Die Hölle im Kopf

Medienrummel zum Prozessbeginn: Eine Frau, die ihren Lebensgefährten hin meuchelt, lockt die Kamerateams in den Gerichtssaal. Auftaktjournalismus. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. An ihren drei letzten Arbeitsplätzen erlebte Frau K. die Hölle. Die mobben mich, klagte sie ihrem Sohn Cemal. Die wollen mich loswerden. Sogar ihr Mobiltelefon würde abgehört. Aber viel­leicht war die Hölle ja nur in ihrem Kopf.

Zehnmal soll Sylvia K. ihrem Lebenspartner am 29. Dezember 2015 in Rücken, Brust und Bauch gestochen haben (hier). Sie ist wegen Mordes vor der 1. Großen Strafkammer angeklagt. Mit der nüchternen Sachlichkeit des Ge­richtsmediziners erläutert Gutachter Marcel Verhoff in Saal 215 das Ergebnis der Lei­chenöffnung:  „Durchtrennung der oberen Hohlvene“, „Verletzung der Lunge links“, „Volumenmangelschock“, „Luftembolie“. Es ist der wissenschaftliche Versuch, dem kalten Griff des Todes die Geheimnisse des Hinscheidens abzuringen. Das Sterben des Adem A. dürfte zehn Minuten gedauert haben. Vielleicht weniger. Es waren kraftvoll geführte Stöße mit einem Obstmesser. Das wurde später auf dem Nachttisch gefunden. Es war ein Blutbad. Es gibt Fotos, von der Polizei angefertigt. Kammervorsit­zender Peter Graßmück zeigt sie auf den Gerichtsmonitoren.

Kriminologen wissen: Frauen töten an­ders als Männer. Kreativer. Weil sie schwächer sind. Sie gehen häufig plan­voller vor, warten ab, bis ihr Opfer schläft, betrunken ist, wehrlos halt. Sylvia K. ist eine eher kleine, mollige Frau mit schmallippigem Mund in einem tief­traurigen Gesicht. Nach siebenundzwan­zig gemeinsamen Jahren war ihre Beziehung in die Brü­che gegangen. Sie hätte gerne geheiratet. Er wollte nicht. „Früher war meine Ma resolut, energisch“, sagt Cemal. „Dann hat sie sich langsam verändert, wurde phlegmatisch, vergesslich.“ Gleichwohl sei sie „ein lieber Mensch, der viel Aufmerksam­keit braucht“. Wahrschein­lich war Adem, den sie im Internet ken­nenlernte, der denkbar falsche Mann für sie. Schweißer von Beruf, sieben Jahre jünger, selbst seit kurzem getrennt lebend. Cemal zieht also mit der Mut­ter zu ihm nach Gelnhausen. Er lässt kein gu­tes Haar an Adem: „Ein Pascha. Ein Tyrann. Der suchte nur je­manden, der für ihn kocht und putzt. Alle in unserer Familie haben sie gewarnt, aber sie war wohl einsam.“

Drei unterschiedliche Personen aus zwei Kulturen leben da für Monate zusammen in einer überschaubar kleinen Wohnung: eine liebebedürftige, offenbar schwer depressive Frau, ihr 26-jähriger Sohn, der keine Arbeit hat, keine Berufsausbildung, und der Neue – Türke, Moslem, Vater von zwei Kindern. Sylvia K. konvertiert für ihn zum Islam, reist mit ihm in seine Heimat. „Als sie zurückkamen hieß es, sie seien jetzt vor Allah miteinander verheiratet“, berichtet Cemal. Vor dem Gesetz, dem deutschen jedenfalls, bestand Adems Ehe mit seiner zweiten Frau aber zumindest noch auf dem Papier.

„Der wollte mir nur das Geld aus der Ta­sche ziehen“, grollt Cemal. 500 Euro habe er im Monat als Unter­mieter hinblättern müssen. 759 kriegte er vom Jobcenter. „Warum haben Sie sich denn darauf ein­gelas­sen?“ fragt Richter Graßmück. „Ich wollte meine Ma nicht allein lassen“, lau­tet die Antwort. Vielleicht hat er seine Augen vor der Wirklichkeit verschlos­sen. Vor ihrer Verwirrung. Er nahm ihr die Mobbinggeschichten ab. Mehr noch: Er scheint davon überzeugt zu sein. Selbst heute noch. An­fangs sei er ja noch skep­tisch gewesen, aber dann … „Da rede­ten in einem Supermarkt plötz­lich zwei wildfremde Frauen hinter mei­nem Rücken über mich!“ Ver­dächtig finde er das.  Und: „Ich fand einen entsprechenden Ein­trag auf Facebook. Die haben wir ge­schafft, stand da.“ Fielen da Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden?

Er wusste auch von den „Stimmen“, die sie gehört haben will – zum Beispiel die ihrer eigenen Mutter: Du bist nichts wert, habe die gesagt. Er kannte ihre Selbsttötungs­phantasien, hatte sie überrascht bei einem Suizidversuch mit einem Tablettencocktail, wenige Tage vor Weihnachten 2015 war das gewesen, und ihr durch die schnelle Alarmierung des Rettungs­dienstes möglicherweise das Leben gerettet. Aber dass sie die Tat begangen habe, wie es in der Anklageschrift steht, heimtückisch, während das Opfer schlief, nein, das will nicht gelten lassen: „So etwas zu tun wider­spricht ihrer Art.“ Er sagt auch nicht: „die Tat“. Er sagt: „die Sache, die da passiert ist“, gerade so, als versuche er, das Geschehene aus ihrer beider Leben zu verdrängen.

Eine Aussage zur genauen Tatzeit muss Gutachter Verhoff schuldig bleiben. Vielleicht war es der Nachmittag des 29. Dezember, vermut­lich früher. Viel früher. Etwa in den Mor­genstunden. Um zwei Uhr, als Cemal zum Rauchen nach draußen ging, saß Adem A. noch allein im Wohnzimmer vorm Fernseher. Eine Stunde später lagen beide im Bett.

Adem A. hatte kurz vor seinem Tod mit seiner Ex telefoniert. Er wollte, wie es heißt, zu ihr zurück. Er hatte ihr ein Auto finanziert und plante, aus der Wohnung auszuzie­hen. Sylvia K. wäre dann wieder allein ge­wesen. Allein mit Cemal, mit ihren beiden Katzen und dem immer dunk­ler werdenden Schatten auf ihrer Seele.