Ein Architekt und Genosse

Wo dein Geld gut angelegt ist, kann auch ein Titel nicht falsch sein: Wenn’s um Politik geht – Sparkasse

Von Dieter A. Graber

HANAU/NEUBERG. Fast zehn Jahre ist es nun her, da hob der Architekt Wolfgang Schroeder aus Neuberg die Hand zum Eid: Feierlich wurde er als Gutach­ter für Haus-, land- und forst­wirtschaftlich genutzte sowie gewerbliche Grundstücke der Sparkasse Gelnhausen be­stellt. Das hat sich Herr Schroeder, der in der Kommunalpolitik seiner Ge­meinde so etwas wie ein bun­ter Hund ist, auf seinen Brief­kopf drucken lassen. Und des­halb steht er heute vorm Ha­nauer Amtsgericht: „Titel­miss­brauch“ wirft ihm die Staats­anwaltschaft vor. Herr Schro­der sieht das ein wenig anders.

Zunächst etwas trockene Kost: Öffentlich bestellter und verei­digter Gutachter darf sich nur nennen, wer von IHK oder Ar­chitektenkammer anerkannt ist. Da verstehen die keinen Spaß. Schließlich darf sich ja auch kein Landarzt als Neurochirurg versuchen. Ob­wohl sich da sicher eine Menge mehr verdienen lässt … Herr Schroeder war also „lediglich ein sogenannter freier Sachver­ständiger“, wie ihm die hessi­sche Architektenkammer ver­ärgert schrieb. Ein Jahrzehnt war alles gutgegangen, und nun das!

Rausgekommen war‘s, weil Herr Schroeder in einem milli­onenschweren Erbschaftsstreit als „öffentlicher“ Gutachter auftrat. Es ging um Immobilien in Frankfurt, Ha­nau, Maintal und Windecken. Er soll sie falsch bewertet ha­ben – zu hoch oder zu niedrig, je nach Sichtweise der vor Ge­richt ob­siegenden oder unter­legenen Partei. Auf jeden Fall hat er ein hübsches Honorar eingestri­chen für seine Bemü­hungen. Einer der Erben erstat­tete An­zeige.

Herr Schroeder ist 67 Jahre, ein großer, schlanker Mann mit eis­grauem Haar und Brille. Er packt seine Unterlagen auf den Tisch der Anklagebank in Saal 24. Nervös knetet er die Hände, als gelte es, einen nör­geligen Bauherrn zu überzeu­gen. Er spricht mit sonorer, lei­ser Stimme. „Ich wurde damals von der Sparkasse offiziell be­stellt.“ Er hat seine Urkunde dabei. „Öffentli­che Bestellung“ steht da. Und so ein Geldinstitut ist doch eine erste Adresse. Kein Geringe­rer als Landrat Erich Pipa stand damals dem Verwaltungsrat vor.

Richterin Bhanja zieht die Au­genbrauen hoch. „Dann müs­sen wir wohl Herrn Pipa als Zeugen laden“, sagt sie. Aber zuerst kommt Frau B. an die Reihe, Syndikatsanwältin und Expertin fürs Sparkassengesetz. So eine Kreditan­stalt, erklärt sie, benötige interne Exper­ten, gehe es um die Be­leihung einer Immobilie. Aber of­fiziell und öffentlich …  – nein, das nicht. Eine Sparkasse, die sich ihr eigenes Recht schafft?

Natürlich hätte sich Herr Schroeder bei seiner Reputation als Architekt und Diplom-Ingenieur um eine korrekte Zulassung bei einer der Kammern bemühen können. „Aber in meinem Alter noch all die Lehrgänge machen?“

Schnell fügt er hinzu: „Es war von Anfang an klar, dass ich nicht für die Sparkasse tätig sein würde …“ Das ist jetzt keine überzeu­gende Einlassung, sondern, so die Richterin, „ein Widerspruch in sich selbst“. Und Oberamts­anwalt Knelangen findet dieses Vorge­hen „absolut sinnlos …“

Vielleicht doch nicht: 2008 war Wolfgang Schroeder noch Sozi­aldemo­krat. Seine vom Landrat und Parteifreund Pipa beförderte Ernennung zum Gut­achter bescherte dem Kommu­nalpolitiker aus Neuberg in der Folgezeit ein nettes Zubrot ne­ben seinem Einkom­men, das er mit rund 3.500 Euro monatlich angibt. Schließ­lich beauftragte ihn sogar das Hanauer Amtsge­richt mit Expertisen. Von der DEKRA ist er übrigens anerkannt auf dem Gebiet der Ein- und Zwei­familienhäuser – aber dieses Kompetenzwirr­warr müssen wir nun wirklich nicht verste­hen …

Nur so viel noch: Später kehrte er seinen Genossen den Rücken und ließ sich als Spitzenkandidat der „Neuberger Liste“ ins Gemeindeparlament wählen. Die „Wahlalter­native“ (Motto: „Sozial – trans­parent - demokratisch“) ent­puppte sich zwar als Trojani­sches Pferd der MKK-Linken, gleichwohl gehörte der Rückinger Bau­meister bis 2015 der Gemeindevertretung an. Dann legte er sein Mandat nie­der.

Aber das ist ein anderes Schlachtfeld. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, betont der Angeklagte nun trotzig. „Meine Gutachten waren hieb- und stichfest.“

Mag sein, nutzt aber nichts: Zu 40 Tagessätzen von je 75 Euro verurteilt ihn Richterin Bhanja. Herr Schroeder hat seinen Briefkopf übrigens inzwischen der Rechtslage angepasst!