Eine Kindheit, so schwer

Kleine Leute, große Täter oder Wann hört einer auf, unschuldig zu sein? Szene aus „The Unholy Three“, 1930

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Erste, was wir über Do­miniks Leben erfahren, ist seine angeblich schwere Kindheit. Etwas hastig liest Rechtsanwalt Till Gutsche vom Zettel ab, was es über die frühen Jahre sei­nes Mandanten zu sagen gibt, oder besser: was er für erwähnenswert hält. Prügel soll es zuhause gegeben haben, und die nicht zu knapp, in der Grundschule dann Ausgrenzung: „Scheiß Zigeuner“ hätten die anderen Kinder zu ihm gesagt. Man kann das glauben, man muss es nicht. Dominik ist heute 23 Jahre alt.

Sein blondes Haar trägt er an den Sei­ten kurz geschoren, oben auf dem Schädel thront ein kleiner Zopf, mehr eine Locke, blass das Gesicht, die Ko­teletten schmal und scharf wie ein Stilett.  Dominik soll einen Mann in Steinheim mit einem Baseballschläger derart bearbeitet haben, dass er furchtbarste Kopfverletzungen erlitt: offenes Schädelhirntrauma, Schädel­basisbruch, Frakturen der linken Au­genhöhle. Das Auge selbst ist verlo­ren. Das Opfer heißt Markus P., 42 Jahre alt. Markus P. gilt in dem Stadtteil als kauziger, aber harmloser Zeitgenosse, der gern mal einen zur Brust nimmt und dann Leute beschimpft, die mit ihren Hun­den am Mainufer Gassi gehen. Domi­nik war am späten Abend des 20. De­zember 2015 mit seinem Chihuahua hier unterwegs. Dominik gibt an, Markus P. habe ihn verfolgt und bedroht: „Ich fürchtete, dass er mir etwas tut. Deshalb rief ich meinen Bruder an, der kurz darauf eintraf.“ Der Tatort ist ein Spielplatz an der Einmündung Molitor-/Ufer­straße. Es war 21.40 Uhr. Zuvor hatte Herr P. an einem Kiosk vier Flaschen Apfelwein und Jägermeister getrunken.

Eigentlich wollte Dominik ja einen Kampfhund halten, aber das hatte der Hausbesitzer nicht erlaubt. Domi­nik wohnte 250 Meter von dem Spielplatz entfernt. Die Miete für seine zweiein­halb Zimmer (50 Quadratmeter) zahlt das Sozialamt (und zwar immer noch, obwohl er seit einem halben Jahr in Haft ist). Nach­dem Dominik eingezogen war, wuchs die Wohngemeinschaft rasch und un­gefragt um weitere Personen – seine Freundin und seinen Bruder Julien. Die Polizei musste oft kommen in das Haus an der Molitorstraße: Ruhestörung, häusliche Gewalt – das ganze Repertoire von Leu­ten, die keiner gern als Nachbarn hat. Auch von Haschischschwaden im Hausflur wird berichtet und von Dro­genkonsumenten, die sich abends die Klinke in die Hand gaben.

Julien ist zwei Jahre jünger und hockt nun neben Dominik auf der Anklage­bank. Er ist – wie übrigens auch sein Bruder – 1,75 Meter groß, 70 Kilo leicht, so ein Hänfling mit dem Gang eines Matrosen auf Landurlaub. Er hat heute zur Verhandlung sein bes­tes Unterhemd angezogen, dazu kurze Bermudahosen und Sportschuhe. Beihilfe wirft ihm Staatsanwalt Hubertus Pfeifer vor. Julien soll den Baseballschläger mitgebracht und seinem Bruder übergeben haben.

Richterin Susanne Wetzel verliest Dominiks bemerkenswertes Vorstra­fenregister: Mit fünfzehn das erste Verfahren wegen eines Diebstahls. Es wurde eingestellt. Dann ein gefährli­cher Eingriff in den Bahnverkehr – von der Strafverfolgung abgesehen. Weitere Eigentumsdelikte reihen sich an­ei­nander, auch räuberische Erpressung, Sachbeschädigung – stets hieß es: Schwamm drüber, die Sache wurde mit einer Verwar­nung abgetan oder höchstens einer milden Bewährungsstrafe geahndet. Da fragt man sich schon, wie groß die Mitschuld der Justiz ausfällt ange­sichts derart gnädigen Umgangs mit juvenilen Delinquenten. Vielleicht ist die staatliche Nachsicht ja Dominiks ethnischer Zugehörigkeit geschuldet: Er ist Sinti.

Dominik hat neben Julien noch drei Voll- und drei Halbgeschwister. Der Vater verließ die Familie früh, zum einen, weil er sich eine neue Lebens­gefährtin auserkoren, zum anderen, da er diverse Haftstrafen zu verbüßen hatte. Nun sitzt er mit seiner Frau hinten im Zuschauerraum von Saal 215 und verfolgt den Prozess gegen seine Jungs, ein magerer, tattoover­zier­ter Mann mit bartstop­peligem Gesicht.

Dominik gibt an, sein Bruder habe Markus P. mit der Sportkeule attackiert. Man sei dann jedoch übereingekommen, dass er, der Ältere, der sich stets als Beschützer betrachtet habe, die Schuld auf sich nähme. Juliens Version hingegen geht genau anders herum. Die Jugendkammer muss da noch viel Aufklärungsarbeit leisten.