Die Männer der Sylvia K.

Vermindert schuldfähig oder seelisch gestört und somit gänzlich ohne Schuld? Die Angeklagte mit Anwalt Oberländer. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. Laut WhatsApp-Protokoll muss Adem A. in den frühen Morgen­stunden des 29. Dezember 2015 ge­storben sein. Die letzte Nachricht hatte er um 1.47 Uhr an seine Noch-Ehefrau Nimet ge­schickt. Sie lautete: „Na dann, mein Schatz, sei geküsst.“ Als er am folgen­den Mittag nicht mehr auf ihre Anfra­gen reagierte, schrieb sie ihm um 15.41 Uhr flapsig, nichts Böses ah­nend: „He, was ist los? Lebst du noch?“ Da war er längst in seinem Bett ver­blutet. Bisweilen pflegt die Wirklich­keit einen schaurig-zynischen Humor.

Der mehrstündige, quasi finale Aus­tausch von Textnachrichten zwischen Adem und Nimet A. markiert gleich­sam das retardierende Element, dem die Katastrophe folgt in dieser Tragö­die. Es ist die Geschichte einer Frau an der Grenze zum Wahnsinn, ihrer verzweifelten Liebe, ihrer Angst vor der Einsamkeit. Vielleicht auch ihrer emotionalen Ausbeutung.

Das Di­lemma der Sylvia K. beginnt, als sie fünfundzwanzig ist, in Berlin. Da verliebt sie sich in ihren türkischen Kollegen Haydar. Gern hätte sie ihn geheiratet, erst recht, als der gemein­same Sohn Ce­mal auf der Welt war. Heute sagt Haydar schulter­zuckend: „Wir sind halt nicht dazu gekommen.“ Wohl gemerkt: in fünfundundzwanzig Jah­ren nicht! Das Glück ohne Trau­schein verblasst schließlich im grauen Alltag der Unzulänglichkeiten: Re­gel­mä­ßige Arbeit ist seine Sache nicht. Haydar frönt lieber dem Spiel. Er ver­zockt, was sie – manchmal mit meh­reren Jobs gleich­zeitig – verdient. Einmal verlie­ren sie sogar ihre Woh­nung, weil er wieder­holt das Geld für die Miete verdaddelt hat.

Es wird nicht klar, wer dann wen ver­lassen hat am Ende dieser unglückse­ligen Beziehung, der sie ihr halbes Le­ben opferte. Jedenfalls geschah es im Jahr 2013. Da ist Sylvia 50, Cemal be­reits Mitte zwanzig, ein junger Mann ohne Beruf, ohne Ziel, ohne Plan. Später wird sie sich die Schuld auch an sei­nem Versagen geben. Nun tritt Adem A. aus Gelnhausen übers Inter­net in ihr Leben. Er ist noch verhei­ratet mit Nimet, in zwei­ter Ehe. „Ei­nes Tages sagte er: ,Ich liebe dich nicht mehr. Suche dir eine Wohnung!‘ Und das war’s dann“, er­zählt Nimet A. im Zeugenstand. Man könnte es auch Verstoßung nennen. Sie ist eine kleine Per­son mit Brille, kur­zem, henna­far­benem Haar, resolut, aber auch prag­matisch. Sie streicht die Segel, zumin­dest fürs Erste.

Heute ist sie Nebenklägerin. Ja, ein Pascha sei er gewesen, erinnert sie sich im Zeugenstand. „Er verlangte sogar, dass ich ihm bei Tisch das Mi­neral­wasser nach­schenke. Nicht mal die Wasch­ma­schine hat er angestellt.“ Das be­stätigt auch seine Schwester Ayse. Viel­leicht war Sylvia K. sein Notnagel. Eine Frau, die ihr bisheriges Leben für ihn aufgibt, die mit fliegen­den Fahnen aus der Hauptstadt zu ihm nach Gelnhausen flüchtet, in die Hoffnung, alles werde endlich gut. Aber auch Adem hat keine richtige Arbeit und hohe Schulden. Die Pri­vatinsolvenz läuft. Irgendwann muss Sylvia K. festgestellt haben, vom Re­gen in die Traufe geraten zu sein. Nein, mit Männern hatte sie kein Glück. Und immer wieder fühlt sie sich an ihren Arbeitsplätzen gemobbt, beo­bachtet, verfolgt. Wahnhafte Vor­stellungen, die in Schlafstörungen münden. Depressionen. Suizidversu­chen. Was ist da Ursache, was Wir­kung?

Es werden jedoch die schmerzhaften Gemeinheiten gewesen sein, die in die­ser unglücklichen Frau am Ende jene „Hassgefühle“ weckten, von de­nen sie nach der Tat den Ärz­ten der Frankfurter Uni­klinik be­rich­tete (und wie sie deshalb „in Trance“ mitten in der Nacht das Messer geholt und auf ihn einge­sto­chen habe und dann auf sich selbst). Nadelstiche werden es gewesen sein wie Adems unge­niert schwärmeri­scher Umgang mit seiner jungen, hüb­schen Nichte; wie seine vorsätzlich grobe Behandlung ihrer ge­lieb­ten Katzen, wie seine unver­blümte neuer­liche Kontaktaufnahme mit Ni­met. Zu ihr wollte er zurück. Systematisch be­reitete er die Absetz­bewegung vor. Sylvia hatte ihre Schuldigkeit getan. „Sollte er mich verlassen“, hatte die einmal gesagt, „bring ich ihn um!“ Und dazu ein Messer genommen und ste­chende Bewegungen ausgeführt ...

Der Gutachter Rüdiger Müller-Isberner, Direktor der Forensischen Psychiatrie in Haina, bescheinigt der Angeklagten eine krankhafte seeli­sche Störung und verminderte Schuldfähig­keit. Das ist Paragraph 21 StGB. Er könnte ihr eine lebenslange Freiheits­strafe ersparen, die sonst bei einer Verurteilung wegen Mordes droht. Auf eine generelle Schuldunfä­higkeit (Paragraph 20) wollte sich der Gut­achter aber nicht festlegen.

Das Urteil wird für Anfang September erwartet. Mehr hier und hier.