Die Partys der Frau D.

„… nicht unedel sind die Waffen eines Weibes“, schrieb Goethe („Iphigenie“), womit der Dichterfürst, immer für ein Zitat gut, solche aber nicht meinte. ©Gaumont/Besson, Repro: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. An diesem Tag driftet der Volke­prozess ins Bizarre ab. Errol ist im Zeugenstand. Wie zuvor auch sitzt er in einem Wiesbadener BKA-Büro hinter einer halbtranspa­renten Plane und berichtet von Ge­sprächen mit Lutz H., geführt Anfang 2016. Die beiden sind allein an jenem Abend. Errol (VE3) hatte seine Kollegin Ayse (VE1) mit Banu D. in ein Luxushotel an den Wörthersee geschickt. Well­ness all inclusive auf Steuerzahlers Kosten. Nun haben sie „sturmfreie Bude“. Lutz H. bereitet einen Rinder­braten zu. Errol hat Wodka mitge­bracht. Sie trinken und führen Män­nergesprä­che. Es geht um Waffen und ums Tö­ten. Errol erinnert sich, Lutz H. habe ihm eine Schrotflinte zum Kauf ange­boten: „Sie stamme von sei­nem Vater und sei nicht registriert. Man könne sie absägen und damit Menschen umbringen.“ Er soll das wirklich gesagt haben, so en passant: „Menschen umbringen.“ Lutz H. habe das Gewehr loswerden wollen. Es sei ihm „zu heiß“ geworden. Wegen „der Sache“.

Richter Peter Graßmück fragt: „Was meinte er damit – die Sache?“ Im Nachhinein sei ihm klar geworden, antwortet VE3, dass es sich dabei um den Volkemord gehandelt haben müsse. Mehrere „illegale“ Waffen des Lutz H. werden später bei seinem Nachbarn in Eisentratten sicherge­stellt: eine Büchse mit Zielfernrohr, zwei Pistolen, versteckt im Schlaf­zim­mer­schrank, dazu zwei Gewehr­futte­rale, ein paar Schuss Munition. In Öster­reich gilt so was als Ord­nungs­wid­rigkeit.

Errols Erzählungen also. Lutz H. habe ihm geschildert, wie er einmal einen Schafbock mit einem Messer tötete. „Er demons­trierte das Zustechen und strahlte übers ganze Gesicht, als er beschrieb, wie ihm dabei das warme Blut über die Hände lief.“ Die Szene dürfte aber, wie Verteidiger Andreas von Dahlen süffisant anmerkt, „frei erfunden“ sein. Gibt es doch einen (von Errol übrigens heim­lich angefertigten) Mit­schnitt des Dialogs. Die Datei wird im Gerichts­saal abgespielt. Es beginnt so: „Ich halte … nichts davon, Tiere un­nötig zu quälen“, lässt sich Errol ver­nehmen. Lutz H. stimmt zu und be­richtet sach­lich, wie er dem verletzten Schaf den Gnadenstoß versetzte. „Abnicken“ laute der Fach­begriff in der Jägersprache, wird Gut­achter Dieter Marquetand, selbst Weidmann, später anmerken. Keine schöne Sache, aber bisweilen unum­gänglich. „Leiden beenden“ nennt es Lutz H. und be­tont: „Das heißt nicht, dass ich geil darauf bin. Du bist dir da schon be­wusst, dass du Leben nimmst.“ Keine Begeisterung fürs Töten im Tonfall. Von fließendem Blut kein Wort. Damit konfrontiert, bittet Errol: „Weiterlau­fen lassen – das kommt noch.“ Es klingt, als habe es der Zeuge auf diese Formulierung abgesehen. Ein Stich­wort quasi. Bestätigung einer Indi­zienkette, die zum Täter führt. Führen muss. Weil es anders nicht sein kann. Aber nein, es kommt nichts mehr.

Vielleicht sollte man sich den Erfolgs­druck vergegenwärtigen, unter dem die Verdeckten Er­mittler standen, um das begreifen zu können. Nach Mo­naten des Bespitzelns, des Auf­zeich­nens von Gesprächen, des Nieder­schreibens von Eindrücken verfügten Errol und Ayse noch immer über kei­nen Beweis für die Täterschaft ihrer Zielperson. Und so wird jede flap­sige Bemerkung, jede Lebensäuße­rung des vertrauensseligen Paares eingepasst in ein Belastungspuzzle. Längst nämlich hatte das BKA die Hoffnung aufgege­ben, bei Lutz H. die Tatwaffe zu fin­den. Umso wichtiger wurde der äu­ßere Anschein. Anek­dotische Evidenz sagen Wissen­schaftler dazu. Es ist die Beweisfüh­rung des „Ich-kenne-einen-Fall-wo …“ – wie z. B. der des 95-jährigen Ket­tenrau­chers, aus dem sich schließen lasse, dass Ni­kotin das Leben verlängere.

Ein anderes Treffen, ein weiterer Schwatz in kleiner Runde: Banu D. habe dabei von „ihren Partys“ gespro­chen. Ein Synonym. Was meinte sie damit? „Verbrechen“, sagt Errol, der Zeuge. Da ist er sicher. Es muss so sein. Einmal sei sie nach einer solchen „Party“ in eine Po­lizeikontrolle gera­ten, auf der Auto­bahn bei Wiesba­den. Es war in der Mordnacht, früh morgens am 8. Sep­tember 2013. Banu D. saß mit ihrem Bekannten Cengiz G. in dessen BMW. Sie wollten zu einem Konzert in der Zurna-Bar. Aber wo kamen sie her? Aus Hanau vielleicht? Der Gallien­straße? Wenn die Beamten damals nur etwas gründli­cher nachge­schaut hätten … Errol: „Sie sagte wörtlich: Wenn das ,aufgepoppt‘ wäre.“ Auf­poppen. Auch so ein kryptischer Be­griff. Geschichten in Chiffretexten. Selbst Errol muss zugeben, dass er den Durchblick nicht mehr hatte da­mals. Gleichwohl notierte er sich je­den Satz.

Banu D. galt trotzdem als unverdächtig. Vermutlich, weil ihre Geschichten von den VE-Führern in Wiesbaden und Wien als das erkannt wurden, was sie wa­ren: kleine Phantastereien. Münch­hausia­den. Wie auch ihre angebliche Laufsteg­karriere in Mailand, ihr einstiger Spit­zenjob als Gesundheitsmanagerin oder der Bei­nahe-Kauf irgendeines Istanbuler Wahrzeichens. War es die Hagia So­phia? Die Blaue Moschee? Der Dol­mabahce Palast?

Egal! Vielleicht waren Errol und Ayse ja die einzigen, die ihre Schwin­deleien für bare Münze nahmen. Oder neh­men wollten. Wenn sie ins Bild passten …