Ein Mädchen aus gutem Hause

Sie war jung und brauchte das Geld. Huren-Milljöh-Studie von Heinrich Zille: „Wär’n wir nich so arm jewesen, dann wär woll manches anders jeworden.“ Abb.: Wikipedia

Von Dieter A. Graber

HANAU. Tabea ist ein Mädchen aus gutem Hause. Sie ist jetzt 19 Jahre alt und wohnt noch bei ihrer Mutter, die als Selbständige mit mehreren Angestell­ten in der Krankenpflege arbeitet. Die Eltern leben getrennt. Wir erwähnen dies hier, weil es in dem Prozess eine Rolle spielen könnte, der jetzt vor dem Hanauer Schöffengericht läuft. Es geht um Sex und um Verbrechen, um Rotlicht und verlorene Un­schuld.

Es gibt zwei Versionen dieser Ge­schichte, die um einen unbestrittenen Sachverhalt kreisen. Der sieht folgen­dermaßen aus: Von April bis August 2014 ging das Mädchen Tabea der Prostitution nach. Sie war ihren Kun­den im Massagesalon von Carolin B. zu Diensten. Der befindet sich mitten in der Hanauer Innenstadt. Im Ange­bot dort sind „Ganzkörpermassage auf der Liege mit Handentspan­nung“ und „Französisch natur“ sowie weitere Spezialitäten körperlichen Lustgewinns. Tabea konnte über ein einschlägiges Internetforum gebucht werden. Es heißt „kauf mich“. Wie oft Tabea „gekauft“ wurde, ist strittig. Etwa zwanzig Mal, meint Frau B., nach Tabeas Angaben viel öf­ter, was aber in dem Verfahren ohne Belang ist, im Gegensatz zu ihrem Al­ter: Tabea war damals erst 17.  „Wer eine Person unter achtzehn Jahren bestimmt, sexuelle Handlun­gen ge­gen Entgelt … vorzunehmen oder … durch seine Vermittlung [dazu] Vor­schub leistet“, heißt es in Paragraph 180 StGB, muss mit bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe rechnen.

Carolin und Ernst B. sind ein seltsa­mes Paar, das darf man so sagen: sie 29 Jahre jung, dunkelhaarig und von molliger Gestalt, er bedeutend älter, 63 nämlich, mit einem verschwiemel­ten Gesicht, in dem sich die verlebten Jahre einge­fressen haben wie Schüt­zengräben in ein Schlachtfeld. Seinen Beruf gibt er mit „Musiklehrer“ an. Sie bezeichnet sich als „Masseurin im Erotikbereich“. Das Ehepaar B. ist wegen Nötigung und der Förderung se­xueller Handlungen Minderjähriger angeklagt, er zudem wegen Verge­waltigung. Tabea näm­lich behauptet, er habe sie wiederholt zum Ge­schlechtsverkehr gezwungen. Im Vor­strafenregister von Ernst B. sind di­verse Sexualdelikte aufgelistet.

Tabeas Version, die sich ähnlich in der Anklageschrift findet, geht so: Eigent­lich habe sie damals ja nur ei­nen Ne­ben­job gesucht. „Babysitten, Hunde ausführen oder für alte Leute ein­kaufen – so etwas halt“. Auf ihre An­zeige meldete sich Herr B., der sich als Detektiv ausgab. Experte für die Jagd auf Kinderschän­der. Er machte ihr ein Angebot als „Fahnderin“. Bes­ser gesagt: als Lock­vogel. Weil sie doch noch so jung aus­sehe. Sie lan­dete aber im Massage­salon seiner Frau, wo sie, wie man dereinst sagte, „anschaffen gehen“ musste …

Musste? An dieser Stelle verliert die Story deutlich an Glaubwürdigkeit. „Ich wurde gezwungen“, sagt Tabea. „An­dernfalls müsste ich 38.000 Euro zu­rückzahlen.“ – „Haben Sie denn das Geld bekommen?“ fragt Richterin Kohlheim. Das nicht, aber … – die Er­klärung dreht sich um angeblich ih­retwegen getätigte Investitionen, ei­nen Kredit oder etwas in der Art, und um einen entsprechenden Arbeitsver­trag, den sie mit der Detektei des Herrn B. abgeschlossen habe. Tat­sächlich gibt es aber einen „Vertrag“ mit dem Massagesalon. Der sicherte Tabea übrigens die Hälfte des Hu­renlohns zu. Auf rund 3000 Euro schätzt sie ihre Einnahmen aus jener Zeit.

