Ein Messer ist ein Messer ist ein Messer

Von Dieter A. Graber

HANAU. Kulturelle Vielfalt, individu­elle Freiheit, offene Grenzen, das ist das Gute am modernen Euro. Leute wie Ninel C. sind die andere Seite. Die hässliche. Ninel C. hat die Hilfs­bereit­schaft der Menschen zu seinem Ge­schäftsmodell gemacht. Er reiste durch Deutschland mit der Pannen­masche. Er ist ein aggressiver Bettler. Jetzt hat ihm die 1. Große Strafkam­mer des Hanauer Landgerichts die Rechnung präsentiert.

Vorausgesetzt, es stimmt, was er dem Gericht erzählte, kam er vor zehn Jah­ren aus Rumänien nach Deutschland. Er spricht aber kaum ein Wort Deutsch. Er hat auch nie richtig gear­beitet. Er ist ein ra­debrechender Ge­schichtenerzähler. Er machte Auto­fahrern, die ihm helfen wollten, wenn er neben seinem „Pan­nenfahr­zeug“ mit geöffneter Motorhaube am Straßenrand stand, weis, er müsse seine alte Mutter besuchen. Oder mit der schwangeren Frau zum Arzt fah­ren. Oder sonst etwas Herzerweichen­des. Aber der Tank sei leer. Oft gaben sie ihm Geld. Einmal zahlte jemand an der Tankstelle die Benzinrechnung über 31,36 Euro für ihn. Gerichte von Ber­lin über Detmold, Groß Gerau, Wies­baden bis Regensburg haben ihn schon verurteilt, wegen Betrug, Dieb­stahl, Leistungserschleichung.

Cara L. wurde am Kreisverkehr auf der L3195 zwi­schen Hammersbach und Eckarts­hausen sein Opfer. Als sie Ninel C. nichts geben wollte, habe er sie mit einem Messer bedroht, sagte sie da­mals bei der Polizei. Sie hatte ihm dann zehn Euro vor die Füße gewor­fen und war  panisch geflüchtet. Es können nur Sekunden gewesen sein, in denen sich die beiden gegenüber standen an jenem Vormittag, die hilfsbereite junge Frau und der erst bettelnde, dann aggressiv Geld ein­for­dernde Mann, der plötzlich ein Messer in der Hand hatte … Oder besser: ge­habt haben soll, was er indes leugnet.

In Saal 215 sieht sie den Räuber wie­der. Er ist schmächtig, dunkelhaarig, trägt einen grauen Trainingsanzug. Sie erkennt ihn. Er war es. Richter Pe­ter Graßmück erklärt ihr, dass es um eine hohe Strafe geht für ihn, sofern das mit dem Messer stimmen sollte. Für einen schweren Raub sieht Para­graph  250 Strafgesetzbuch nämlich „Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jah­ren“ vor, „wenn der Täter … eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet“. Einen Men­schen ein halbes Jahrzehnt ins Ge­fängnis stecken wegen zehn Euro und einen Augenblick der Angst? Die Skrupel nagen sichtlich an Frau L., die nun erneut so etwas wie ein Opfer die­ses Ganoven wird. Schwer trägt sie an der Verantwortung, die in diesem Au­genblick auf ihr lastet, ihr ganz al­lein.

Frau L. weiß, dass es ein Messer war. Natürlich war es eins. Schon Stunden nach der Tat hatte sie ihr Erlebnis auf Facebook gepostet, zur Warnung an andere: „Ich wurde mit einem Messer bedroht.“ Im Prozess sagt sie: „Er zog es aus seiner Jacken- oder Westenta­sche und fuchtelte damit vor mir herum …“ Aber wenn nur die ge­ringste theoretische Möglichkeit be­steht, dass sie sich irrt, darf sie es dann noch mit Sicherheit behaupten? Sie kann die Tatwaffe ja nicht einmal be­schreiben. Es ist ein Dilemma, dass nur verstehen kann, wer selbst einmal auf dem Zeu­genstuhl saß. Also sagt sie vorsichtig: „Hundertprozentig sicher bin mir nicht. Es könnte auch ein an­derer Ge­genstand gewesen sein.“ Aber nie mehr werde sie unbefangen an­halten, wenn jemand Hilfe benötige. Viel­leicht ist das der größte Schaden, den Ninel C. mit seiner miesen Tour angerichtet hat.

Für Staatsanwalt Joachim Böhn spielt die Frage nach dem Messer letztlich keine große Rolle: „Auf jeden Fall wurde ein Gegenstand eingesetzt, um den Widerstand des Opfers zu bre­chen.“ Er verweist auf die „Signalwir­kung“ solcher Taten: „Wir sind darauf an­gewiesen, dass Menschen einander helfen.“ Er fordert zwei Jahre und zehn Monate, Verteidiger Dirk Schäfer aus Berlin eine Bewährungsstrafe. Schließlich sei die Beute nur gering gewesen.

Die Strafkammer geht von einem minderschweren Fall aus und verur­teilt Ninel C. zu zwei Jahren und vier Monaten. Darin eingerechnet sind noch ein paar Altlasten – Geldstrafen anderer Gerichte, die noch nicht be­glichen wurden.

Hinten im Saal wartet Ninels Bruder. Er hatte gehofft, ihn mitnehmen zu können, als freien Mann, der mit sei­ner Masche mal wieder davon ge­kommen wäre. Daraus wird nun nichts. Aber das gute Europa ist jetzt wieder ein Stück besser geworden.