Die Gewalt der Good Fellas

Prügelorgie vorm "Honky Tonk": Sascha und Thomas werden überrascht, als sie das Lokal verlassen. Die Täter haben auf sie gewartet

Von Dieter A. Graber

HANAU. Sascha und Thomas sind Freunde. Sie sind beide 36 Jahre alt. An einem Januartag vergangenen Jahres besuchten sie den „Honky Tonk Pub“ in Langenselbold. Es war ein ruhiger Abend; ein paar Bierchen, Männergespräche. Gelacht hätten sie viel, erin­nert sich Thomas. Er stand kurz da­vor, Vater zu werden. Zum ersten Mal. Er war ein bisschen aufgekratzt. Es war Sonntag, vier Uhr, sechs Minu­ten und 28 Sekunden, als die beiden das Lokal verließen. Wir wissen das so genau, weil alles, was dann geschah, von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde.

Der Film wird in Saal 19 des Hanauer Amtsgerichts abgespielt. Hinten im Zuschauerraum sitzen Angehörige von Sascha und Thomas. Es ist sehr still. Auf dem Bildschirm sehen wir Oliver K. im Schein der Kneipenbe­leuchtung vor dem Eingang stehen, neben ihm ein zweiter Mann, der bislang nicht identifiziert werden konnte. Sie warten. Lässig stehen sie da. Ganz die Ruhe selbst. Mit einer routinierten schnickenden Handbe­wegung lässt Oliver K., nahezu beiläufig, einen Totschläger ausfahren. Es ist vier Uhr, fünf Minuten und 42 Sekun­den. Kurz darauf erscheinen Sascha und Thomas im Bild …

Richterin Kohlheim sagt, sie sei er­schüttert gewesen, als sie die Auf­nahmen zum ersten Mal gesehen habe. Es sind nicht nur die Schläge selbst, mit denen die Opfer zu Boden gestreckt werden, gezielte, fast pro­fessionell geführte Attacken gegen Kopf und Körper, es ist jene offenbar emotionsfreie Form von Gewalt, die betroffen macht. Keiner im Saal sagt etwas. Und so steht ein einziges Ad­verb auf den Gesichtern der Anwe­senden: Warum?

Der Angeklagte Oliver K. ist 30 Jahre alt, hat eine kleine Tochter mit seiner Lebensge­fährtin und bis vor kurzem einen gu­ten Job bei einem Autohaus im Lager. Den verlor er ohne eigene Schuld. Sparmaßnahmen. Von 900 Euro Ar­beitslosengeld lebt er jetzt. Er ist groß, zwei Meter mindestens, schlank, und fast wirkt er ein wenig schüchtern, wie er so im Flur des Ge­richtsgebäudes auf seine Verhandlung wartet. Keiner, der das große Wort führt. Er ist in Begleitung seines Rechtsanwalts: Vol­ker Augst aus Freigericht. Der überreicht, bevor es los geht, den Opfern jeweils 1000 Euro im Namen seines Mandanten. Ein Schuld­eingeständnis. Vor allem aber eine taktische Maßnahme, die auf Milde zielt. Oliver K. hat das Geld irgendwo aufgetrieben. Wir können uns den­ken, wo: Auf dem Videofilm trägt er eine „Kutte“, also so eine ärmellose Lederweste mit dem Abzeichen eines Rockerclubs. Er heißt „Heavens Own MC“. Das ist ein eingetragener Ver­ein, der beim Amtsgericht  Aschaf­fenburg unter der Register-Nummer 200256 geführt wird. Vereinszweck ist die „gemeinsame Freizeitgestal­tung seiner Mitglieder und deren Fa­milien rund um das Motorrad“. 2007 gab es im unterfränkischen Hösbach einen Mordfall, eine regelrechte Hin­richtung an einer Haustür, in die ein „Heavens“-Mitglied  verwickelt war.

Die „Parteien“ halten Abstand auf dem Gerichtsflur. Mindestens zwan­zig Meter. Eine seltsame Spannung macht sich breit. Der Hanauer Straf­rechtler Peter Oberländer vertritt Sa­scha und Thomas als Nebenkläger. Sie erlitten schwere Kopfverletzungen, Rippenbrüche, Prellungen, waren lange krankgeschrieben. Nach dem Vorfall ist Thomas weggezogen aus Freigericht; das Clubheim der Rocker lag in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. „Ich konnte es nicht mehr er­tragen, dort zu leben.“ Er ist ein schlanker, durchtrainierter Mann mit kurzem Haar. Er trägt einen grauen Anzug. Er arbeitet bei einer Invest­mentgesellschaft. „Die beiden saßen hinter uns am Tresen“, erinnert er sich im Zeugenstand an die Nacht im „Honky Tonk“. „Aber wir haben kein Wort miteinander gewechselt.“ Kein Blickkontakt, kein Streit, keine Be­merkung, kein Anrempeln – nichts, was die Tat irgendwie erklären könnte. Das belastet ihn heute noch, die völlige Abwesenheit eines Motivs.

Oliver K. sagt, er wisse es auch nicht.  Anwalt Augst sagt: „Mein Mandant fühlte sich provoziert. Hoher Blut­druck und Alkohol gaben den Rest dazu.“ Der Film spricht eine andere Sprache. Es ist die Sprache einer durch und durch morbiden Gesell­schaft, in der Gewalt die Regel dar­stellt, das Milieu der „Good Fellas“, der „Guten Kerle“, die das Faustrecht zelebrieren wie eine Spielregel: eis­kalt, geschäftsmäßig. Es könnte aus einem Film von Martin Scorsese sein.

Oliver K. bringt eine Entschuldigung hervor. Selbst sie wirkt so hart, so unpersönlich wie ein Streich mit dem Totschläger. Emotionslos halt. Es wird aber durchaus so sein, dass er zu mehr Ausdruck des Bedauerns gar nicht fähig ist. Den Namen seines Mittäters preiszugeben lehnt er ab. Rockerehre, so was. Er kommt damit durch. Richterin Kohlheim belässt es bei einer Bewährungsstrafe. Ein Jahr und zehn Monate. Zudem muss er je­dem Nebenkläger noch einmal 1000 Euro zahlen und ein Antiaggressions­training absolvieren. Staatsanwalt Böhn meint nachdenklich, man hätte den Fall auch als versuchtes Tötungsdelikt anklagen und vors Landgericht bringen können.

Thomas geht nicht mehr ins „Honky Tonk“. Sascha schon. Warum auch nicht? Es ist ein gemütlicher Pub mit Darts und Bil­lard. „Nur ,Heavens‘ meide ich.“ Nicht aus Angst. Es ist eine Frage der Würde.

Videoclip: 
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