Die Mutter des Drogenhändlers erzählt

Liebesgrüße aus Izmir: Zeitungsbericht über den dreistesten Drogenhändler Deutschlands. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Frau M. hat alles aufge­schrieben. Die ganze Geschichte hat sie zu Papier gebracht, zuerst von Hand mit ihrer sauberen, serifenlosen Schrift, dann hat sie alles auf der Schreibmaschine abgetippt. Es sei so eine Art von Therapie, sagt sie. Das Sicherinnern. Das Zurückschauen. Vielleicht ist es auch die Suche nach dem Anfang allen Übels in ihrem Le­ben, nach dem Warum, nach der möglichen eigenen Schuld.

Frau M. ist gerten­schlank wie eh, das lockige Haar noch immer so blond wie auf den  Fotos aus früheren Zeiten, die an der Wand im Flur hängen. Frau M. hatte es zu et­was gebracht, zu einem gutgehen­den Getränkegroßhandel, zu mehre­ren Häusern in Hanau und Umge­bung, zu einer Familie mit vier Kin­dern. Jetzt kämpft Frau M. um die Reste ihrer wirtschaftlichen Existenz. Im vergan­genen Jahr wurde ihr Sohn Mustafa (53) wegen Rauschgifthandels festge­nommen. Das Finanzamt for­dert 250.000 Euro Steuern aus an­gebli­chen Drogenerlösen von ihr. Die Im­mobilien sind schon weg. Und weg ist jetzt auch Mustafa, geflüchtet kurz vor dem Prozess, verschwunden auf Nimmerwiedersehen. „Wenn sie ihn doch nur in Haft genommen hätten“, sagt die Mutter. „Andererseits“, fügt sie hinzu, „bin ich froh, dass ich ihn nie wiedersehen muss.“

Die Dreistigkeit, mit der Mustafa dem Gericht am Vortag seiner Ver­hand­lung frech ausrichten ließ, er könne urlaubshalber leider nicht teil­nehmen, hat die Gemüter erhitzt. Kommentare wie: „Wenn sich die Jus­tiz das gefal­len lässt, ist sie selber schuld“, fanden sich nach dem Be­richt zu Dutzenden auf der Facebookseite des Hanauer Anzei­gers, in dem die Story zunächst erschienen war. Dass der Haftbefehl, den die 2. große Straf­kammer daraufhin erließ, erst vier Wochen später in Kraft tritt, eine Art „Weihnachtsfrie­den“ für den Ange­klagten, sorgt für Kopfschütteln. Auch bei Frau M., Mustafas Mutter.

Aber eigentlich nahm die Geschichte ihren Anfang ja schon viel früher, vor gut 30 Jahren nämlich, da wurde der Vater, welcher auch Mustafa hieß und ein unauffälliger, ruhiger Mann war, wegen Drogenhandels zu acht Jahren verurteilt. Es ging um eine Tonne He­roin. Bis heute weigert sich Frau M., seine Schuld zu akzeptieren. Ein Jus­tizirrtum, zürnt sie.  Der Rache­akt einer Erlenseer Bande. Sie hat die Gerichtsakten stu­diert, immer wieder, und obwohl er längst verstor­ben ist, der Mustafa Se­nior, kämpft sie weiter um seine Re­habilitierung. Aber auch das Finanz­amt hat nicht vergessen. Das Finanzamt vergisst nie. Es holte sich die Immobilien, eine nach der anderen. Geblieben ist Frau M. noch das Haus in Erlensee, aber auch das steht jetzt auf der Kippe.

Es ist ein gepflegtes Haus, etwas zu­rückgesetzt von der Straße, verbor­gen hinter einer Buchsbaumhecke, in dem die Geschichte spielt. Eine gute, eine ruhige Ge­gend. In einer teuer und ge­schmackvoll eingerichteten Erdge­schosswoh­nung mit Kaminofen und Wintergar­ten lebt Frau M. ihr stilles Le­ben. Vom Flur aus schraubt sich eine schmale Treppe nach oben. Hier quartierte sich Mustafa ein; das war, nachdem er seine zweite Gefängnis­strafe verbüßt hatte, wegen Drogen­handels, Anfang der 90-er, ein Fau­lenzer und Macho, wohnsitzlos, ar­beitslos, skrupellos. „Ich war immer für meinen Sohn da“, sagt die Mutter, „aber er blieb stets unzugänglich.“ Nein, aufgenommen habe sie ihn nicht. Einfach eingezogen sei er. Ein Mann von damals 28 Jahren mit ei­nem satten Vorstrafenregister, ohne Perspektive, ohne Beruf, drogensüch­tig, geschie­den, kehrt zurück in die Pension Mama. Man darf getrost ver­muten, dass sie die Hoffnung hegte, es werde nun alles gut. Es ist die Hoff­nung ei­ner jeden Mutter. Aber ob­schon nur durch ein paar dünne Mau­ern  getrennt, leben sie neben­einander her in zwei Welten, die nicht kompatibel sind.

Warum setzte sie ihn nicht vor die Tür? „Ich hatte Angst vor den Typen, die bei ihm ein und aus gingen“, er­zählt sie. „Düstere Gestalten aus dem Milieu.“ – Welches Milieu? – „Na, Sie wissen schon … Er lebte hier mit einer Pros­tituierten zusammen.“ Einmal würgt er die Mutter bis zur Bewusstlosigkeit. Die Nachbarschaft weiß bald Bescheid über das seltsame Treiben. Die Polizei schließlich auch. Sie observiert das Haus. Frau M. verkriecht sich in ihrer Wohnlandschaft aus Antiqui­täten, schweren Ses­seln und dicken Teppichen, derweil über ihr Drogen­partys gefeiert werden. Die Überreste sind noch heute zu sehen; eine dunkle Höhle voller Gerümpel, vermüllt, ver­dreckt, klebrig der Fuß­boden, die Wände in scheußlichen Farben ge­tüncht, zugepappt die Fenster. Der Geruch von Lotterleben liegt noch in der abgestandenen Luft, nach all der Zeit.

Im Herbst 2015 stürmt die Rausch­giftfahndung dieses Loch. Sie nimmt Mustafa mit. Sie lässt ihn wieder lau­fen. Keine Verdunkelungs-, keine Wiederholungsgefahr. Und Fluchtge­fahr? Er habe ja einen festen Wohn­sitz gehabt, sagt Staatsanwalt Wolf, da sei es schwer, einen Haftbefehl zu kriegen. Mag sein, dass die Justiz überlastet war, denn spätestens nach sechs Monaten muss man einem den Prozess machen, wenn er in U-Haft sitzt. Als eineinhalb (!) Jahre später die Sache vor der 2. Strafkammer auf­gerufen werden soll, ist Mustafa über alle Berge. Kurz vor dem Termin, sagt Frau M., habe er das Haus verlassen. Wortlos. Grußlos. Wie immer.

„Er ist in der Türkei“, ver­mutet sie. „Wo sonst?“ Er werde nicht zu­rückkommen. In der Nähe von Izmir lebt die Familie ihres Mannes. Die beiden hatten 1961 geheiratet. Es war eine der ersten deutsch-türkischen Ehen. Sie selbst hat eine Weile in seiner Heimat verbracht. Das war in den guten Zeiten, als der Roman ihres Lebens noch eine Liebesgeschichte war.