Die Angst des Marders

Was Sie schon immer über Drogenpartys wissen wollten, sich aber nie zu fragen getrauten … und wohin das alles führt, zeigt z. B. der Film „Marihuana“ (1936) oder das wahre Leben eines Junkies wie Dietrich D. © Roadshow Attractions Inc.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Schwer tropfen ihm die Worte von den Lippen. Es sind die harten, guttural klingenden Konsonanten seiner Muttersprache, die seine Herkunft verraten. Dietrich D. stammt aus Russland. Ein Russlanddeutscher also. Die Eltern hatten sich als Spätaussiedler in die Bundesrepublik aufgemacht, irgendwann in den 90-ern, er selbst war 1981 zur Welt gekommen, da gab es die Sowjetunion noch und Leonid Iljitsch Breschnew amtierte als Parteichef der KPdSU. Das ist Stoff für Geschichtsbücher. Das Leben des Dietrich D. gibt den Stoff für Strafakten.

Mit sechs begann er, Zigaretten zu rauchen. Mit  dreizehn lernte er die Drogen kennen. Erst die weichen und dann … Aber was sind schon „weiche Drogen“? Sie haben ihn schnurstracks zum Heroin geführt, zum Crack, Kokain, Methadon. Sie haben ihn ins Gefängnis gebracht, immer wieder. Zwei Entzüge. Zweimal gescheitert. Vielleicht war es sein Schicksal, dass er damals, gerade aus der Suchtklinik entlassen, durch Frankfurt lief, wo die Versuchung an jeder Ecke lauert auf einen wie ihn.

Die 5. Große Strafkammer ließ dem Angeklagten eine penible Beweisaufnahme angedeihen. Da wurde jede seiner Taten, obschon von ihm doch bereits eingestanden, bis ins kleinste Detail rekonstruiert; es gab Filme aus einer Überwachungskamera, es gab Zeugen, es gab Observationsberichte der Polizei. Alles lässt sich haarklein dokumentieren. Und doch ist das Leben des Dietrich D. für einen Außenstehenden kaum nachvollziehbar, jene endlose Kette von Tagen, Wochen, Monaten, in denen sich alles nur um einen einzigen Gedanken drehte: GELD FÜR STOFF!

Dann zog er los, manchmal schon in aller Herrgottsfrühe, und zertrümmerte die Seitenscheiben von auf Parkplätzen oder in Tiefgaragen abgestellten Autos, in denen er Beute vermutete, oder entwendete Mobiltelefone aus nicht verschlossenen Fahrzeugen oder klaute Tabakwaren aus Drogerie- und Supermärkten. Angeklagt waren zwanzig Fälle. Sechszehn bleiben am Ende übrig; vier werden wegen unklarer Beweislage oder Geringfügigkeit eingestellt.

Richter Andreas Weiß hat in einer kurzen, aber bemerkenswerten Urteilsbegründung das Dilemma dieses Angeklagten so umrissen: „Die Triebfeder für Ihr Handeln war die Angst vor den Entzugserscheinungen.“ Die Kammer billigte ihm deshalb „verminderte Steuerungsfähigkeit“ zu. In Paragraph 21 StGB heißt es: Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln … bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe … gemildert werden.“ Der Gutachter sah das anders. Dietrich D. sei stets wohlüberlegt zu Werke gegangen, hatte  der Psychiater Jürgen Wettig aus Eltville erklärt. Er habe alles kühlen Blutes geplant. Das glaubt auch das Gericht. Aber Ärzte und Juristen kommen bisweilen zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Würdigung ein und derselben Sache. Auch Angst vor Entzug ist vom Paragraphen 21 gedeckt. So will es der Bundesgerichtshof. So entscheidet die Strafkammer. Sie verurteilt Dietrich D. zu dreieinhalb Jahren, schickt ihn aber in den Maßregelvollzug. Er muss zunächst eine Therapie von zwei Jahren antreten. Es wäre dann der dritte Anlauf. Vom Rest dürfte er nicht mehr viel absitzen müssen.

Das Strafmaß selbst ist gelebte Mathematik. Die Taten werden dabei jeweils einzeln „abgeurteilt“, wobei das Gericht etwa nach der Formel vorgeht: Schadenshöhe minus Paragraph 21 plus erschwerte Umstände (z.B. Benutzung einer Waffe) minus Geständnis … Juristen-Arithmetik sozusagen. Am Schluss wird dann alles addiert und aus dem Ergebnis eine moderate Gesamtstrafe gebildet. Staatsanwältin Grumann hatte vier Jahre gefordert.

Dietrich D. ist ein schmaler Mann. Die billigen Jeans schlabbern ihm um die Hüften. Er hat ein angenehmes, ernstes Gesicht mit traurigen grauen Augen. Seit Jahren schon leidet er an Hepatitis C. Die Krankheit wird unter anderem durch den gemeinsamen Gebrauch nichtsteriler Nadeln bei intravenösem Drogenkonsum übertragen. Dietrich D. weiß, dass ihm bereits der Tod über die Schultern schaut. Wenn es zu einer Leberzirrhose komme, sagt er, sei es aus. Er ist 35 Jahre alt.  Eine seiner Taten beging er hinterm Klinikum, wo er das Auto eines Bestattungsinstituts aufbrach, um ein Handy zu stehlen. Er betont aber, sich erst davon überzeugt zu haben, dass sich kein Sarg in dem Fahrzeug befand. Sonst hätte er das niemals gemacht. Wegen der Pietät. Und so.