Ein Hass, so unermesslich

Therapie für die „tickende Zeitbombe“: Benjamin S. mit Verteidigern Bolz (links) und Will

Von Dieter A. Graber

HANAU. In der Bundesrepublik gibt es zur Zeit 524 Personen, die so ge­fähr­lich sind, dass sie über die Verbü­ßung ihrer Strafe hinaus eingesperrt blei­ben müssen. „Sicherheitsverwah­rung“ heißt das. Es ist lebenslänglich im Wortsinn: nie mehr frei sein, ster­ben in der JVA. Im Verfahren gegen Benjamin S. sagt Richter Peter Graß­mück zu dem Angeklagten: „Sie sind ein Kandidat dafür. Wissen Sie das?“ Benjamin S. schweigt kurz, antwortet dann mit seiner leisen Stimme, in der bisweilen ein scharfer Unterton mitschwingt: Nein, so habe ihm das noch nie je­mand gesagt.

Vielleicht ist es die Tragik des Benja­min S., dass ihm bisher keiner, um dieses Adjektiv zu gebrauchen, „bru­talst­möglich“ die Konsequenz seines verqueren Lebensstils vor Au­gen ge­führt hat. Sein exzessiver Dro­genkon­sum, seine Abschottung gegen die Welt da draußen, sein Umgang mit dem Hass, der sich ins Unermess­liche gesteigert haben muss – gegen den Freund der Mutter, gegen die Gesell­schaft, gegen sich selbst. Als er dem Hilfspolizisten Sven G. (36) im März 2015 mitten in Hanau einen faustgro­ßen Stein an den Kopf wirft, mag er in dem Opfer den Uniformträ­ger gese­hen haben, den Repräsentan­ten einer Ordnung, die seine nicht war (mehr dazu hier).

Er ist der jüngere von zwei Brüdern. Jüngere Brüder haben es leichter, sagt man, weil der Ältere den Weg für grö­ßere Freiheiten in Kindheit und Ju­gend bereits geebnet habe. Ein lie­bes, anhängliches Kind sei er gewe­sen, er­klärt die Mutter, aber „kein einfa­ches“. Frau S. ließ ihrem Ben­jamin viel durchgehen. Sie war jahrelang al­leinerziehend. „Vielleicht hätte ich mehr Regeln auf­stellen sol­len …“, sin­niert sie. Der er­fahrene Verteidiger Ulrich Will drückt es so aus: „In der Erziehung meines Man­danten ist ei­niges gewaltig schief ge­laufen.“

Regeln. Pflicht. Disziplin. Für Peter H. sind das die Grundpfeiler seines Brot­erwerbs als Marktbeschicker. Er ver­kauft Eier, Wurst, Honig an seinem Stand. Peter H. und Frau S. wurden ein Paar, als Benjamin dreizehn war. Doch die Welt des Viktualienhändlers mit ihren lan­gen Arbeitszeiten, mit dem harten kör­per­lichen Einsatz ist nicht kompa­tibel mit der des Jungen. Der chillt lieber, wie es im Jugendjargon für entspan­nen heißt, trifft sich mit Kumpels, raucht Joints, geht in die Disko. Die Verachtung für den Mann an der Seite seiner Mutter wird im Laufe der Jahre in Hass umgeschlagen sein. „Ich wollte an der Haustür mit ihr reden, aber er fiel mir ins Wort“, bricht es aus ihm her­aus, als er über den Vorabend der Tat von Hailer spricht. „Eine Frechheit. Er hat mich immer provoziert …“ Kurz darauf schlägt er einer wildfremden Frau auf einem einsamen Parkplatz in Hailer einen Hammer auf den Kopf.

Der forensische Psychiater Rüdiger Müller-Isberner hat Benjamin S. be­gutachtet.  Die Wahrscheinlichkeit, dass er nach seiner Haftentlassung wieder gewalttätig werde, sei groß. Eine dissoziale Persönlichkeit, das schon, aber eine psychische Krankheit liege nicht vor. Damit ist eine Unter­bringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach Paragraph 63 StGB ausgeschlossen. Bleibt noch der 64er: die Entziehungsanstalt. Wegen der Drogen. Seit seinem siebzehnten Le­bensjahr, sagt der Angeklagte, sei er auf Cannabis. Aber „Lust“ zu einer Therapie – nein, die habe er nicht. „Lust“. Er benutzt das Substantiv in diesem Zusammenhang tatsächlich und gibt damit Einblick in seine Wer­tewelt, wo die Befriedigung von Wün­schen obenan steht: gesteigerte Freude, Vergnügen. Spaß haben.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies for­dert für die beiden Taten, den Stein­wurf und die Hammerattacke, eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zwei Monaten (wobei bereits abgeur­teilte, kleinere Delikte aus der jünge­ren Vergangenheit mit „verrechnet“ werden). Er sagt: „Hier sitzt eine ti­ckende Zeitbombe auf der Anklage­bank.“ Das ist eine böse Metapher für einen Menschen. Aber wie könnte man Benjamin S. besser beschreiben?

Verteidiger Will hängt sich noch ein­mal rein, verweist auf die Hilfebedürf­tigkeit seines Mandanten. „Wegsper­ren allein“, betont er, „ist keine Lö­sung.“ Er plädiert für die Drogenthe­rapie. Es sei die letzte Chance für die­sen jungen Menschen. So kommt es auch: Fünf Jahre und einen Monat sowie Einweisung in die Entziehungsanstalt, urteilt die Kammer.

Nach der Halbstrafenregelung und bei Anrechnung der U-Haft könnte Ben­jamin S. aber schon in etwa zwei Jah­ren wieder auf freiem Fuß sein – wenn seine Therapie bis dahin erfolgreich ab­ge­schlossen ist. Sofern er „Lust“ dazu hat …