Die Liebe im Herbst des Lebens

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr B. schiebt sein wuchti­ges Kinn nach vorn, was ihn angriffs­lustig aussehen lässt. Zu allem ent­schlossen. Wehrhaft. Dann bricht es verbittert aus ihm hervor: „Wie einen Hund hat sie mich behandelt. Ich be­sitze nichts mehr. Gar nichts!“ Er ist eine große Erscheinung, der Herr B.; er trägt eine mausgraue Jacke und ein lila Hemd, das überm Hosenbund ein wenig spannt, sein gelocktes Haar, silbrig schimmernd, wellt sich im Na­cken überm Kragen. Beleidigung und Körperverletzung wirft ihm Staatsan­walt Joachim Böhn vor.

Herr B. und Frau M. waren mal ein Paar. Das ist gar nicht so lange her, noch vergangenen Sommer lebten sie zusammen in einem Hochhaus im Lamboy. Alles war gut. Na ja, zumin­dest am Anfang ihrer Beziehung. Ver­liebt werden die beiden da halt ge­wesen sein, obwohl sie die Jüngsten nicht mehr sind: Er hat die Sechzig überschritten und sie … – aber lassen wir das, schließlich ist Leidenschaft keine Frage des Alters. Herr B. und Frau M. eröffneten am 1. Juni gemeinsam eine Gaststätte. Die ist übrigens wegen ihrer Pfannku­chen berühmt und der Balkanplatte für zwei Personen zu 27 Euro. Aber mit der Gaststätte, sagt Herr B., sei dann auch alles den Bach runter ge­gangen, die Liebe und seine Existenz und überhaupt.

Herr B. schaut jetzt ein wenig leidend drein. Die Erinnerung wird ihn wohl übermannt haben. Von wegen See­lenschmerz, Melancholie, Desillusion und solcher Sachen. „Anfangs hat sie mich bekocht, sie war lieb … Aber als sie dann die Konzession für das Lokal hatte, änderte sich alles.“ Streit hieß von nun an der Dritte im Bunde: „Sie nörgelte nur noch an mir herum“, klagt der Angeklagte. „Besonders, wenn sie getrunken hatte. Und das war oft. Es musste immer Bier und Wodka im Hause sein“, schiebt er boshaft nach, was jetzt gar nicht che­va­le­resk ist, weil Frau M., die auch als Neben­klägerin auftritt, noch draußen war­ten muss auf ihre Zeugenaussage und sich gegen derlei Diskreditierung nicht verteidigen kann. Aber wie auch immer, jedenfalls wurde Herr B. bei einer dieser Auseinandersetzungen handgreiflich. „Er beschimpfte sie als ,blöde Kuh‘ und ,Alkoholikerin‘ und stieß sie zu Boden, wodurch sie einen Oberschenkelbruch erlitt“, heißt es in der Anklageschrift.

Passiert ist das in einer Julinacht. Tat­ort war das gemeinsame Schlafzim­mer, der Auslöser eine Bagatelle: „Sie hatte ihr Handy vergessen und gab mir die Schuld“, knottert der Ange­klagte. Vierzehn Tage später zog er dann aus – vor die Tür gesetzt oder freiwillig, das bleibt unklar – mit dem Nötigsten in einem Köfferchen. Wo­hin? Richtig! Er zog zu seiner Mutter. Die Pension Mama ist auch für einen aus der Generation 50plus bisweilen nicht mit Gold aufzuwiegen: „Meine restlichen Sachen sind ja noch in der Wohnung“, grummelt Herr B., „sie rückt nämlich nichts raus!“

Frau M. betritt den Saal – ach was, sie durchmisst den Raum von der Tür zum Zeugenstuhl mit der Grazie einer Siegerin, und das, obwohl sie noch immer auf Gehhilfen angewiesen ist. Das Bein will einfach nicht heilen. Das liegt an ihrer Osteoporose. „Knochen­schwund“ also. Aber davon erfuhr sie erst im Krankenhaus. Das konnte Herr B. nicht ahnen damals, als er ihr einen Schubser gab, das war eine, wie auch Staatsanwalt Böhn einräumt, un­glück­liche Fügung. Und doch, sagt der Ankläger, „bleibt es ein Fall von häus­licher Gewalt“.

Die Zeugin gönnt ihrem Ex keinen Blick. Sie ist blond, schlank und trägt eine Jacke in Leopardenmuster. „Er ist nur sauer, weil das Lokal auf mei­nen Namen läuft“, beginnt sie und legt dann richtig los: „Keinen Finger machte er krumm, fragte aber ständig nach Geld. Sogar an meinem Porte­monnaie bediente er sich. Nichts als Schulden hat er.“ Hausverbot habe sie ihm schließlich erteilt, jawoll! Sie ist keine Frau, die einen Nichtsnutz durchfüttert, aus lauter Liebe und Gutmütigkeit: „Ich leg mich doch nicht krumm für ihn!“ stellt sie klar.  

Das will Herr B. so nicht im Raum ste­hen lassen: „Sie war ja nur auf die Gaststätte scharf, die sie sich dann unter den Nagel gerissen hat. An­schließend wurde ich eiskalt abser­viert, obwohl ich doch auch eine Menge investiert habe.“ So geht das noch eine Weile hin und her, und be­vor die beiden sich weiter ihre schmutzige Wäsche um die Ohren hauen, macht Richterin Kohlheim ei­nen Vorschlag zur Güte: Vielleicht lasse sich die Geschichte ja mit einer Einstellung erledigen – gegen eine Geldbuße …

Aber das ist mit dem Angeklagten nicht zu machen! „Sie hat an mir ge­zerrt, und ich habe mich nur losgeris­sen“, beteuert er, „da setzte sie sich auf den Boden.“ Unschuldig sei er. Und sonst: „Alles Lüge.“ Nein, da ist keine Einsicht in Aussicht, und so gibt es halt doch ein Urteil:  35 Tagessätze zu je zehn Euro.

Sie haben sich nichts mehr zusagen, Frau M. und Herr B., und verlassen, sie hoch erhobenen Hauptes, er wü­tend, den Saal. Das Alter, sagt man, löscht das Feuer und lässt die Wärme zurück. Ach was, auch nur so ein Spruch …