Die Mutter, die Täter, das Urteil

Was könnte mehr Symbol sein der Unschuld als eine Kinderschaukel? Und doch geschah es hier, in der Nacht, am Rande von Steinheim. ©Dieter A. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war ein langer Prozess vor der Jugendkamer, quälend lange für Hannelore P., die an nahezu jedem Verhandlungstag im Zuschauerraum hinter der Glasscheibe saß. Vor ziem­lich genau einem Jahr haben sie ihren Sohn halbtot geschlagen, mit einem Baseballschläger, ganz in der Nähe ih­rer Wohnung. Vorn auf der Anklage­bank sitzen zwei junge Burschen, Dominik und Julien, ein Brüderpaar, das unterschiedlicher kaum sein könnte: Julien, mit einundzwanzig der Jüngere, sieht reifer aus, irgendwie erwachsener als Dominik, 23 Jahre, der ein blasser, schmaler Kerl ist mit rasiertem Schädel, auf dem ein blon­der Zopf thront, mehr eine Locke, und der die Verhandlung mit gelangweilt-schnippischer Miene verfolgt.

Er war eine unfassbare Tat, deren ge­nauer Ablauf sich nicht mehr rekon­struieren lässt. Sicher ist: Markus P. trifft in der Nacht des 20. Dezember 2015 am Steinheimer Mainufer  auf mehrere Personen, mindestens zwei, nämlich die Angeklagten, später fin­det man ihn mit lebensgefährlichen Verletzungen auf dem Spielplatz an der Uferstraße. Sie flicken ihn zu­sammen, ein Meisterwerk chirurgi­scher Kunst. Allein die Verlesung sei­ner Frakturen und der medizini­schen Maßnahmen, der Computerto­mogra­phien und Komplikationen, nimmt fün­funddreißig Minuten in Anspruch.

Markus P. ist 42 Jahre alt, ein Früh­rentner, der gern mal einen zur Brust nimmt, ein „Quartalsäufer“, wie es heißt, kurz: ein Sonderling, im Stadt­teil belächelt, verhasst und obgleich harmlos vielleicht auch ein wenig ge­fürchtet. Der psychiatrische Gutachter Thomas Holzmann aus Frankfurt at­testiert ihm eine „paranoide narzissti­sche Persönlichkeitsstörung“. Hunde sind ihm ein Gräuel. Noch mehr aber Herrchen und Frauchen, die sie von der Leine lassen. Dominik hat einen Chihuahua, einen eichhörnchen­großen Vierbeiner, mit dem er Gassi ging in jener verhäng­nisvollen Nacht. Sind sie sich zufällig begegnet? Hat Markus P., in dessen Blut später 3,4 Promille  festgestellt werden, den Dominik provoziert? Oder wurde das Opfer von seinem Haus weg in eine Falle gelockt? Do­minik jedenfalls ruft seinen Bruder an. Julien bringt einen Baseballschlä­ger zum Spielplatz. Es ist 21.40 Uhr.

Es sieht nach einer „Abreibung“ aus. Es gibt Leute in Steinheim, die den Nährboden für diese Tat bereitet ha­ben. Sie klebten Zettel an Laternen und Bäume, auf denen stand: „In der Valentin-Braun-Straße wohnt ein Frauen- und Hundehasser. Er tritt auf Frauen und Hunde ein. Machen Sie eine Anzeige.“ Es ist eine Art analoger Shitstorm.

Dominik und Julien belasten sich ge­genseitig. Dominik sagt, sein Bruder habe zugeschlagen. Julien sagt, er habe nur den Baseballschläger abge­liefert und sei dann getürmt, wohl wissend, was Dominik damit anzufan­gen gedenke. Markus P. sagt, Dominik habe zugeschlagen. Aber Erinnerun­gen sind bei ihm nur noch rudimentär vorhanden. Der Alkohol, die schweren Kopfverletzungen … Dominiks Vertei­diger, der Frankfurter Rechtsanwalt Till Gutsche, hat kein glückliches Händchen in diesem Verfahren. Er setzt auf Defensive. Er verheddert sich auf Nebenkriegsschauplätzen. Er hat eine Mitarbeiterin im Saal, die jedes gesprochene Wort mitschreibt. Er ver­sucht, Markus P. als fremdenfeindlich hinzustellen. Sein Mandant gehört der ethnischen Minderheit der Sinti an. Er zweifelt am Wahrheitsgehalt der Op­ferangaben. Er versucht, das Verfah­ren mit ständig neuen Anträgen zu verzö­gern. Er lässt weitere Zeugen auftre­ten, die freilich wenig zur Wahrheits­findung beitragen können.

In Wirklichkeit aber ist der Prozess eigentlich schon gelaufen, als eine Freundin von Joana, Dominiks Le­bensgefährtin, aussagt. Diese habe ihr berichtet, die Brüder seien anschlie­ßend gemeinsam nach Hause gekom­men. Dominik sei der Schläger gewe­sen. Er habe dann aber dafür gesorgt, dass ein Krankenwagen gerufen wurde. Joana bestätigt  das schließ­lich. Die Kammer wird dies am Ende Dominik  gutschreiben, gilt es doch juristisch als „Rücktritt von der Tat“, nämlich dem ursprünglich angeklagten ver­suchten Totschlag.

Dass Verteidiger Gutsche schließlich auf Freispruch plädiert, könnte man unter „wirklichkeitsfremd“ subsumie­ren. Zu viele Indizien gegen seinen Mandanten, zu eindeutig dessen Rolle bei dieser Tat. Die Jugendkammer unter Vorsitz von Susanne Wetzel verurteilt Dominik wegen einer schweren gefährlichen Körper­verlet­zung zu sechs Jahren. Julien kommt mit zwei Jahren Jugendstrafe auf Be­währung davon. Vor der Ur­teilsver­kündung betonte er, dass ihm das Schicksal von Markus P. leid tue. Es klang aufrichtig. Sein Bruder ver­zich­tete auf ein letztes Wort. Nach dem vier Monate dauerenden Prozess kann  Hannelore P. nun versuchen, endlich wieder ihren Frieden zu fin­den. Ihr Sohn wird für immer unter den Fol­gen der Tat leiden.

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