Drei Pünktchen und drei Jahre

Warum Reiche normalerweise keine Überfälle begehen? Donatien Alphonse François de Sade schrieb es hier nieder, dies und noch manches andere. Originalausgabe von 1791. (Anmerkung des Autors: Nein, wir besitzen sie nicht, hätten sie aber gerne …)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Letzte Worte im Straf­verfahren sind eine tückische Gattung der Vortragskunst. An­wälte sollten sie mit ihren Man­danten üben. Denn nicht selten schleicht sich da eine subtile Form moralischer Erpressung ein. Wie bei Marcel, der des be­sonders schweren Raubes ange­klagt ist: „Gerade bin ich dabei, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Aber wenn ich ins Gefängnis müsste …“

Es sind jene drei bedeutungs­schweren Pünktchen am Schluss des nichtvollendeten Satzes, die Einblick geben in das Denken ei­nes Angeklagten. Sie sind der Grat zwischen Klarsicht, Larmo­yanz und Dreistigkeit. Sie verär­gern manche Gerichte. Und vielleicht auch die 2. Große Strafkammer. Die verurteilte Marcel und seinen Mittäter Agostino jetzt zu jeweils drei Jahren. Staatsanwältin Nina Bolowich hatte zweieinhalb ge­fordert, die Verteidigung gar zwei zur Bewährung.

Sein Mandant habe „aus Geld­not“ gehandelt, sagt der Straf­rechtler Oliver Kranz aus Frank­furt in seinem Plädoyer, weshalb es sich um einen „minderschwe­ren Fall“ handele. Das ist gelun­gene Anwaltsprosa. Nun werden aber Raubüberfälle selten aus Gründen des finanziellen Über­flusses verübt, was den großen Marquis de Sade zu der Schluss­folgerung gelangen ließ: „Man kann leicht keine Lust zum Dieb­stahl haben, wenn man dreimal so viel hat, wie man zum Leben braucht“ („Justine ou les mal­heurs de la vertu“). Alles, was Marcel und Agostino hatten, waren Schulden, aufgehäuft „durch einen aufwendigen, un­sinnigen Lebensstil“, wie Richte­rin Susanne Wetzel in der Ur­teilsbegründung konstatiert. Marcel ist 31 Jahre alt. Er hatte es zum Leiter eines Baumarkts in Hanau gebracht. Er hatte eine neue Wohnung bezogen und brauchte das Geld für Abstand und Kaution. Er war mit 50.000 Euro bei Banken in den Miesen. Sein Gehalt reichte längst nicht mehr, weil jeden Monat 800 Euro Tilgung und Zinsen fällig waren. Er pflegte seine an Multipler Sklerose leidende und vor der Zeit dement gewordene Mutter. Er betonte das vor Gericht. Er­zählte von den mühevollen und, gewiss auch: traurigen Stunden zuhause. „Der Stress trieb mich zu den Spielautomaten“, sagte er.

Wie viel strafmindernd wirkt sich die Betreuung einer kranken Mutter aus? In diesem Fall: gar nicht. „Denn damit stehen Sie nicht allein auf der Welt“, sagt die Richterin. „Es hat Sie psy­chisch belastet, aber nicht wirt­schaftlich.“

Die beiden jungen Männer hatten den Überfall fingiert. Der mit Wollmütze und Kapuze mas­kierte Agostino „bedrohte“ sei­nen Freund Marcel mit einer Gaspistole des Modells Walther P.23; der und sein nicht eingeweihter Kollege Oli­ver mussten den Safe öffnen. Die Beute betrug  6.459,47 Euro. Hinterher zog sich Agostino in einem Ge­büsch neben dem Parkplatz, wo er Kleidungsstücke deponiert hatte, um. Nein, das war keine spontane Schnapsidee, findet die Kammer, kein Dummer-Jungen-Streich, keine Verzweiflungstat aus unverschuldeter Not. „Da haben wir hier schon ganz andere Angeklagte erlebt“, sagt die Richterin.

Agostino ist 25 Jahre jung, in Italien geboren. Seine Kindheit: behütet. Sein dem Ge­richt vorgetragener Lebenslauf, um in der Literatur zu bleiben, ist „Dichtung und Wahrheit“, weil das gesprochene Wort und das in Dokumenten geschriebene nicht immer über­einstimmen, aber er muss als Vermögensberater – ungelernt, wohlgemerkt – einmal viel Geld verdient haben. Er nennt Summen bis 10.000 Euro netto, doch La dolce vita hat’s aufgefressen und geblieben sind mehrere Tausend Euro an Handyschulden. Viele Jobs hat er gehabt und wieder aufgegeben; Beharrlichkeit ist seine größte Tugend nicht. Aber in seinem letzten Wort erwähnt er ein Bewerbungsgespräch, das er „nächste Woche“ habe – viel­leicht, möglicherweise, eventuell oder so.

Drei Jahre also, obschon die Kammer einen „minderschweren Fall“ annimmt. Der Strafrahmen liegt da bei einem bis zehn Jah­ren. „Sechseinhalb Tausend Euro sind keine geringe Beute!“ sagt die Richterin. Die beiden müssen den Betrag übrigens an den Baumarkt zurückzahlen. „Einziehung von Taterträgen“ heißt das jetzt neu­erdings im Gesetz (Paragraph 73 StGB). Und da hilft auch keine Privatinsolvenz.

Übrigens: Agostino und Marcel haben mit Oliver, der noch ein Weilchen unter dem Schock des Überfalls zu leiden hatte und dann auch noch seinen Job im Baumarkt verlor, einen Täter-Op­fer-Ausgleich geschlossen. Ei­gentlich sollte er ein bisschen Geld kriegen. „Aber nur, wenn die beiden nicht ins Gefängnis müssen“, sagt Verteidiger Kranz.

Damit dürfte das wohl auch erle­digt sein.