Die Stunde des Chihuahua

Tatort Spielplatz: Auf den Mainwiesen in Steinheim trafen an jenem Dezembertag 2015 mindestens vier Männer aufeinander. Vielleicht ging es um einen Hund …  – oder nur ums Zuschlagen. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am 20. Dezember 2015 trinkt Markus P. (42) zwischen 15.15 und 21 Uhr in seiner Stammkneipe vier Fla­schen Apfelwein und einen Jäger­meister. Als er das Lokal, eine Trink­halle an der Ludwigstraße in Stein­heim, verlässt, hat er 3,4 Promille im Blut. Von hier bis zu seiner Wohnung sind es nur 116 Meter. Später in der Nacht wird Markus P. auf einem nahegelegenen Spielplatz gefunden – zusammengeschlagen, bewusstlos, lebensgefährlich verletzt. Seit zwei Monaten bemüht sich die Jugendkammer des Hanauer Landge­richts, den Fall aufzuklären. Er steckt voller Rätsel, Ungereimtheiten, seltsamer Zufäl­le (dazu auch hier und hier).

Sicher ist:  Markus P. lässt sich an je­nem Abend von einem anderen Gast, der ihn eigentlich mit seinem Auto nach Hause fahren will, vorm Sport-Bistro an der Brandenburgstraße absetzen. Auf ein letztes Bier. Das kleine italienische Lokal liegt aber in einer ganz anderen Rich­tung. Aus dem „Absacker“ wird dann doch nichts mehr: Markus P. gibt später an, vom Wirt vor die Tür gesetzt worden zu sein, weil er bereits sternhagelvoll war. Nun sagt Padrone Carmelo C. als Zeuge allerdings aus: „Stimmt nicht. Er war gar nicht da. Ich würde mich an einen solchen Vorfall erinnern.“

Als gesichert gilt: Um kurz vor 21.30 Uhr ist Markus P. zu Hause. Wir wissen dies durch ein Telefonat, das er mit einem Bekannten von Trinkhallenwirt And­reas R. (den alle „Andy“ nennen) zu dieser Zeit führte. Das Gespräch war durch einen Zufall, nämlich eine falsch gewählte Nummer, zustande gekommen. Markus P. berichtet dem Anrufer, jemand mache sich gerade an seinem Rollladen zu schaffen; er werde nun mal nachschauen. Tatsache ist auch: Markus P. zieht seine Jacke aus. Seine Mutter findet sie anderntags im Hof des Anwesens. Aber warum warf er sie hier achtlos hin? War er in Eile gewesen? Und wem folgte er offenbar in die Dunkelheit der um diese Zeit einsamen Straße hinein?

Das Wohnhaus der Familie P. liegt an der Ecke Valentin-Braun-/Uferstraße. Der Spielplatz befindet sich 300 Meter davon entfernt, zwischen St.-Nikolaus-Kirche und Mainwiesen. Fünfzehn mächtige alte Linden grenzen das Gelände zum Fluss hin ab. Es gibt Schaukeln, eine Rutsche, ein Klettergerüst, einen Baskettballkorb. Still ist es hier an diesem Winter­abend. Und finster. Mindestens vier Männer halten sich gegen 21.40 Uhr dort auf. Einer von ihnen ist Mar­kus P., das spätere Opfer. Was suchte er hier? Die anderen sind Dominik (23) und Julien S. (21), zwei Brüder. Sie sollen Markus P. dann mit einer Baseballkeule derart ver­prügelt haben, dass er Schädel­basis- und Jochbein- und Gesichts­knochen­frakturen erlitt. Ein Auge büßte seine Sehkraft ein. Doch wer ist der vierte Mann?

Wenige Minuten, bevor sich die Tat ereignet, es muss gegen 21.35 Uhr gewesen sein, erreicht „Andy“, den Trinkhallenwirt, ein rät­selhafter Anruf, und zwar von Domi­nik S.: „Ich bin mit meinem Hund am Spielplatz. Da ist dieser Typ, der keine Hunde mag. Was soll ich nur tun?“ Markus P. ist in Steinheim als Eigenbrötler bekannt. Wiederholt hatte er Auseinandersetzungen mit Hundehaltern provoziert, die auf den Mainwiesen ihre Vierbeiner Gassi führten.

„Was haben Sie ihm geantwortet?“ fragt Richterin Susanne Wetzel den Zeu­gen. „Ich riet ihm, seinen Hund zu schnappen, und nach Hause zu ge­hen“, antwortet er. Es handelte sich um einen Chihuahua. 

Zwei Tage später kann die Polizei das immer noch bewusstlose Opfer mit Hilfe von Andreas R. identifizieren; der Trinkhallenwirt hatte über den Fall in der Zeitung gelesen und sich an die dort beschriebene Kleidung erinnert.

Dominik und Julien machen wider­sprüchliche Angaben. Jeder behaup­tet, der andere habe zugeschlagen. Kommissar Sven U. erinnert sich im Zeugenstand an Juliens Vernehmung: „Sein Bruder hätte ihn aufgefordert, den Baseball­schläger zum Spielplatz zu bringen. Er selbst sei dann wieder heimgegangen. Es war ihm jedoch klar, dass damit jemand eine Abreibung kriegen sollte.“

Die Familie S. gehört zur ethnischen Minderheit der Sinti. Dominiks Ver­teidiger, der Frankfurter Rechtsan­walt Till Gutsche, versucht, angebliche frühkind­liche Ausgrenzung und Diskriminie­rung als Entschuldigung für die krimi­nelle Karriere seines Mandanten ins Feld zu führen. Dazu scheint ihm je­des Mittel recht. Er scheut nicht ein­mal davor, Markus P. in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit zu bringen. Es geht um eine angebliche Auseinandersetzung vor der Trinkhalle. Ein Verbrechensopfer, das, nicht einmal im Saal anwesend, auch noch diskreditiert wird … Gastwirt Andreas R. weist die Unterstellung zurück.

Gutsche beantragt zudem, die Mutter der beiden Angeklagten in den Zeugenstand zu rufen. Sie soll seinen Mandanten ent- und den Julien, ihren jüngsten Sohn, belasten. Der soll ihr nämlich gestan­den haben, den Markus P. zusammenge­schlagen zu haben. Yvonne S. (40) verweigert die Aussage.

Der Prozess wird fortgesetzt.