Die Killer vom Deutschen Eck

Das Böse ist immer und überall! Ja, schon – aber ausgerechnet in der ältesten Stadt am deutschen Rhein? Doch vielleicht ist alles nur ausgedacht, großes Kopfkino sozusagen. ©MJFilms/Amazon

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr H. hat eine Theo­rie. Man könnte sie mit Fug als Verschwörungstheorie bezeich­nen. Es ist eine Mischkost aus Komplott und moralischer Nie­dertracht, die in einem Mord gip­felt … In einem? In Hunderten von Morden! Es ist das Konzept des Bösen an sich, das den ah­nungslos Anständigen – also Herrn H. selbst – in sein Netz einspann und schließlich auf die Anklage­bank brachte. Unschul­dig, versteht sich.

Herr H. also setzt am heutigen Verhandlungstag seine Aussage fort. Im  Mittelpunkt steht nun­mehr die Mordwaffe, eine FN Browning 7.65, und wie er sie beschaffte, um sie dem Ver­deckten Ermittler Errol zu ver­kaufen. Eigentlich be­schaffte er sie nicht. Er vermit­telte sie nur. Das ist jetzt schwer zu erklären. Errol hatte Lutz H. auf einen Schießstand nach Slo­we­nien eingeladen. Es war An­fang 2016. Die Männer ballerten herum. Errol begehrte dringend eine „heiße“ Faustfeuerwaffe, also eine, mit der schon mal ein Verbrechen begangen wurde, die er einem missliebigen Konkur­renten, dem „Frankfurter“, un­terjubeln wollte. Lutz H. hatte da was im Angebot. „Eine Or­donnanzwaffe aus dem Krieg. Die ist noch mit dem Vogel [Reichsadler] gestem­pelt.“ An­geblich aus Familienbe­sitz. Sein Vater war Wehr­machtsoffizier gewesen. Stabs­arzt. Die Pistole sei am 7. Sep­tember 2013 ver­wendet worden. Das ist der Mordtag. Errol da­mals zu seinem Vorge­setzten: „Wow, er verfügt über Täterwis­sen!“

Nun sagt Lutz H., er habe damals gelogen. „Ich besaß gar keine FN Browning. Es war nur ein Ver­suchsballon.“ In Wirklichkeit habe er vermutet, dass Banu D. über die Pistole verfügte. „Es war so eine Ahnung, weil sie einmal im In­ternet gezielt danach suchte, als es um den Mord in der Gal­lien­straße ging.“

Herr H. zieht da so seine Schlüsse. Sie gründen sich auf angebliche Bemerkungen krypti­scher Natur, die Banu D. gele­gent­lich in die Gespräche habe ein­fließen lassen. Diese führten nach Kob­lenz also. Es gäbe dort, so Lutz H., eine Un­terweltorganisa­tion, die Auf­tragsmorde aus­führe. Eine Killergang am Deutschen Eck? Der Polizei war davon jedenfalls nichts bekannt. Lutz H. legt nun beeindruckende Zahlen nach: Die Bande habe „in zehn Jahren eine Ab­schuss­quote von 600“ gehabt. Im Mit­telpunkt stehe Cengiz G. (mit dem Banu D. in der Tatnacht unterwegs war). Banu D. habe auch davon gesprochen, wie man Lei­chen verschwinden las­sen könne, indem man sie in Salzsäure auf­löse. Einmal habe sie ihm Fotos gezeigt, darauf „drei oder vier kräftige Männer, von denen einer stolz eine Schusswaffe präsentierte. Das waren Leute, mit de­nen ich nichts zu tun haben wollte.“

Herr H. verkaufte dem VE Errol mithin für 30.000 Euro eine ihm nicht gehörende Pistole, von de­ren Existenz er bis dahin nur ah­nungsweise wusste, die er nie sah, nie in der Hand hielt und folglich auch nicht im Holzstapel unweit seines Hauses am Rande des Dorfes Eisentratten ver­steckte. Damals hatte er bereits orakelt, der Mörder seines Schwagers sei „nicht innerhalb der Familie“ zu suchen, „aber auch nicht weit da­von weg“.

Lutz H. ist bemüht, der 1. Gro­ßen Strafkammer mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin eine probate Mörderin/Anstifterin zu präsentieren. Aber sie selbst, be­harrt er, sei nicht in der Lage ge­wesen, den Mord eigen­händig zu begehen. Zu unge­schickt im Umgang mit einer FN Browning. Und überhaupt: „Viermal durch dasselbe Loch schießen, das kann nicht mal ich!“

Womit wir wieder bei sei­ner Theorie sind: Banu D. müsse den Mörder beauftragt haben. Wa­rum? Erstens aufgrund eines abstrusen Ehrbegriffs (Volke soll vor Jahrzehnten einmal die Mut­ter von Lutz H. be­leidigt haben), zwei­tens wegen ihrer „Liebe zu Öster­reich“, wo­hin sie mit Lutz H. 2014 über­sie­delte. Und drit­tens wegen einer sicheren Le­bensplanung an sei­ner Seite.

Es ist eine Räuberpistole, die da durch den Saal 215 wabert. Aber ihr fehlt, was man Drive nennen würde bei einem Broadwaystück: Lebens­nähe, Schmiss –vor allem Glaub­würdig­keit. Stattdessen bewegt sich die Handlung auf der Ebene nebulö­ser Mutmaßungen, um im ent­scheidenden Moment zur kon­kreten Anschuldigung zu mutie­ren.

Spannend ist hingegen, die Richter Graßmück und Fuchs bei ihren Befragungen zu erleben. Selbst kleinste Details, Zitate aus mit­geschnittenen Gesprächen, mi­nutiöse Zeitabläufe sind ihnen aus den Akten präsent. Fazit: So manches aus „H.s Erzählungen“ passt da nicht zusammen mit den festgestellten Tatsachen.

Und so muss man konstatieren, dass das Stück eigentlich bereits durchgefallen ist.