Die Geschichte vom heiligen Zorn

Hat da so einen Verdacht: Lutz H. (zur Prozesseröffnung noch im Fokus der Kameras) bricht sein Schweigen. Rechts Verteidiger Gärtner aus Mannheim. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Lutz H. trägt einen schwarzen Trachtenjanker, ein hellblaues Hemd und eine rot­gestreifte Krawatte. Wie aus dem Ei gepellt, dieser Ange­klagte. Heute erzählt er aus seinem Leben. Von seiner Be­ziehung zu Banu D. erzählt er, dem Tod seiner Mutter und warum er sich mit der Schwes­ter  – nein, „nicht zerstritten“, nur: – „auseinan­dergelebt“ habe.

Es geht um den  Nachlassstreit.  Er soll laut Staatsanwalt Ma­thias Pleuser das Mordmotiv gewe­sen sein. Das juristische Ge­plänkel, welches immerhin drei Jahre lang vor mehre­ren Gerichten gegeben wurde, spielt Lutz H. heute ein wenig herun­ter: Es habe sich doch nur um einen kleinen Betrag gedreht, 25.000 Euro oder so. Nun gut, am Anfang, kurz nach dem Tod der Mutter im Jahr 2009, sei noch von einem Millionenvermögen, resultierend aus dem Verkauf der väterlichen Maschinenfab­rik und versteckt auf einem Nummernkonto, fabuliert worden. Tatsächlich habe es mal einen Bargeldtransfer nach Ös­terreich gegeben. Das habe aber nichts mit ihm zu tun.

„War Herr Volke aus Ihrer Sicht derjenige, der den Erbschafts­streit befeuert hat?“ fragt Rich­ter Peter Graßmück. Lutz H.: „Ich hatte mit ihm seit dem Jahr 2000, als ich von der Fried­richstraße wegzog, kein Wort mehr gesprochen.“ – „Warum einigten Sie sich nicht mit Ihrer Schwester, wenn es nur um so wenig ging?“ Die Antwort – ir­gendwo ver­schwimmt sie zwi­schen Nicht­wissen und Achselzucken. War halt so!

Natürlich, mit Banu D. habe er über die Sache gesprochen. Gele­gentlich. Eher am Rande. In groben Zügen. „Sie fand es unverschämt, über­haupt For­derungen zu stellen.“ Aber sie fälschte doch für ihn ein ärztli­ches Attest, damit er im August 2013 nicht zur Ver­handlung  musste. Er beteuert: „Davon wusste ich nichts.“ Handelte sie also auf eigene Initiative? Ohne Auftrag? Und wenn ja – wa­rum? Richter Graßmück nimmt ihm das nicht ab, man hört es aus seinen Fragen. Es hätte Lutz H. an jenem Tag womög­lich eine Niederlage erwartet vorm OLG.

Gleich eingangs sagt er: „Ich glaube nicht, dass sie die Tat begangen hat. Das erscheint mir absurd.“ Was dann folgt, ist aber eine Form subtilen Belastungs­eifers, der als ungläubiges Staunen getarnt daher kommt. Da gäbe es „Merkwürdigkei­ten“, die ihm erst später, also eigentlich beim Studium der Akten, aufgefallen seien. So sei sie am Tatabend (zum angebli­chen Treffen mit einer Freun­din, tatsächlich aber mit Cengiz G.) in Jeans und Pulli losgezo­gen, morgens jedoch im kurzen Schwarzen zurückgekehrt. Er weiß noch Details, die Farbe der Nieten­hosen etwa, ein verwaschenes dunkles Blau – obgleich er dem doch damals keine Beachtung geschenkt ha­ben will.

Manchmal beginnt er Sätze mit: „Ich sage es ungern, aber …“ Dann erwähnt Prahlereien mit ihren „Par­tys“, was immer sie damit ge­meint haben mag, oder ihr be­sonde­res Interesse an Morden in TV-Krimis … Er sagt auch: „Sie stei­gerte sich in einen heiligen Zorn auf Jürgen Volke hinein.“ So einer müsse „bluten“. In einem Fotoalbum habe sie mal ein Bild von ihm gesehen und es „stark fokus­siert“. An dieser Stelle schwingt da irgendwie Komik mit.

Nach der Ankündi­gung von Banu D., sich am 16. März zur Sa­che zu äußern, fühle er sich nicht mehr an sein Schweige­versprechen gebunden, sagt er. Gerade so, als sei eine Last von ihm genommen. Möglich aber auch, dass sich Lutz H. um Kopf und Kragen redet. Zu durchsichtig ist vieles. Seine An­gaben geben Angriffs­punkte – der Kammer, dem Staatsan­walt, der Nebenklage, die jetzt endlich mal zeigen könnte, was sie drauf hat.

Am 30. Juli 2013, also gut fünf Wochen vor den Todesschüs­sen, war Banu D. ausweislich der Geodaten ihres Mobiltele­fons in Hanau. Sie hielt sich damals vermutlich auch in der Friedrich- und der Gallienstraße auf. Lutz H. sagt, er habe davon erst hin­terher erfahren. Tage später. Oder Wochen. Aber per WhatsApp hatte sie ihn nach­mittags in­formiert: Es hat län­ger gedau­ert. Komme später. Nun sagt er, sie habe sich auf seinen Wunsch hin um das Grab seiner Großeltern auf dem Haupt­friedhof ge­kümmert. Graßmück: „Wie konnte sie das finden, auf dem riesigen Ge­lände?“ – „Ich hatte es ihr ge­nau beschrie­ben.“ Und zwar hin­term ers­ten Gießkannenhal­ter rechts.