Der Mann mit der Nadel

Beutezüge über die Parkplätze der Stadt: Vor Herrn D. war kein Auto sicher. © Ed Allen, Coverentwurf  für Penguin Books

Von Dieter A. Graber

HANAU. Wenn Herr D. seine Woh­nung am Hanauer Hauptbahnhof ver­ließ, was bisweilen schon früh mor­gens geschah, führte er meist sein Werkzeug mit sich, einen Meißel zum Aufbrechen von Autotüren beispiels­weise, den er zwecks besserer Hand­habung mit einem Isolierband umwi­ckelt hatte, oder eine Anreißnadel, ei­nem Pfriem nicht unähnlich, zum lautlosen Zertrümmern von Seiten­scheiben. Man könnte Herrn D. einen der frechsten Automarder der vergan­ge­nen Jahre nennen: Staatsanwältin Grumann wirft ihm zwanzig Taten vor, aber vermutlich ist das nicht al­les.

Herr D. gibt an, drogensüchtig zu sein. Er behauptet, das Diebesgut, das er aus geparkten Fahrzeugen entwen­dete, unverzüglich für ein paar Euro verscherbelt oder, einfacher noch, gleich gegen Rauschgift eingetauscht zu haben. Ein Beschaf­fungs­kriminel­ler also. Vieles spricht dafür. Vielleicht ist er tatsächlich ein Getriebener, elend, krank, aber ande­rerseits ging er auch stets überlegt zu Werke, eiskalt und mit desperadohafter Dreistigkeit. Im Parkhaus des Forum Hanau war es ein Skoda Fabia, auf einem Tankstel­lengelände an der Eugen-Kaiser-Straße ein VW Golf. Keine Marke, keine Fahrzeugklasse ist vor ihm ge­feit, ja nicht einmal ein Leichenwa­gen, hinterm Klinikum abgestellt, flößt ihm Respekt ein. Er knackt ihn ebenso schnell wie einen BMW Z3 vorm Hauptbahnhof oder einen Opel Omega unter der Main-Kinzig-Halle. Seine bevorzugte Beute sind Mobil­te­lefone, sie lassen sich schnell zu Geld ma­chen, auch mal ein iPad, eine Play­sta­tion, und natürlich Bargeld. „Er be­ging die Straftaten gewerbsmäßig“, sagt Staatsanwältin Grumann. Das könnte den Strafrahmen auf bis zu zehn Jahren erweitern.

Dietrich D. muss sich vor der 5. Gro­ßen Strafkammer des Hanauer Land­gerichts verantworten. Er ist 35 Jahre alt. Er hat zierliche Hände, die kaum je schwere Arbeit verrichtet haben dürften, mit Tattoos auf den Finger­gelenken, und seine Augen sind von der Farbe trüben Wassers. Er sieht krank aus. Blass. Abwesend. Nein, einen Be­ruf hat er nicht. Die Hanauer Kripo führt ihn als „Mehrfach- und Inten­sivtäter“. In mehr als 170 Ermitt­lungsverfahren tauchte sein Name auf.

Wie es so weit kommen konnte mit ihm, das wird ein Thema werden in diesem Prozess, und vielleicht wird auch seine Mutter etwas dazu sagen, eine kleine, mol­lige Frau mit kurzen, blonden Haaren und zierlicher Brille, hinter der ratlose Au­gen ernst und traurig drein schauen. Sehr ernst. Sehr traurig. Richter Weiß schickt sie einstweilen aus dem Saal; sie käme ja als Zeugin infrage.

Die Auflistung seiner Verfehlungen nimmt geraume Zeit in Anspruch, aber Herr D. räumt ja vieles ein. Wie sollte er auch leugnen, gibt es doch Zeugen, seine DNA und sogar Videoauf­nahmen, die ihn an Tatorten zeigen. Die Sache mit den Zigaretten im Drogeriemarkt am Postcarré zum Bei­spiel: 60 Päckchen stopfte er in seine Tasche – und nix wie weg. Eine Ver­käuferin versuchte vergeblich, ihn aufzuhalten. In einem türkischen Markt stibitzte er ein paar Schach­teln, nachdem er die Überwachungs­kamera vorm Eingang zur Seite ge­dreht hatte. Dafür lauerten sie ihm Tage später auf, der Betreiber und seine Freunde, und verpassten ihm eine Abreibung. Bei Rewe waren es zwanzig Päckchen Tabak zum Selberdrehen; den Laden­detektiv, der ihn auf dem Parkplatz stellte, soll er mit einer Injektions­spritze bedroht haben. Das wird ihm nun als räuberi­sche Erpressung aus­gelegt. Herr D. leugnet das aber. Was er zugibt ist, dass er später einen klapprigen VW klaute, so eine alte Scherbe, mit der nach Frankfurt schu­ckelte, wo er sich Rauschgift besorgte. Glimmstängel sind ja eine Währung im Drogen­sumpf, und so findet das erbärmliche Dasein der Junkies, auch ihr gehetzter Blick aus blassem Antlitz, das Planen des Le­bens von einem Tag zum nächsten, seine Parallelen in der Nach­kriegszeit. Na­tural­wirtschaft wie dereinst. Ware ge­gen Ware. Einmal füllte er an der Tanke einen Kanister mit 25,27 Li­ter Diesel, wuchtete ihn auf seinen Roller und knatterte davon, ohne zu bezah­len. „Was wollten Sie denn da­mit?“ fragt Richter Weiß überrascht. „Ich hab das direkt gegen Drogen ge­tauscht“, antwortet Herr D., „mein Dealer fuhr einen Diesel.“ Kurze Wege, schnelle Ge­schäfte!

Und natürlich die Telekommunikati­onsmittel. Für Samsung & Co. fand er willige Abnehmer in Hanauer Tele­fonläden, deren mit gebrauchten Handys dekorierte Schaufenster be­reits den Ruch des Illegalen verströ­men, aber alles penibel abgewickelt mit Kaufvertrag, Personalausweis und Unterschrift. Da ist der Käufer aus dem Schneider – und Herr D. jetzt in Untersuchungshaft. Irgendwann hatte er es doch zu doll getrieben. Die Kripo kam ihm auf die Schliche, ob­servierte ihn eine Zeitlang und schlug dann zu, als er sich im Morgengrauen gerade an einem BMW zu schaffen machte. „Ich kriegte noch eine Faust in die Seite und einen Tritt ins Kreuz“, erin­nert er sich an seine Festnahme. Nein, larmoyant klingt das nicht, eher spor­tiv. Es musste ja so kommen. 

Der Prozess wird fortgesetzt.