Tabea trägt lange blonde Haare und eine zierliche Brille, ferner Jeans, Sneakers, einen grauen Kapuzenpulli. Ein unauffälliger Teenager. Da ist nichts Aufreizendes, Leichtlebiges, Verruchtes. Sie spricht schnell. Es klingt, als habe sie einen Text aus­wendig gelernt und wolle ihn nun rasch loswerden, bevor sie ihn ver­gessen hat. Sie ist Nebenklägerin. Im Spätsommer des ver­gangenen Jahres zeigte sie das Ehe­paar B. an, nachdem sie sich ihrer Mutter offenbart hatte. Warum nicht früher? „Mir wurde ge­droht, mit Bildern und Videos, die von mir gemacht worden waren. Da liefen ja immer Kameras mit …“

Es ist die Geschichte vom unschuldi­gen Ha­scherl, das in die Hände von Mäd­chenhändlern gerät: „Da stand ein Mann. Der wartete. Ich sollte mit ihm schlafen. Ich habe nein gesagt. Ich war geschockt. Es hieß, ich müsste, sonst …“ Richterin Kohlheim fragt: „Warum sind Sie dann wieder hinge­gangen?“ Tabea antwortet schnell: „Die wuss­ten doch, wo ich wohne.“

Carolin B. erzählt eine andere Fas­sung: „Wir hatten uns sogar ange­freundet. Sie verriet mir, dass sie auf harten Sex stehe. Sie wollte immer mehr Geld verdienen und schlug so­gar vor, die Preise zu erhöhen und Termine auch am Wochenende zu machen. Einem Kunden gab sie sogar ihre Privat­nummer. Ich habe sie ge­warnt.“ Frau B. behauptet, Tabeas wahres Alter nicht gekannt zu haben. „Mehrmals forderte ich sie auf, mir ihren Ausweis zu zeigen. Sie hatte ihn aber nie da­bei.“ Ein Mädchen, das seinen jungen Körper bedenkenlos verkauft, um ausgiebig shoppen ge­hen zu können? „Sie wusste von An­fang an, wie alt ich war“, sagt die Zeugin. „Sie hat sogar meinen Aus­weis abfoto­gra­fiert!“

Irgendwann muss es zum Streit zwi­schen den beiden Frauen gekommen sein. Vermutlich, als Carolin B. merkte, dass Tabea auch mit ihrem Mann … Und zwar im ehelichen Schlafzimmer. Sie sei eifersüchtig ge­wesen, räumt sie ein. Gekränkt. Wü­tend. Frau B. sieht auf der Anklage­bank ganz anders aus als auf ihrer Website, wo sie sich lasziv auf einem Flokati räkelt, im Slip und mit High Heels. Ir­gendwie unauffälliger.

Es gibt eine endlose WhatsApp-Kommunikation der beiden in den Ak­ten von Richterin Kohlheim,  außer­dem einen Film, darauf sind Tabea und Ernst B. in eben jenem Schlaf­zimmer zu sehen. Sie hält seine Hand. Sie sagt: „Soll ich dir zeigen, wie gern ich dich hab?“ Dann zieht sie sie sich aus. Es sei alles nur gespielt gewesen, sagt Tabea. „Er hatte mir aufgegeben, was ich sagen sollte.“

P.S.: Wir haben den Namen des Mädchens geändert. Der Prozess wird fortge­setzt.