Die Hand am Plexiglas

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es ist 20 Uhr dreiundfünfzig an einem Freitag im November. Ge­spenstische Stille herrscht in dem großen Rewe-Markt im Gewerbege­biet von Altenhaßlau. Der letzte Kunde ist weg. Einsam sitzt Katharina Z. an der mittleren von drei Kassen. Sie macht da einen Aushilfsjob. Mit dem Geld will sie sich einen USA-Auf­ent­halt finanzieren. Noch sechs Minu­ten bis Feierabend. Das ist der Mo­ment, in dem zwei Männer aus der Dunkelheit herein stürmen, einer mit einem Messer, der andere hat eine Pistole. Sie haben sich mit Sturmhau­ben maskiert, rufen: „Überfall! Geld her!“ Als die junge Frau in ihrer Auf­regung nicht gleich reagiert, schlägt ihr einer gegen den Kopf, vermutlich mit dem Knauf der Schusswaffe. Dann raffen sie das Bargeld aus der Kasse. Sie entkommen mit 1975,78 Euro.

Resul K. ist genauso alt wie Katharina: 26 Jahre. Die beiden sitzen sich heute gegenüber, der schmale, große Mann mit dem rasierten Schädel und dem markanten Backenbart und sie, das Opfer von damals, eine mollige Frau mit langen, rötlich-blonden Haaren. Sie ist Nebenklägerin, er der Ange­klagte. Die Tat hat Spuren hin­terlassen in ihrer Seele. Manchmal, sagt sie, kriege sie Panik, wenn sie an einer Kasse stehe. Einfach so. In die Staaten ist sie nicht gereist. Das habe sie nervlich nicht geschafft.

Der Angeklagte schweigt. Es ist ein taktisches Schweigen. Staatsanwältin Georgi wirft ihm drei weitere Über­fälle vor, und zwar auf Tankstellen in Gelnhausen; zudem gibt es noch ein Verfahren wegen einer ausgeraubten Spielothek. Die Vorsitzende Richterin der 2. Großen Strafkammer, Susanne Wetzel, sagt gleich zu Prozessbeginn: „Es gibt viel Belastendes gegen Sie. Ein Geständnis wäre da vorteilhaft.“ Resul K. grinst. Nein, weder eine ge­ständige Einlassung noch der Name des Komplizen ist von ihm zu erwar­ten. Man könnte es als kriminelle Ab­gebrühtheit bezeichnen: Ich muss gar nichts! Die müssen mir was beweisen!

In Saal 215 des Hanauer Landgerichts werden Fotos gezeigt, Screenshots von einem Videofilm, den die Über­wachungskamera aufzeichnete. Der Überfall, so ist der Zeitleiste am unte­ren Bildrand zu entnehmen, dauerte 68 Sekunden. Gut eine Minute To­desangst für Katharina. Es ist zu se­hen, wie ihr einer der Täter gegen den Kopf schlägt. Mit der anderen, der linken Hand, stützt er sich dabei gegen die rückwärtige Plexiglas­ver­kleidung des Kassentischs. Die Polizei hat an dieser Stelle einen Handab­druck gesi­chert. Er stammt von Rasul K., und nun stellt sich die Frage: Wie kam der da hin?

Sein Verteidiger, der Strafrechtler Bruno Wolf aus Gelnhausen, könnte (und wird bestimmt) Mutmaßungen darüber anstellen: Vielleicht von einem frühe­ren Einkauf her … Sein Mandant wohnte schließlich im nahen Gelnhausen. Rasul K. blickt selbstbewusst drein. Er hat, der mann­haften Gesichtsbehaarung zum Trotz, weiche, jungenhafte Züge. Sein Leben verlief nicht eben auf geraden Bah­nen. Gerade so schaffte er, 18-jährig, den Hauptschulabschluss, dann jobbte er als Zeitarbeiter bei der Firma, in der auch sein Vater beschäf­tigt war. Später machte er dort eine Ausbildung zum Maschinenanlagen­führer, aber zwischenzeitlich war er wiederholt straffällig geworden. Ju­gendsachen halt: Diebstähle, eine Drogengeschichte, Körperverletzung. Es ging immer glimpflich aus. „Ver­warnt“, heißt es in den Ak­ten, oder „Von der Strafverfolgung abgesehen“. Vielleicht ha­ben sich die Justizbehör­den ja ein bisschen mitschuldig ge­macht an die­sem verkorksten Leben. Für eine räu­berische Erpressung gab’s schließlich ein halbes Jahr zur Bewäh­rung. Das war zu der Zeit, als er ge­rade die Schule fertig hatte.

„Um welche Tat ging es da?“ erkun­digt sich Richterin Wetzel. „Einem Jungen wurde ein Handy wegge­nommen“, antwortet er lakonisch. Indikativ Pas­siv im Präterium. Ver­harmlosend klingt das. Gerade so, als ginge ihn das eigentlich nichts an. „Müsste hei­ßen: ,Ich habe ihm ein Handy wegge­nommen‘“, korrigiert ihn die Richte­rin. „Na ja, ich war doch nur dabei“, fügt er rasch hinzu. Es ist diese Dis­tanz zu den eigenen Verfeh­lungen, dieses Kleinreden von Schuld, was es schwer macht, Resul K. ledig­lich für ein durch unglückliche Um­stände auf die schiefe Bahn geratenes kriminel­les Leichtgewicht zu halten.

Die ihm zugeschriebenen Überfälle auf Tankstellen zwischen März und Mai 2014 jedenfalls zeugen von eini­ger Nervenstärke. Immer kurz vor Mitternacht kam der Täter in den Verkaufsraum, maskiert und mit einer Pistole bewaffnet, bedrohte den Kas­sierer und in einem Fall auch eine Kundin, raffte das Bar­geld zusammen, verschwand. Eine Sache von Sekun­den. Geoffrey K. (34) erinnert sich im Zeugenstand. „Ich musste die Hände hoch nehmen. Dann ging er hinter den Tresen, packte den Kassenbe­stand in einen Beutel. Beim Rausge­hen entschul­digte er sich noch bei mir: ,Tut mir leid – ich musste das tun!‘“

Resul K. ist Türke.  Er kam in Gelnhau­sen zur Welt. Auf die deutsche Staatsbürgerschaft, die er mit der Volljährigkeit hätte erwerben kön­nen, hat er verzichtet. „Ich hätte kei­nen Vorteil davon gehabt“, sagt er abschätzig. Vielleicht doch: Sollte er zu einer Freiheitsstrafe von drei Jah­ren oder mehr verurteilt werden, droht ihm die Abschiebung.

Der Prozess wird fortgesetzt.