zu schlagen.“ Aus der scheinbar großen Liebe ist so et­was wie Hass geworden. Die beiden meiden Blickkontakt. Stefan leugnet die Tat. Er sagt: „Das ist ein Racheakt von ihr. Sie hat mir nie etwas bedeu­tet. Ich wollte nur Sex und sie dann loswerden.“ Er lispelt leicht beim Sprechen. Wie Sid in Ice Age. So ein Nuscheln ist das. Es soll noch wichtig werden in diesem Prozess.

Lisa erzählt stockend, bricht immer wieder ab, um sich mit ihrem Vertei­diger zu beraten. „Er konnte sehr ag­gressiv werden“, sagt sie. Richter Pe­ter Graßmück fragt: „Wurde er auch handgreiflich?“ Sie, zögernd: „Ja, das auch … Ich hatte Angst vor ihm. Ich wollte weg, aber er ließ mich nicht.“ Drohend habe er, sie am Arm pa­ckend, gesagt: „Du gehst nirgendwo hin!“ Schmale Hände hat sie, die Lisa, die Fingernägel so lang wie falsch und rosa lackiert. Sie ist 23 Jahre. Sie trägt knallenge schwarze Jeans. Ihren restlichen Lohn will sie ihm damals gegeben haben und auch Geld von ihrer Mutter. Und später, da war er schon wieder fest­genommen worden, mitten in Hanau auf offener Straße übrigens, schickte sie ihm noch Briefe in den Knast, Lie­besbriefe, und ließ sich seinen Namen auf den Arm tätowie­ren. Wie passt das zusammen? Viel­leicht, wir stellen dies mal so in den Raum, hat ihr das ja gefallen an ihm, diese Dominanz, diese desperado­hafte Rücksichtslo­sigkeit. „Unterwer­fung des eigenen Willens unter den einer zweiten Per­son“, heißt das in der Psychologie. Hörig­keit. Dem Verfahren ist der Psy­chiater Dieter Marquetand aus Beerfelden beigeordnet. Er wird diese Möglich­keit in Betracht ziehen müs­sen.

Maximilian G. ist ein Schlacks, einsdreiundneunzig groß, 23 Jahre alt. Er war mal mit Lisa zusammen. Ganz kurz nur und vor Stefan. Sie hat­ten sich im Flur des Hauses kennen­gelernt, wo sie wohnte und „Max“, der Anlagenmechaniker, was reparie­ren musste. Es ging dann ratzfatz. Auch so eine auf schnellem Sex be­gründete Affäre. Als sie ihn dann hin­terlistig zum Rendezvous bestellte, dachte er wohl, da gehe noch was. „Die ist leicht zu haben“, erklärt der Stefan prompt höhnisch. Vielleicht ist das nicht falsch, aber galant eben auch nicht. Den Mann an Lisas Seite, den Erpresser also, habe er nicht er­kannt, obwohl die Tat gut eine Stunde dauerte, sagt der Zeuge: „Er hatte eine Kapuze überm Kopf und ein Tuch vorm Gesicht.“ Aber an eine tiefe Stimme erinnere er sich. Bass also. Sehr tief und nuschelnd. Ja, die des Angeklagten könne es gewesen sein. Stefans Stimme aber ist wohl eher Tenor.

Lisa hat den Max später angerufen und gesagt, es tue ihr leid. Sie habe das nicht gewollt. Sie hat jetzt einen neuen Freund. Sie ist mehrfach vor­bestraft, auch wegen Gewaltdelikten. Der Prozess wird fortgesetzt.