Die Leiden des jungen W.

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHLÜCHTERN. Der Da­wit, tja, was ist er für ein Mensch? Schwierige Frage an einen Zeugen. Will doch keiner einem Angeklagten, für den er mal verantwortlich war, dem er nahe stand, ein schlechtes Adjektiv anhän­gen. Also bedient sich Herr H. nach kurzem Überlegen bei den üblichen Plattitüden und ant­wortet: „Ein auf­geweckter junger Mann, freundlich, einsichtig, total fit in der Schule“. Und eine richtige Frohnatur muss er auch gewesen sein, denn „gescherzt hat er gerne.“

Herr H. ist Sozialpädagoge und ein engagierter obendrein. Ohne Leute wie ihn wäre das Flüchtlingschaos in Deutschland noch größer. Dawit W. war sein Schutzbefohlener, nachdem der vom Schloß Hausen, einer Betreu­ungstätte für unbegleitete minderjäh­rige Flücht­linge, ins Betreute Wohnen nach Schlüchtern gewechselt war. „Er galt als mein Vorzeigejugendlicher“, sagt der Zeuge jetzt. Irgendwie klingt das trotzig. Und vielleicht hat er des­halb, obwohl er wusste, es gibt in der Vita dieses jungen Burschen einige Unge­reimtheiten, die Hoffnung nicht auf­gegeben, dass alles gut werde. Aber dann ist alles ganz schlimm gekom­men: Dawit hat einen Menschen fast um­gebracht auf eine grausame, fast ritu­elle Weise.

Obwohl in Italien als Asylbewerber bereits anerkannt, wiewohl mit fal­scher Identität – ein entsprechender Fremdenpass, ausgestellt auf den Namen Mikael, geboren am 10. Ja­nuar 1993 in der eritreischen Haupt­stadt Asmara, wurde in seiner Woh­nung gefunden –, zog es Dawit in die Bun­desrepublik. Hier stellte er erneut einen An­trag. Über seine Motiva­tion lässt sich rätseln. Es könnte das statt­liche Taschengeld von 400 Euro ge­wesen sein, das ihm fürderhin als Flücht­ling – bei freier Logis – jeden Monat aufs Konto überwiesen wurde, die Aussicht auf einen guten Job viel­leicht, die eigene Wohnung. „Er erzählte, in Ita­lien quasi auf der Straße gelebt zu haben“, erinnert sich Herr H. und fügt hinzu­fügt, sein Schützling sei ehrgei­zig gewesen und habe doch viel er­reicht. Beim näheren Hinsehen frei­lich erweist sich auch diese Erfolgs­story als ein Wunschkonzert.

Dawit W. schaffte es in drei Jahren trotz Sprachkursus nicht, ausreichend Deutsch zu lernen. Seine diesbezügli­chen Fähigkeiten werden mit B1 klas­sifiziert, also eher schwach. Dass er gleichwohl die Hauptschule „erfolg­reich“ absol­vierte, lässt auf den Gna­denweg schließen, jedenfalls zeigt es drastisch, was von solchen Abschlüs­sen heute zu halten ist. Die angebliche Lehrstelle bei einem renommierten Schlüchterner Autohaus entpuppt sich als „Aussicht“ auf eine solche. Nein, da passt so einiges nicht zusammen in dieser Geschichte.

Natürlich hätte Dawit W. zurück nach Italien gemusst, wenn es nach Recht und Gesetz gegangen wäre. Aber keine Behörde habe sich darum gekümmert, sagt Herr M., Betriebsleiter der Ju­gendeinrichtung – das BAMF nicht und auch sonst niemand: „Das neh­men wir dann halt hin.“  Überdies hätte seine Rechtsanwältin ja auch gleich Einspruch gegen eine Auswei­sung eingelegt. Der zweifache Asylbe­werber bekam infolgedessen erst mal eine Aufenthaltsduldung. Dass er in der Berufsschule schwächelt, weil die Anforderungen an künftige Kfz-Me­chatroniker hoch sind, und ihn offen­bar ernste Befürchtungen quälten, seine Träume würden platzen, ist nur folgerichtig. „Er berichtete manch­mal, er könne nachts nicht schlafen“, sagt sein ehemaliger Betreuer.

Die seelischen Leiden des jungen W. könnten aber auch andere Ursachen gehabt haben, und damit nähern wir uns dem, was die Kammervorsitzende Susanne Wetzel „die Möglichkeit ei­nes Motivs“ nennt: eine homosexuelle Affäre. Den Mustafa H., vermutlich „echte“ 18 Jahre alt, sein Opfer also, bezeichnete er einmal als „besten Freund“. Zuvor war Dawit mit Tomasz Daniel M., den er auf der Flucht ken­nengelernt hatte, zusammen gewesen, einen jungen Mann mit offenbar gleichgeschlechtlichen Neigungen, wie man sich jetzt erzählt. In Dawits Hei­mat gilt Homosexualität wie in vielen afrikanischen Ländern als Tabu und für den Fall, dass sie praktiziert wird, als schwere Straftat, auf die min­des­tens drei Jahre Gefängnis stehen. Drei Jahre können in Eritrea aber auch viel länger dauern als sechsundreißig Mo­nate …

Für diesen Hintergrund der Bluttat spricht, dass Mustafa H. ebenfalls ver­schwunden ist. Untergetaucht. Offen­bar fürchtete er sich vor einer Zeu­genaussage im Prozess. Vielleicht schämt er sich. Seinem Rechtsbei­stand, der Hanauer Opfer­anwältin Gabriele Berg-Ritter, gelang es nun, zumindest eine Spur von ihm aufzu­nehmen. Demnach befindet er sich in der Schweiz. Er habe dort Asyl bean­tragt. In Somalia, seinem Her­kunfts­land, wird Liebe unter Männern mit dem Tode bestraft.  

Kommissar Jürgen H. konnte zuvor zweimal mit dem Opfer sprechen. Mustafa H. hatte ihm berichtet, er sei von dem Angriff in der angeblich ab­gedunkelten Wohnung völlig über­rascht worden. Entsetzt habe er, durch zwei Stiche in den Hals schwer verletzt, den Angreifer noch gefragt: „Warum hast du das getan?“ Die Ant­wort sei gewesen: „Ich will dein Fleisch essen!“ Kannibalismus als ri­tueller Akt, als Ausdruck einer kran­ken Seele? Auf der Flucht von Eritrea durch den Sudan und Libyen, übers Mittelmeer nach Lampedusa soll es zum Verzehr von Menschenfleisch ge­kommen sein, erzählt man sich unter den jungen Flüchtlingen im Bergwin­kel. Natürlich hat keiner von ihnen mitgegessen. Alles nur Hörensagen …