Durch Wald und Flur

Und ewig singen die Wälder … Romantische Landschaft im Hintertaunus. Hier ging Lutz H. dem Weidwerk nach. Und hier scheiterten die Fahnder bei der Verfolgung des Verdächtigen an den Bodenverhältnissen. Foto: Norbert Nagel, Mörfelden-Walldorf

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Unfall ist die „Spur 2“ in den Ermittlungsakten zum Mordfall Volke. Er geschah am 7. September 2013 um 20.45 Uhr. Auf der Poststraße in Nastätten, Höhe Haus Nr. 22, wurde ein am rechten Fahrbahn­rand abgestellter grüner Peugeot gerammt und erheblich beschä­digt. Die Unfallstelle liegt 500 Meter von der Adresse Sonnen­feld 30 entfernt. Hier war Banu D. seinerzeit zu­hause.

Sowohl der Weg nach Bad Schwalbach, als auch der – wenn sie es denn vorhatte, wie die Staatsanwaltschaft annimmt – zum Tatort Gallienstraße, wo drei Stunden später Jürgen Volke erschossen wurde (gegen 23.35 Uhr), führt an der Unfallstelle vorbei. In Bad Schwalbach traf sie jedoch den Bauunter­nehmer Cengiz G., mit dem sie verabredet war. Er kam um 21.39 Uhr an; sie hatte bereits eine halbe Stunde unge­duldig auf ihn gewartet.

Dass Banu D. den Unfall verur­sacht und sich dann davon ge­macht hat, gilt als sicher. Zeugen wollen einen dunklen Kleinwa­gen beobachtet haben. Sie be­nutzte an jenem Abend den blauen Re­nault Twingo ihres Le­bensge­fährten Lutz H., der, zu­nächst im Glauben, sie sei mit einer Freun­din unterwegs, ihre Kinder be­aufsichtigte. Theore­tisch hätte Banu D. noch Zeit ge­nug gehabt, um sich von Cengiz G. in dessen Auto nach Hanau fahren zu las­sen (80 km, Fahr­zeit: 1 Std. und 3 Min.), den Mord zu begehen und anschlie­ßend in aller Ruhe die Zurna Bar in Mainz-Kastel anzusteuern (61 km, 44 Min.), wo sie um 0.20 Uhr eintrafen. Diese Zeit ist durch WhatsApp-Nach­richten belegt, die Cengiz G. an einen Freund in der Bar schickte. Theo­retisch, wie gesagt! Aber dann wäre es ausge­schlos­sen, dass sich die beiden zwischen 22.40 Uhr und 23.40 Uhr im Wiesbadener Res­taurant Harput an einem Grill­teller güt­lich taten und dazu Tee tranken. Die Polizei hat die­ses Alibi zu überprüfen ver­säumt. Erst, nach­dem Banu D. von der Zeugin zur „Verlegen­heitsangeklagten“ mu­tiert war – Lutz H. sind die Schüsse auf sei­nen Schwager nämlich nicht nachzuwei­sen –, wurde auf An­weisung der Staatsanwalt­schaft noch mal eine Streife zu dem türkischen Lokal geschickt. Das peinliche Ergeb­nis zeigt Richter Peter Graßmück nun auf dem Gerichtsmonitor: Ein düste­res, falsch belichtetes, aus der Hüfte geschossenes Foto, wel­ches das Harput von außen zeigt. Bei Nacht. Unscharf oben­drein. Mehr Nachfor­schung war der Kripo die Sache im Februar dieses Jahres nicht wert.

Die hatte sich am Tag nach dem Verbrechen, also am 8. Septem­ber 2013, ohnehin bereits auf Lutz H. als den Todesschützen festgelegt. Mittags war er mit Banu D. und deren Kindern von Nastätten zu seiner Jagdhütte bei Hohenstein aufgebrochen. Es ist eine romantische Gegend im westlichen Taunus, waldreich, wenig besiedelt und durchflossen von der Aar, einem Nebenfluss der Lahn, der sich sein Bett im Laufe der Jahrtausende tief un­terhalb der Burgruine ins Lössse­diment grub. Vergeblich hatten die Fahnder seinerzeit versucht, dem VW Amarok des Verdächti­gen heimlich zu folgen, der mit Allrand­antrieb über holprige Schleich­wege davon preschte. Die Kammer bemüht sich nun, die Strecke durch Wald und Flur  mit Hilfe von GoogleMaps zu rekon­struieren. Ein schwieri­ges Unter­fangen. Die wichtigere Frage aber ist: Wer saß damals am Steuer des Pickup? Laut Poli­zei­protokoll war es eine Frau. Es kann nur Banu D. gewesen sein. Lutz H. sei nicht im Fahrzeug gewesen. Definitiv nicht! „Defi­nitiv doch“ sagt nun Michael H., ein Jagdpartner von Lutz H., mit dem er sich an jenem Nachmittag auf der Hütte im tiefen, tiefen Wald verabredet hatte. „Jeden­falls stieg er aus dem Wagen, als er bei uns ankam.“ Also noch ein Rätsel: Hatte sich Lutz H. im Unterholz versteckt und von Banu D. aufle­sen las­sen? Aber wa­rum? Oder täuschte sich die Polizei? Es liegt nahe …

Herr H., der selbst Anwalt ist, erinnert sich noch daran, dass sein Jagdfreund ihm von dem Mord erzählt hatte. Eher en pas­sant. „Er sagte es so ähnlich wie: ,Stell dir vor, mein Schwager ist heute Nacht erschossen wor­den.‘“ Ansonsten sei über Politik und das Weidwerk gesprochen worden. „Den Schwager habe er ohnehin nicht leiden können.“

Abends hatte sich Lutz H. dann selbst bei der Polizei gemeldet.