Ein Ehrenmord oder so ähnlich

Der Ankläger und der Medienrummel: Oberstaatsanwalt Heinze (hier am ersten Prozesstag) hielt ein bemerkenswertes emotionales Plädoyer. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Aus der Untersuchungshaft schrieb Mostafa einen Brief an seine Familie: „Was ich getan habe, war ein Zwang. Ayman ist schuld. Er hat uns unter Druck gesetzt.“ Es ist eine An­klage gegen den Schwager, den Nutz­nießer der Tat, für den mit dem Tod der Ramia A. alle Probleme gelöst schei­nen.

Vielleicht wurde Mostafa tatsächlich nur eingespannt als williger Vollstre­cker eines Todesurteils, das ein ande­rer gefällt hatte. Viele meinen das in diesem Prozess. So Oberstaatsanwalt Heinze, der in sei­nem Plä­doyer fest­stellt: „Ayman hat die Brü­der aufge­stachelt und für seine Ziele benutzt!“ Oder Moham­mads Verteidiger, der Ha­nauer Straf­rechtler Reiner Frey­dank: „Dieser Mann hätte mit auf die An­klagebank gehört.“ Sein Kollege Gordian Hablizel beschreibt Ayman A. so: „Einer, der trinkt, kifft, seine Frau schlägt und sie loswerden will.“ Es steht durchaus der Verdacht im Raum, dass die Ge­schichte mit den Sex-Videos und Nacktfotos, die Ramia verschickt ha­ben soll, eine Erfindung ihres Ehe­mannes war, um sie zu dis­kreditieren. Es wäre ein perfider Plan gewesen …

Zum Ende der Beweisaufnahme geht es um die Frage: War es eine Tat im Affekt vor dem Hintergrund einer posttraumatischen Belastungsstörung als Folge von Kriegserlebnissen – oder ein „Ehrenmord“, nicht im juristi­schen Sinne zwar, wohl aber im um­gangssprachlichen. Heinze arbeitet das in seinem Schlussvortrag heraus: Für einen Mord, wie ihn die Juristen verstehen, fehle als am Vorsatz. In diesem Fall hätte er das Messer wohl auch mitgebracht in die Wohnung an der Freigerichtstraße, anstatt es dort aus der Küche zu holen. Gleichwohl, so der Ankläger, habe Mostafa aus sei­nem „männlichen Ego“ heraus ge­han­delt. „Er befürch­tete, sein Gesicht zu verlieren, weil ihm die Schwester nicht gehorchte.“ Anstatt ihm zu fol­gen, hatte sie sich an ihren Mann ge­klammert.

Mostafa erzählt aus seinem Leben. Er hat eine leise, angenehme Stimme. Der Vater, ein Offizier, stirbt früh bei einem Autounfall. Die Mutter zieht alle acht Kinder alleine auf. Sie be­treiben eine Hühnerfarm. Nach der achten Klasse geht er von der Schule ab, jobbt als Hilfsmechaniker, später als Baggerführer. Dann kommt der Krieg nach Syrien. Es ist das Jahr 2011.

Er berichtet von den Gräueln dieses Konflikts, von den Exzes­sen der Truppen Assads, von Bom­barde­ments, Zwangsrekrutierungen, von Tod und Leid. Schwer zu urteilen, ob es authentisch ist oder der Ver­such, sich als Kriegsflüchtling zu legi­timie­ren. Tatsächlich wird er beim Einsturz eines Hauses verletzt, links ist sein Hörvermögen stark einge­schränkt. Er kommt in ein türki­sches Krankenhaus und beschließt, nach Deutschland zu gehen. Nicht in der Türkei will er blei­ben, nicht in Grie­chenland, wohin ihn der Schleu­ser (für 4.500 Euro) zuerst bringt, nicht in Italien, der nächsten Station. Deutschland muss es sein. Am 28. August 2013 hat er’s geschafft. „Ich träumte von einer Zukunft hier, da­von, einen Beruf zu erlernen, zu ar­beiten.“ Sein Asylantrag wird jedoch ab­gelehnt. Er ist nur geduldet.

Im Gepäck hat der damals 19-Jährige die archaische Wertewelt seiner Hei­mat. Eine Frau gehorcht. Die Fa­mi­lienehre steht über allem. Er ge­hört der sunni­tischen Glaubensrich­tung des Islam an. Dazu zählen auch die Salafisten, die eine Rückkehr zu ei­nem funda­mentalistisch interpre­tier­ten Ur-Islam anstreben. Mostafa sagt, er sei nicht sehr religiös, auch kein Kämpfer im bewaffneten Wider­stand gewesen, obgleich es Fotos gibt, die ihn vor zer­schossenen Häu­sern zeigen mit Pan­zerfaust und Ma­schinenge­wehr. Er reklamiert für sich eine Kriegspsycho­se. Er zittere nachts in seiner Zelle, wenn draußen das Wach­personal auf dem Gang vorbei­gehe.

Ein Gutachter konzediert ihm zwar einen „psychischen Ausnahmezu­stand“, aber keine verminderte Schuldfähigkeit. Etwaige Kriegserleb­nisse hätten keinen Einfluss auf die Tat gehabt. Was „Ehrenmorde“ an­gehe – da ist er wieder, dieser Begriff, der juristisch nicht haltbar ist, sich aber aufdrängt –, bei „Ehrenmorden“ also sei bekannt, dass stets junge männliche Familienmitglieder ausge­wählt würden, um sie zu vollstrecken, weil sie die geringste Strafe zu erwar­ten hätten. Nach der Tat soll sich Mostafa im Internet diesbezüglich  er­kun­digt haben. Er sei, so ein Ver­wandter, zu dem er geflüchtet war, auf drei Jahre gekommen. Im güns­tigsten Fall.

Der wird nicht eintreten. Heinze for­derte lebenslänglich für einen beson­ders schweren Fall des Totschlags. Es ist ein emotionaler Schlussvortrag des Ober­staatsanwalts. Er vergleicht die Tat mit den grausamen Hinrichtun­gen des IS: „Ramia kauerte vor ihrem Schlächter. Er schnitt ihr die Kehle durch wie einem Schaf. Sie hat noch einmal geschrien. Schreien konnte das Kind nicht mehr, das in ihrem Bauch starb.“ Mos­tafa weint. Sein Kopf ist auf die Brust gesunken.

Dann hält Verteidiger Hablizel ein be­eindruckendes Plädoyer. Keiner der Zeu­gen sei glaubwürdig, die Erklä­rung seines Mandanten, ei­nen Black­out gehabt zu haben, nicht zu widerle­gen. Sein Antrag lautet: neunein­halb Jahre.

Das Urteil folgt. Weitere Berichte über den Prozess hier, hier, hier und hier.