Dieses Wrack ist mein Kind!

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vor 58 Jahren, mit sieben, kam sie aus Polen. Genauer gesagt: aus dem ehemaligen Oberschlesien. „Meine Vorfahren wa­ren Sinti und Roma“, erklärt sie und beeilt sich, hinzuzufügen: „Wir waren aber immer sesshaft.“ Die erste Bleibe in Hanau: ein Lager am Alten Rückinger Weg. Mit zehn Jahren wurde sie eingeschult, mit 14 ging sie wieder ab. Nein, zum Lesen und Schreiben lernen reichte die Zeit nicht. Aber vielen Kindern hat sie das Leben ge­schenkt, und die seien alle was ge­worden, sagt sie stolz. Alle – bis auf Robin. Sie ist etwas füllig, hat schwarze Haare und warme, dunkle Augen.

Wie schmerzlich muss es sein für sie, ihren Jungen auf der Anklage­bank zu sehen: den Kopf leicht schräg geneigt, die Augen in dem kantigen Gesicht bisweilen weggetreten, gla­sig, müde, in eine Ferne gerichtet, die nicht von dieser Welt ist. Für ihn hat sie sich in den zweiten Stock des Ha­nauer Land­gerichts hoch geschleppt, wo heute in Saal 216 die Berufung der Staatsan­waltschaft verhandelt wird; das Asth­ma macht ihr das Trep­pensteigen zur Qual. Aber nicht um eine härtere Strafe geht es – einein­halb Jahre auf Bewährung hatte es in der Vorinstanz gegeben für ein paar Autoaufbrüche* –, sondern darum, Robin aus diesem Labyrinth von Dro­gen und Beschaf­fungskriminalität herauszuholen. Sie hat sich hilfe­suchend an das Gericht gewandt: Sperrt ihn ein! Schützt ihn vor sich selbst! Das fordert auch An­kläger To­bias Wolf: die Unterbrin­gung in einer Entziehungsanstalt.

Robin hat keinen Beruf erlernt. Er war mal im Schrotthandel. Lange her. Jetzt ist er auf Hartz IV. Mit vierzehn erste Gerichtserfahrung, mit acht­zehn im Gefängnis. Sein Strafregister enthält alles, was das StGB zu bieten hat. Zwölf Jahre seines Lebens ver­brachte er hinter Gittern. Jetzt ist er 39 und obdachlos. Einmal versuchte er, der Mi­sere ein Ende zu set­zen und sich vor ein Auto zu stürzen. Aber selbst  mit dem Freitod war er überfordert. Die Mutter kocht für ihn, macht seine Wäsche, wäh­rend er herumlungert, fantasiert, kifft, die Zeit in seiner eigenen Welt totschlägt. Er bettelt: „Bringt mich in die Psychiatrie nach Hadamar.“

Das freilich ist so einfach nicht. In Pa­ragraf 64 des Strafgesetzbuchers heißt es zwar: „… wird [eine Person] … wegen einer … Tat, die … auf ih­ren Hang [zu Drogen] zurückgeht, verurteilt … so soll das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungs­anstalt anordnen, wenn die Gefahr besteht, dass sie infolge ihres Hanges erhebliche rechtswidrige Taten bege­hen wird.“ Aber erfüllen die Autoauf­brüche, die Diebstähle von Navigati­onsgeräten, um die es heute geht, tatsächlich diese Voraussetzungen? „Ich brauchte Geld, um mir Essen kaufen zu können“, beharrt Robin. Nein, keine Drogen. Satt habe er werden wollen, mehr nicht. „Vom He­roin und Methadon bin ich inzwi­schen weg“, beteuert er. „Ganz ohne Hilfe. Sieht man mir das nicht an?“ Das ist jetzt keine Frage. Das ist der verzweifelte Wunsch nach Anerken­nung, nach einem klitzekleinen Lob, einem bisschen Würde. Richterin Pe­ter, die den Angeklagten lange kennt, antwortet vielsagend: „Fragen Sie lie­ber nicht. Ich bin immer ehrlich …“

Dann die Mutter. Eigentlich mochte sie zunächst schweigen, schließlich ist alles gesagt, x-mal gesagt in vielen Verhandlungen, aber dann sprudelt es doch aus ihr heraus, das ganze Di­lemma: „Neulich hat er den Wasser­hahn verklebt, weil da der Teufel her­aus käme. Oft führt er Dialoge mit verschiedenen Stimmen. Schauen Sie ihn an – er ist ein Wrack. Aber er ist doch mein Kind …“

Als er fünf war, hat sich Frau A. von ihrem Mann getrennt. „Dann habe ich ihn verwöhnt, weil er doch noch so klein war“, erzählt sie. Es klingt wie ein Selbstvorwurf. Sie ist immer noch auf der Suche nach einer Erklärung für dieses misslungene Leben. „Er hat doch mal eine Lehre als Heizungsin­stallateur angefangen – aber dann kamen die Drogen …“

Sein Bruder Mar­tin (43) – schlank, teure graue Leder­jacke, Designerbrille – ist bei einer Fluggesellschaft beschäftigt und das Gegenteil von Robin. Er sagt: „Wenn er wieder in den Knast müsste, käme er ganz leicht an Dro­gen heran.“ Hier kämpft eine ver­zweifelte Familie um das Leben eines Angehörigen.

Der renommierte Psychiater Dieter Marquetand aus Beerfelden hat Ro­bin untersucht. Von Persönlichkeits­schwankungen berichtet er – mal freundlich kooperativ, dann wieder aggressiv abweisend. Eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Gegen seine Schizophrenie bekommt er starke Medikamente. Die Mutter hat eine ellenlange Arzneimittelliste dabei. Marquetand baut dem Gericht die goldene Brücke: Die Taten seien sehr wohl eine Folge des Drogenkonsums gewesen. „Weil er suchtbedingt kein Geld hatte, sich Lebensmittel zu kaufen.“

Man könnte sagen, das sei Robins Eintrittskarte in die Entziehungsan­stalt. Die Kammer weist ihn ein. Viel­leicht hat sie ihm damit das Leben ge­rettet. Er nimmt das Urteil an. Seine  Mutter wirkt erleichtert.

Es ist schwer, ein gutes letztes Wort zu finden für diese Geschichte.

 

*Laut Anklage hatte Robin einen Suzuki und einen VW Golf aufgebro­chen, indem er die Seitenscheiben einschlug. Er klaute Navigationsge­räte, die er später an „einen unbe­kannten Taxifahrer in Hanau“ (Staatsanwaltschaft) verscherbelte.