Edelweiß-Memo aus der Post

Das Leontopodium alpinun ist nicht nur als botanische Gattung bekannt, es hat gleichfalls eine Tradition als Symbol – auf Mützen, Fahnen, Abzeichen. Nun also auch, obwohl nur indirekt, als Indiz in einem Mordfall. Abb.: Wikipedia

Von Dieter A. Graber

HANAU. Mit der überraschend kurzfristigen Entscheidung des Lutz H., sich zur Sache einzulas­sen, ist das Verfahren in eine neue Phase getreten. Eine Über­legung wert dürfte dabei die Frage sein, warum er nun doch aussagt, nach Mona­ten des Schweigens. Offenbar wollte er der Mitangeklagten beim „Auspa­cken“ zuvor kommen. Er fühle sich nicht mehr an sein ihr gege­be­nes Wort gebunden, sagt er. Ob es eine kluge Entscheidung war, sei dahin gestellt. Denn dass vieles an seiner Darstel­lung un­glaubwürdig ist, die Ge­schichte mit der verkauften Mordwaffe etwa, liegt auf der Hand.

Lutz H. belastet Banu D. nicht; er haut sie in die Pfanne. Er sagt: „Ich gehe davon aus, dass sie die FN Browning am Holzstapel deponierte.“ Der Verdeckte Er­mittler Errol hatte sie jedoch von ihm gekauft, für 30.000 Euro. Die Richter Graßmück und Fuchs konfrontieren ihn mit VE-Proto­kollen und mitge­schnitte­nen Ge­sprächen. Da klingt es anders. Auf dem Weg zum Gast­haus Alte Post in Gmünd (Kärnten) hatte er Errol genau erklärt, wo die Pis­tole zu finden sein würde – in ei­ner Kiste ne­ben der Straße, ver­packt in zwei Tü­ten. Nun gibt er an, das sei von Banu D. ge­plant gewesen. Er habe ihr dann eine SMS ge­schickt: „Es passt!“ Das Okay fürs Ver­stecken. Die­se Kurz­nachricht taucht aber nirgends auf.

Der Angeklagte beteuert, nur „Vermitt­ler“ ge­wesen zu sein. Doch das Geld wurde in sei­nem Safe sicherge­stellt. Und der für Errol handge­schrie­bene Hinweis „Gallien­straße“, der die „Partywaffe“ dem Volke­mord zuordnete? Lutz H.: „Nicht von mir!“ Er habe lediglich das Schriftbild, der Lesbarkeit halber, etwas verbessert. Es ist ein Zettel von ei­nem Kellner­block der Braue­rei Edelweiß. Ihr Bier wird in der Alten Post ausge­schenkt. Dort saßen Lutz H. und Errol, bevor das Waffengeschäft über die Bühne ging. In einem mitgeschnittenen Gespräch der beiden ist deutlich das Geräusch zu hören, wie das Blatt Papier von dem Block abgerissen wird. Banu D. war nicht dabei. Errol fragt dann: „Weiß sie von der Sache?“ Lutz H. antwortet: „Nein!“

Nun sagt er, in den Monaten nach der Tat habe sich in ihm die Gewissheit fest­gesetzt, sier müsse etwas mit dem Mord zu tun haben. Warum? Da seien z. B. ihre Verbin­dungen zur Unterwelt gewe­sen, zu einer Killerbande in Kob­lenz. Hun­derte von Morden. Die Opfer in Säure aufgelöst. Mittendrin im Geschehen: Cen­giz G., ihr Be­kannter. „Ich bin ihm verpflich­tet“, soll sie ein­mal gesagt haben. „Denken Sie, dass die beiden ein Verhältnis hatten?“ fragt Staats­anwalt Pleuser. „Es sieht danach aus“, antwortet der Angeklagte leicht schwermütig.

Lutz H. ist kein Dummer. Das ist an dieser Stelle wichtig zu sa­gen. Ein guter Plauderer ist er oben­drein. Tiefe, sonore Stimme. Ba­riton in Mittellage vielleicht. Als Pharmareferent muss ihm das zugute gekom­men sein. So einer verkauft einem Ophthalmologen sogar Hüh­neraugenpflaster. In diesem saloppen Konversations­ton also erhebt er nun, mir nichts – dir nichts, die vagesten Vermu­tungen in den Rang von Ge­wiss­heiten. Die FN Browning, die er an den Verdeckten Er­mittler ver­kaufte, stammt nach seiner Er­kenntnis von den „Koblenzern“. Diese Einwoh­nerbezeichnung verwendet er als Synonym für jene kriminelle Gruppierung, die er hinter dem Verbrechen in der Gallien­straße wähnt. Aber kann man einem derart intelligenten Mann abnehmen, dass er die wilde Killerstory, die ihm Banu D. aufgebunden haben soll, wirklich glaubte?

Den Errol hielt er nach eigenen Angaben für einen windigen Burschen. Ein Krimineller. Vor­bestraft und in dubiose Ge­schäfte verwi­ckelt. Aber ausge­rechnet an ihn veräußerte er – un­ter der Hand, versteht sich – zunächst eine Flinte aus seiner Waffen­sammlung. „Ich wollte verhin­dern, dass sie [über Banu D., d. Red.] den Koblenzern in die Hände fällt“, sagt er nun. Zeugt allein das schon von schrägem Humor der besonde­ren Art, bietet er Wochen da­rauf dem Errol dann auch noch ausge­rechnet die Pistole an, mit der Jürgen Volke getötet wurde. Sie habe ihm aber nicht gehört. Nicht mal ge­sehen habe er sie. Gleich­wohl räumt er ein, Banu D., die, wie auch immer, in den Besitz des Schießeisens gelangt sei, empfohlen zu haben, „die Möglichkeit einer Rückver­fol­gung zu ihr auszuschließen“. Nun, dies alles zu glauben erfordert  mehr als nur kindliche Naivität. Ob die Kam­mer damit ausgestattet ist?

Lutz H. schildert seine ehema­lige Lebensgefährtin als psy­chisch labile „treusorgende Mutter“, herzensgut – aber mit Hang zum Suizid. Einmal habe sie sich die Pulsadern aufgeschnitten – aus heiterem Himmel. „Bipolare Stö­rung“ diagnostiziert der falsche Doktor ohne Abitur. Er habe deshalb auch an Trennung ge­dacht. „Mir wuchs die Sache über den Kopf. Einmal wählte ich sogar die Nummer der Poli­zei, legte aber schnell wieder auf.“ Richter Graßmück fragt: „Was hätten Sie denen denn ge­sagt: „Dass die Frau in Behand­lung muss!“

Nichts gesagt hat er auch nach seiner Festnahme im Mai 2016, als sie ihn in U-Haft steckten wegen Mordverdachts. Bis jetzt. Das ver­wundert nicht nur den Vor­sitzen­den. Lutz H. spricht von einem „Agreement“ mit Banu D., sozu­sagen einem Schweige­gelübde aus dem Knast: „Wir hatten das so ausgemacht. Es war selbstver­ständlich, mich vor sie zu stel­len. Loyalität hat für mich ei­nen ho­hen Wert.“ Apropos Wert: Der Wert einer Einlas­sung hängt auch von ihrem Zeit­punkt ab und den Umstän­den. Lutz H. hat nun die Flucht nach vorn angetreten.

Manchmal ist vorn dort, wo das Verhängnis lauert.