Eine Art von Seppuku

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. Es war nur ein „Schiebeter­min“, wie Juristen sa­gen, eine kurze Verhandlung, um die gesetzliche Unterbrechungsfrist zu wahren, und doch könnte der Prozess gegen Sylvia K. an diesem Tag eine spektakuläre Wendung genommen haben.  Sogar ein Freispruch ist in die­sem außergewöhnlichen Fall denk­bar geworden (siehe dazu auch hier, hier und hier).

Sylvia K. hat ihren Lebensgefährten getötet. Sie stach ihm zehnmal in Rü­cken, Brust und Bauch. Er lag zu die­sem Zeitpunkt schlafend neben ihr im Bett. Eine scheinbar heimtückische Tat. Sie geschah am 29. Dezember 2015 in Gelnhausen. Sylvia K. ist we­gen Mordes angeklagt. Sie ist eine kleine, tragische Frau, deren Leben genügend Stoff für einen ganzen Psy­chiatriekongress bietet. Ein wenig da­von kommt zum Vorschein, als Rich­ter Peter Graßmück das Gutachten ei­ner Psychologin verliest, bei der die Angeklagte vor drei Jahren in Be­handlung war wegen Schlafstörun­gen, Zukunftsängsten, Kontrollzwang und einer Reihe weiterer seelischer Lei­den, die in der Psychiatrie mit der Ab­kürzung DSM-5 bezeichnet wer­den.

Die Angeklagte kam 1963 zur Welt; da hatte das Wirtschaftswunder längst Einzug gehalten in Deutschland, aber ihre Kindheit war geprägt von Hun­ger, Not, Angst, Vernachlässigung. Im Elternhaus herrschte blanke Gewalt. Ihr geliebter Bruder kam in eine Pfle­geeinrichtung. Heimerziehung in den 60-ern, das bedeutete Disziplin, Strafe, Er­niedrigung. „Es war die Hölle für ihn“, konstatierte sie und zermarterte sich mit Selbstvorwürfen, weil sie es trotzdem besser getroffen zu haben glaubte. Später wandte sich ihr geliebter Sohn Cemal von ihr ab und den Drogen zu. Das traf sie hart. Ihr Groß­vater hatte dereinst den Freitod gewählt. Suizid ist erblich. Wiederholt versuchte Sylvia K., ebenfalls aus dem Leben zu scheiden: Sie schluckte  Tablettencocktails, einmal stürzte sie sich sogar von einer Treppe. Aber Un­tauglichkeit zum Le­ben geht oft ein­her mit der Unfähig­keit, zu sterben.

Das war auch in jener Schicksalsnacht so, als Sylvia K. das Küchenmesser nahm. Der sieben Jahre jüngere Adem A. hatte ihr kurz vorher zu ver­stehen gegeben, dass er sich trennen wolle. Ein Nachbar fand sie am Nachmittag in ihrer Wohnung, mehrere Stunden nach der Tat. Er erinnerte sich vor Ge­richt: „Alles war voller Blut – das Bett, der Fußboden. Adem lag auf dem Rü­cken, schon kalt und starr. Sylvia er­kannte mich nicht. Sie schien wegge­treten.“

Ein Gutachten des Landeskrimi­nal­amtes ergab jetzt: Es war das Blut von Sylvia K; sie hatte sich mit dem Mes­ser selbst schwer verletzt, an den Ar­men, an der Brust. Sie hatte sich sogar in den Bauch gestochen. Es ist eine grauenvolle, schmerzhafte Form des Suizids. Seppuku heißt es in Ja­pan. Der Ritus des Todes. Aber Sylvia K. hat auch ihn überlebt, obschon sie enorm viel Blut verlor. Es war im Bett, auf dem Boden des Schlafzimmers, im Bad, gewaltige dunkle Pfützen, zum Teil schon verkrustet, von ihren nackten Füßen überall verteilt. Ver­zweifelt auf den Tod wartend, muss sie noch umhergelaufen sein; jeden­falls berichtete das auch der Nachbar. „Sie kam mir entgegen, blutver­schmiert, wie benebelt, in der Hand ein kleines Messer. Sie war nicht an­sprechbar.“ Ab zwei Litern Blutverlust tritt Verwirrung ein, Schwindel, das Bewusstsein lässt nach. Hypovolämie heißt das in der Medizin. Sylvia K. wurde in der Uniklinik not­operiert. Einem Kommissar, der sie am nächs­ten Tag am Krankenbett ver­nahm, sagte sie: „Ich wollte doch nur mit ihm zusam­men sein.“

Der Psychiater Rüdiger Müller-Isberner war zu der Einschätzung ge­langt, die Angeklagte sei zur Tatzeit zumin­dest vermindert schuldfähig gewesen. Das ist Paragraph 21 StGB. Er sagte aber auch: „Ich kann den Pa­ragraphen 20 nicht ausschließen.“ Da­rin heißt es: „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen ei­ner krankhaften seelischen Störung, we­gen einer tiefgreifenden Bewußt­seins­störung … oder einer schweren ande­ren seelischen Abartigkeit unfä­hig ist, das Unrecht der Tat einzuse­hen oder nach dieser Einsicht zu han­deln.“ Kann der Gutachter dies nicht definitiv verneinen, muss die Straf­kammer der Angeklagten eine Schuldunfähigkeit zubilligen. Nulla poena sine culpa sa­gen die Rechts­kundigen: keine Strafe ohne Schuld.

Sylvia K. müsste dann freigesprochen und in ein psychiatrisches Kranken­haus eingewiesen werden. Sie ist be­reits in Haina untergebracht. Erst mal vorläu­fig. Sie erklärte, dort bleiben zu wol­len. Sie fühle sich dort wohl.

Der Prozess wird am 29. August um 9 Uhr mit den Plädoyers in Saal 215 fortgesetzt.