Die Lust am Totschlagen

War er der dritte Mann? Richard R., ein seit frühester Jugend notorischer Krimineller, vor Verhandlungsbeginn mit seinem Verteidiger Gordian Hablizel. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Schon in jungen Jahren, in sehr jungen vermutlich, muss sich Ri­chard David R. für die Seite der Bösen entschieden haben. Vielleicht war ihm etwas anderes als eine kriminelle Kar­riere auch gar nicht möglich: Sein Stiefvater, den die Mutter nach ihrer Scheidung geheiratet hatte, verübte einen Raubüberfall und verschwand dann für Jahre im Gefängnis. „Eine schwie­rige häusliche Situation“ hieß das in der Sprache des Jugendamtes. Die Liste der Straftaten, die der her­anwachsende Richard dann, bisweilen zu­sammen mit seinem Stiefbruder, beging, ist lang: Einbrüche, Urkun­denfälschung, Fahren ohne Fahrer­laubnis, Tankbetrug.

Richard David R. soll auch der dritte Mann gewesen sein beim Raubüber­fall auf den Tierarzt Robert H. (da­mals 85) und seine beiden Söhne Ul­rich (47) und Peter (52) in Schlüch­tern. Er muss sich deshalb vor der 1. Großen Strafkammer des Ha­nauer Landge­richts verantworten, unter an­derem wegen versuchten Mordes.  Eine Tat wie ein Orkan: Auf brigan­tenhafte Weise verroht, unfass­bar gefühllos, von außergewöhnlicher Kaltblütigkeit. Nur einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite, ist die Schlüchterner Polizeista­tion.

Es geschah in der Nacht zum 30. De­zember 2010. Es hat geschneit. Es ist 0.30 Uhr, und Stille liegt über der Lotichiusstraße. Das Trio schlägt die Scheibe einer rück­wärti­gen Tür ein. Es ist ein großes Haus, die Praxis be­findet sich im Souterrain. Die Täter, mit Sturmhauben maskiert, müssen Licht im Erdge­schoss gesehen haben, wo Ulrich H., Veterinär für Kleintiere, vor dem Fernseher sitzt. Er versucht noch, sich ih­nen entgegenzu­stellen. Er ist ein schmächtiger Mann, 1,76 Meter groß, mit schmalen Schul­tern. Sie schlagen ihn zu Boden. Einer wirft sich auf ihn, zertrümmert ihm mit einer Eisen­stan­ge eine Rippe. Wie von Sinnen prü­geln und treten sie auf ihr Opfer ein. Und schwei­gend. Es mag das Un­heimlichste, das Grauen­hafteste in diesen Augenblicken gewe­sen sein – ein wortlose Wüten. Sein Bruder Peter kommt hinzu, dann Va­ter Robert. Auch sie werden schwer misshandelt. Bei Peter H. diagnosti­zieren die Ärzte später Schädelbasis­brüche. Seinem Bruder gelingt die Flucht rüber zur Polizei. Als die Be­amten das Haus stürmen, gut fünf Minuten später, sind die Eindring­linge verschwunden, ohne einen Cent. Vielleicht ist es zu­treffend, was Ulrich H. nun im Zeu­genstand mutmaßt: „Es ging denen nicht um Beute. Es ging ihnen ums Totschlagen.“

Und doch: Es war Geld im Haus. Viel Geld. 100.000 Euro in Scheinen. Sie steckten in Schubladen und in Tüten. Landwirte pflegten Rechnungen da­mals vorwiegend in bar zu bezahlen. Peter H., in der Ge­meinschaftspraxis zuständig für Groß­tiere und Fleisch­beschau, fehlt der Sinn fürs Monetäre. „Er stopfte die Einnahmen halt in den Schreibtisch. Für sich gab er kaum etwas aus“, er­klärt sein Bruder. Die beiden sind Junggesellen. Die Tat hatte nicht nur körperliche Folgen: Peter H. ist noch heute in psychologi­scher Behandlung. Er geht nur noch in Begleitung seines scharfen Boxer­hundes auf die Straße. 

Hatten die Täter von seinem sorglo­sen Umgang mit den Einnahmen er­fahren? „Der alte Tierarzt und seine Söhne sind bodenständige, fleißige Leute; man hat durchaus größere Be­träge bei ihnen vermutet“, erzählt Herr S., damals Polizist in Schlüchtern, heute Pensionär. Er kennt die Menschen aus dem Berg­winkel, jener Region im Osten des Kreises, wo Kuppenrhön, Sandstein­spessart und Unterer Vogelsberg auf­einandertreffen. Er kennt auch den Richard R., der heute 26 Jahre ist und bereits einige davon hinter Git­tern verbrachte. Diebstähle waren sein Ding. Einbrüche, mit beachtli­cher Nervenstärke ausgeführt. Einmal soll er nachts ins evangelische Pfarr­haus von Schlüchtern-Ramholz ein­ge­bro­chen sein und das Schlafzimmer durchsucht haben, obwohl der geist­li­che Herr, schlotternd vor Angst, in seinem Bett lag. Oder die Verfol­gungsjagd durch Lieblos: Mit 100 km/h die Leipziger Straße runter, über den Bürgersteig, über rote Am­peln. In einer Sackgasse war dann Schluss gewesen und der gestohlene Ford Focus ein Wrack. Aber wäre er zu einem solchen Gewaltexzess fähig? Nein, meint sein Verteidiger, der Strafrechtler Gordian Hablizel aus Hanau. Außerdem hatten die Opfer bei der Polizei von „eher kleinen Tä­tern“ gesprochen; sein Mandant ist über einsachtzig.

Richard R. trägt ein frischgestärktes weißes Hemd, dazu eine dezente Kra­watte, kurze Haare und einen ge­pflegten Bart. Er sieht aus wie einer, der zum Frühstück gerne Steroide ver­putzt, mit Oberarmen wie ein Eisenbieger. Sie bringen ihn gefesselt in den Saal 215; die Handschellen zu­sätzlich an einem Ledergurt vor dem Bauch fixiert. Es soll Ausbruchsge­rüchte gegeben haben. Die Besucher müssen heute hinter der Glaswand bleiben, die den Zuschauerraum ab­trennt. Verstärkte Sicherheitsmaß­nahmen. Seine Frau und seine Mutter sind auch erschienen. Manchmal zwinkert er von der Ankla­gebank zu ihnen hinüber. „Er kommt einem auch auf der Straße immer freundlich entgegen“, lobt der Kommissar a. D. aus Schlüchtern. Richard R. schenkt auch ihm ein strahlendes Lächeln. Zur Sache will er jedoch nichts sagen.

Das haben Michael (57) und Andreas S. (46) allerdings getan. Sie belaste­ten Ri­chard David R. schwer (hier). Er sei ihr Komplize bei der Tat gewesen. Die Brüder S. wurden vergangenes Jahr in einem Revisionsprozess rechtskräftig zu lebenslanger Freiheitsstrafe verur­teilt. Am nächsten Verhandlungstag sollen sie als Zeugen aussagen.

Weitere vorgesehene Prozesstermine: 10., 12., 31. Mai, 2. Juni, jeweils 9 Uhr, Saal 215.