Die Richterin und ihr Laptop

Sitzen in der Klemme: Kammervorsitzender Graßmück und Beisitzerin Zeyß. Foto: D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Spekulation, der Volkeprozess könne platzen, ist nicht abwegig. Die 1. Große Strafkammer hat sich nämlich in eine prekäre Situation hinein manövriert. Möglicher­weise erledigte die beisitzende Richterin Zeyß während der Beweisaufnahme am gestrigen Prozesstag andere, „verfahrensfremde Arbeiten“ (Verteidiger Torsten Fuchs, Frankfurt). Frau Zeyß führt ne­benbei noch eine Zivilkammer beim Hanauer Landgericht. Hat sie dafür, am Richtertisch im Volkeprozess sitzend, ein Urteil geschrieben oder einen Be­schluss ausgefertigt?

Vorgesehen war eigentlich, drei weitere mitgeschnittene Tele­fongespräche zwischen Lutz H. und seiner damaligen Lebens­gefährtin Banu D. abzuspielen. Die erste dieser Audiodateien ist hundert Minuten lang. Nur wenige davon drehen sich um das Verbrechen in der Gallienstraße. An einer Stelle sagt Lutz H.: „Ich wünsche mir, dass sie dieses Schwein erwi­schen. Wenn nicht, wird’s ein Cold Case. Dann bleibt immer etwas an mir hängen. Ich bin ein bedingt Verdächtiger.“ An­sonsten geht es um Belanglo­ses – um den Hund von Lutz H. namens „Herr Müller“, um ei­ne geplante Safari in Kamerun, für die ein Jagdgast kurzfristig abgesagt hatte. Das Gespräch endet mit gegenseitigen Liebesbeteue­rungen, wie sie zwischen Mann und Frau bisweilen vorzukom­men pflegen.

Die sind kaum verklungen in Saal 215, da meldet sich Ver­teidiger Fuchs zu Wort: „Ich habe mitbekommen, dass die Beisitzerin ein Dokument vor sich auf dem Tisch hatte und ständig in ihren Laptop schrieb. Ihre ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet.“ Von Mi­nute zehn und siebzehn Sekun­den des Telefonats an sei sie damit beschäftigt gewesen. Mindestens 36 Minuten lang. Er beantragt, sie möge diesbe­züglich eine dienstliche Erklä­rung abgeben. Außerdem be­gehrt er Einblick zu nehmen in das Dokument.

Staatsanwalt Pleuser bekundet, er habe „volles Vertrauen in die Seriosität des Gerichts“, was in dieser Situation leicht ironisch klingt, schlägt gleichwohl vor, man könne das Telefonat ja noch mal in voller Länge ab­spielen. Wie gesagt: Hundert Minuten. Das Gericht zieht sich zurück; Frau Zeyß nimmt das ominöse Schriftstück, das sie vorher unter ihren Laptop ge­schoben hatte, mit ins Richter­zimmer. Anwalt Fuchs protes­tiert. Pause.

Die dauert. Geschätzt fünfund­vierzig Minuten, gefühlt län­ger. Spannung baut sich auf im Saal. Frau Zeyß ist eine ver­sierte Richterin. Ist es denkbar, dass sie sich fahrlässigerweise eine solche Blöße gab? Würde dies doch bedeuten, dass ihr In­teresse an dem in die Zielge­rade einmündenden Volkeverfahren nur noch … – nun, rudimentär wäre. Alles schon gelaufen also? Nachdem es die Kammer kurz nach Weihnachten abgelehnt hatte, den Haftbefehl gegen Banu D. aufzuheben, könnte dies als weiteres Indiz für eine bereits getroffene Entschei­dung gewertet werden.

Die Kammer kehrt zurück, lehnt Fuchs‘ Begehr ab. Kein An­spruch, keine Rechtsgrundlage! Mit anderen Worten: Es gehe die Verteidigung nichts an, mit was sich die Beisitzerin während der Verhandlung beschäftigt! Gibt es also doch was zu ver­bergen? Fuchs stellt nunmehr einen Befangenheitsantrag ge­gen Richterin Zeyß. Die Verteidiger von Lutz H. schlie­ßen sich an. Schluss für heute. Vorsitzender Graßmück, sicht­lich genervt, bricht ab.

Was würde die Befangenheit von Richterin Zeyß bedeuten? Der Prozess müsste neu – nunmehr zum vierten Mal – aufgerollt werden, vor dersel­ben Kammer, mit einem neuen Beisitzer. Und wenn nicht? Zumindest der BGH hätte seine Freude dran.