Dicke Luft im Saal

Schießt zum Prozessauftakt gleich mal gegen die Vorsitzende: Jürgen Heinze, alter Hase und früher selbst einmal Richter, übrigens beim Landgericht Frankfurt

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr Bauer war mal Bürger­meister von Eschborn. Mit Streitkultur kennt er sich also aus. Das kommt ihm jetzt zugute, weil er zudem Rechtsan­walt ist: Arbeits-, Bau-, Erb-, Mietrecht und so weiter. Nun vertritt er in einem der spek­takulärsten Mordprozesse der jüngeren Vergangenheit erneut die Ne­benklage. Herr Bauer hat auch, übrigens nach eigenen Angaben, einen erhöhten Blutdruck. Der macht ihm heute beson­ders zu schaffen, denn im Fall des ge­töteten Ehepaars Klock ist die Atmo­sphäre in Saal 215 wieder emotionsge­laden.

Michael Bauer hat am zweiten Ver­handlungstag, der eigentlich der erste ist – aber dazu später –, den Richter Sascha Rüppel wegen Befangenheit abgelehnt. Ungewöhnlich ist sowas ja nicht, die Wortwahl des Eschborner Advokaten indes schon: Rüppel sei „denkbar unge­eignet“ (für diesen Prozess, d. Red.) „und voreingenommen“. Er habe „das Fehlurteil“ des ersten Klockprozesses „mitzuverantworten“, in das „frei Er­fundenes“ hineingeschrieben worden sei. Für die schriftliche Begründung der Freisprüche war damals Rüppel zustän­dig gewesen.

Das bedarf er Erläuterung: Die 1. Große Strafkammer, zu der Rüppel seinerzeit gehörte, hatte unter ande­rem angemerkt, dass die Zeugin Andrea S. auf dem Hof der IG Pferdeglück, etwa 100 Meter vom Ort des blutigen Geschehens ent­fernt, Schüsse und Hun­degebell wegen des Fluglärms und der Geräuschkulisse der nahen L3268 gar nicht deutlich habe hören können. Es war eine Marginalie in der Urteilsbegründung. Bauer be­mühte gleichwohl inzwischen die Flug­sicherung und den Deutschen Wetter­dienst. Er­gebnis: Am Mittag des 6. Juni 2014, als Sieglinde und Harry Klock auf ihrer Main River Ranch einen gewalt­samen Tod fanden, seien die Maschinen von Rhein-Main aufgrund der Wind­verhältnisse in eine ganz andere Rich­tung gestartet. „Auch während der Ortsbesichtigung (im Mai 2015, d. Red.) war kaum ein Flugzeug am Him­mel zu sehen“, wettert Bauer. Ver­kehrslärm? Fast nicht wahrnehmbar, weil zu weit weg!

Inzwischen ist Rüppel aber zur 2. Gro­ßen Strafkammer gewechselt – und muss jetzt, nachdem die Freisprüche vom BGH kassiert worden waren, er­neut über diesen Fall entscheiden. Eine unglückliche Konstellation, das wohl, aber eine juristisch unsaubere keines­wegs. Denn ein Richter gilt des­halb nicht automatisch als voreinge­nommen, und Rüppel, ein fähiger Jurist, betrach­tet sich selbst mitnichten als be­fangen.

Das sorgt für Verdruss im Saal. Ober­staatsanwalt Jürgen Heinze an Rüppels Adresse: „Ich an Ihrer Stelle hätte mich selbst abgelehnt, um diesem Prozess eine wirkliche Chance zu geben.“ Ver­teidiger Thomas Scherzberg will das so nicht stehen lassen: „Bei den Nebenklä­gern muss ja nun der Eindruck entste­hen, sie würden hier schlecht behan­delt.“

Es geht dann noch eine Weile hin und her, bis sich Anwalt Bauer von Richte­rin Susanne Wetzel belehren lassen muss, dass sein Antrag ohnehin zu spät komme. Hätte am ersten Verhand­lungstag erfolgen müssen. Also abge­schmettert! Die Bank der Nebenklage (die Anwälte Bauer und Dietrich) gerät vorübergehend zum Forum hypertonicus.

Und es gibt da auch noch die Ge­schichte mit der Anklageschrift. Wetzel hatte zunächst darauf verzichtet, sie verle­sen zu lassen. Es reiche aus, be­fand sie, die BGH-Entscheidung vorzu­tragen. Heinze hat das moniert. Er be­fürchtet, damit sei die Grundlage für eine weitere Revision gelegt. Das Ganze noch mal nach Karlsruhe wegen einer solchen Formalie? Juristen klam­mern sich ja gerne mal an Kleinigkei­ten. Richterin Wetzel lenkt ein. Die An­klage wird nun doch verlesen. Streng genommen hat der Prozess damit von vorn begonnen, aber das ist jetzt auch egal.

Das recht zahlreich erschienene Publi­kum hinten im Saal murrt, weil es nichts versteht vom Geplänkel der Ju­risten. Die werden von Wetzel er­mahnt, in ihre Mikrofone zu sprechen. Heinze kritisiert, dass es die Kammer nicht rechtzeitig geschafft habe, jedem Pro­zessbeteiligten einen kompletten Satz aller Akten, die inzwi­schen – moderne Zeiten – digital ver­schickt werden, zu­kommen zu lassen. Schlecht Vorberei­tung? Heinze: „Über 200 Sei­ten feh­len.“ – Wetzel: „Für das Einscannen bin ich nicht verantwortlich.“ – „Man kann das nicht anderen in die Schuhe schie­ben!“ Dicke Luft! Ein Oberstaatsanwalt ist vom Rang her einer Kammervorsit­zenden gleichgestellt. Und dabei hat es noch gar nicht richtig angefangen …

Das tut es dann doch noch. Kripokom­missar Sven Ullrich tritt als Zeuge auf. Er berichtet die Chronologie der Ereig­nisse. 7. Juni 2014: Die Kinder des Ehepaars Klock melden ihre Eltern bei der Polizei in Maintal als vermisst. Sie äußern einen schrecklichen Ver­dacht. Sie haben Blutspuren auf dem Gelände gefunden. 8. Juni: Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre verwi­ckeln sich in Widersprüche. Und: Der Junior weist eine scharfkantige Verlet­zung am rech­ten Oberschenkel auf. Ein Ziegenbock habe ihn attackiert. Ausge­schlossen, konstatiert eine Ärztin. Die beiden kommen in U-Haft.

9. Juni: Eine tagelange Suche nach Sieglinde und Harry Klock beginnt – mit Hubschrauber, Spürhunden, Tau­chern, Georadar, Metalldetektor. Ob­wohl die beiden Leichen unter Pferde­mist auf dem Gelände der Ranch ver­graben sind, können sie erst geborgen werden, nachdem sich Claus Pierre B. über seinen Verteidiger Karl Kühne-Geiling offenbart hat. Er erzählt seine Geschichte. Das ist im Oktober, vier Monate später. Es sei Notwehr ge­we­sen. Es geht nun auch darum, wann die Angeklagten eine Einlassung abge­geben haben – und welche. Der Prozess ist zu­nächst bis nächsten März ter­miniert.