Ende einer jungen Liebe

Von Dieter A. Graber

HANAU. Manuel ist wegen versuch­ten Totschlags angeklagt. Er hat Lisa verprügelt. Er hat sie gewürgt, bis ihr schwarz wurde vor Augen und dabei geschrien: „Ich bring dich um! Mir ist alles egal!“ Dann hat er sie mit einem Tritt gegen die Schläfe aufs Bett be­fördert, sich auf sie gekniet, ihr eine Decke übergeworfen, so dass sie Atemnot bekam und in Todesangst schrie, und wäre sein Bruder nicht dazwischen gegangen, wer weiß, ob Lisa (die in Wirklichkeit anders heißt) heute überhaupt noch in diesem Gerichtssaal sitzen könnte. Lisa ist 17 Jahre jung, ein schlankes Mädchen mit großen Augen in einem unschuldigen Kindergesicht. Wie kommt so eine an so einen? Und vor allem: Warum ist sie bei ihm geblie­ben nach alldem, was vorher ge­schah?

Am 29. Februar dieses Jahres wurde Manuel von derselben Jugendstraf­kammer, vor der er sich jetzt verant­worten muss, zu zwei Jahren und neun Monaten wegen einer Verge­waltigung verurteilt. Das Opfer war eine Zufallsbekanntschaft. Die Ge­schichte nahm an einer Tankstelle ih­ren Ausgang. Manuel und sein Freund Niko hatten da dieses Mädchen ge­troffen. Lisa wusste von der Sache. Er beteuerte ihr, unschuldig zu sein. „Ich habe ihm geglaubt“, sagt sie mit die­ser leisen, aber entschiedenen Stimme. Verliebt sei sie halt gewesen. Wie junge Menschen sind in diesem Alter: schwärmerisch und naiv und oft ein bisschen dumm.

Aber auch ihre El­tern waren im Bilde. Sie müssen ihn ins Herz geschlossen haben, diesen seltsamen jungen Bur­schen, anders ist das kaum zu erklä­ren. Lisa stammt aus einer guten Fa­milie; der Vater, ein selbständiger Handwerker, hatte Manuel, der nicht mal einen klitze­kleinen Schulab­schluss vorweisen kann, einen Job in seinem Betrieb gegeben; die Eltern ließen ihn sogar in ihrem Haus woh­nen im Stadtteil Klein-Auheim, ob­wohl er ja noch ein Zimmer bei seiner Mutter hatte. Im Haus? In Lisas Zim­mer durfte er übernachten, sie waren ja verlobt, ihre Tochter und der Ma­nuel. Und als dann die Sexualstraftat ruchbar wurde, die Anklage kam und der Prozess, da ha­ben sie ihn nicht etwa rausgewor­fen, nein, vertraut haben sie ihm, seinen Beteuerungen geglaubt, und das ist jetzt am schwersten zu verste­hen …

Groß ist er, schlank, elegant sieht er aus in seinem schwarzen Sakko, ein wenig überheblich vielleicht, trotz der weichen Gesichtszüge, vor allem aber ein gutes Stück älter als die neunzehn Lenze, die in seinem Ausweis stehen. Lisa war fünfzehn, als sie sich verlob­ten; es wird die übliche „große Liebe“ gewesen sein für sie, auf jeden Fall die erste, sie ging ja noch zur Schule damals; er brachte sie morgens hin und holte sie mittags ab, was der Ei­fer­sucht geschuldet war, und dieser nagende Argwohn, diese kranke Angst vor Liebesverlust, die sie beide teilten, war vermutlich auch das ein­zig Ver­bindende in dieser jungen, sehr jun­gen Beziehung.

Lisa berichtet: „Ich durfte nicht mit anderen Männern sprechen, nicht mal ins Schwimmbad ließ er mich ge­hen.“ Zweimal habe er ihr Mobilte­lefon zerschmissen, aus Wut, weil sie ihm nicht Einblick in ihre Chats gab. „Hinterher hat er sich dann immer entschuldigt. Wir hatten ja auch gute Zei­ten …“ Sie trennen sich im Zorn, ver­söhnen sich. Er zieht bei ihr aus und wieder ein. Richterin Wetzel fragt: „Waren Sie ebenfalls eifersüch­tig?“ Die Zeugin gibt es zu. „Haben Sie auch mal sein Handy kontrolliert?“ Ja, auch das. Es war an diesem Tag im vergangenen März. Seine Verurtei­lung lag ein paar Tage zurück. Er wusste, dass er bald würde einfahren müssen. Er sei anders gewesen, erin­nert sich Lisa. Wie? „Nun ja, traurig. Auch wütend. Aggressiv …“ Manuel hängt abends vor einem Daddelau­tomaten in ir­gendeinem Bums in der Nähe des Freiheitsplatzes. Sie wartet geduldig am Tisch, bis er den letzten Euro ver­spielt hat. Dann gehen sie zu ihm nach Hause. Händchenhaltend, aber schweigend. Gedrückte Stim­mung. Er hat sich bei ihrem Vater krank gemel­det. Aber er ist nicht krank. Nur ver­bittert wegen des Ur­teils. Lisa hat ihm versprochen, auf ihn zu warten. Dreiunddreißig Monate lang Askese und Treue. Welch ein Gelübde für eine damals Sechzehn­jährige. Er wird es, zu Recht, nicht ernst ge­nommen haben.

In seinem Zimmer findet sie dann ein Handy, ein uraltes Ding mit Tasten und einem knackevollen Nummern­speicher. Lauter Mädchennamen. Sie stellt ihn zur Rede. Da sei er „ausge­rastet“. Es gibt Fotos ihrer Verletzun­gen in den Akten. Sie sehen schlimm aus. Hätte er sie wirklich umgebracht, wenn ihr nicht die Flucht gelungen wäre? Fraglich, ob ihm Staatsanwalt Heinze eine wirkliche Tötungsab­sicht, und zwar bis zur Vollendung der Tat,  nachzuweisen vermag. Was bleibt, ist auf jeden Fall eine ge­fährli­che Körperverletzung. Manuel will keine Angaben zur Sache ma­chen. Vor dem Haftrichter hatte er lediglich eine Ohrfeige eingeräumt. Lisa ist Nebenklägerin in diesem Ver­fahren. Der Prozess geht weiter.