Es knallt im Saal

Feuer frei auf: Wenn die P.38 „spricht“, ist Gehörschutz angeraten ©Vickers Tactical

Von Dieter A. Graber

HANAU. Irgendwo in Amerika. Ein Bursche mit Ohrenschüt­zern über dem Basecap, groß wie Schlauchboote, steht, die Walther P.38 im beidhändigen Anschlag, am Rand einer Sand­kuhle und feuert auf kleine rote Scheiben, die einen aus Paletten provi­so­risch zusammengezimmerten Schießstand schmücken. Aus­ge­spuckte Hülsen tanzen in Zeit­lupe durch die Luft. Es knallt oh­renbetäubend. Ja, so eine Luger macht was her, das muss man sa­gen, optisch und akustisch. Mit der Treffsi­cherheit ist es so be­rauschend hingegen nicht, zu­mindest, wenn sich das Ziel in einer Entfernung von mehr als acht Yards, das sind sieben Kom­ma drei eins fünf Meter, befindet. Zudem ist der Rückstoß enorm. Aber Amis sind nun mal Nos­tal­giker und lieben deutsche Wehr­machtswaffen. Also auch die P.38.

Oberstaatsanwalt Heinze hat den Clip und ein paar weitere auf dem Videoportal YouTube ent­deckt. Die Filmchen sind nun im Klockprozess auf den Gerichts­monitoren zu sehen und hören. Es gibt auch noch ähnliche be­wegte Bilder aus Russland. Die wurden von der Verteidigung ausfindig gemacht, um zu zei­gen, dass die P.38 auch einhän­dig und ohne Ge­hörschutz be­nutzt werden kann. (Wir sehen: Hier geht es ums Prinzip.) Einer heißt Tokarev vs. Luger: Da ballern zwei Krieger im Flecktarn um die Wette. Rote Armee gegen Wehrmacht. Männer, die auf Ziele starren …

Es will sich so recht nicht er­schließen, was damit zu bewei­sen wäre, aber das Verfahren ist inzwischen auf einem Ni­veau angelangt, zu dem auch ein Blauer-Bohnen-Film mit Eddie Constantine passen könnte. Die Ne­benklagean­wälte schei … par­don! – schüt­ten die Kammer mit immer neuen Beweisanträgen zu, dass einem die drei Berufsrichter leidtun können. Die haben es bisweilen schwer,  ihre Mimik im Griff zu behalten. Zu skurril aber auch, was da beantragt wird.

Mit fast mütterlich-gütiger Strenge lehnt die Vorsitzende Su­sanne Wetzel alle zehn oder elf Anträge ab, Zeugen zu hören zum Beweis dafür, dass der An­geklagte Klaus-Dieter B. – ers­tens zum Jähzorn geneigt, zwei­tens das Finanzamt behumst, drittens stets ein Messer zum Brotschneiden mit sich geführt, viertens seine Wohnung vermüllt zu­rückgelassen, fünftens keinen Kontakt zu Nachbarn gepflegt habe und so weiter. Das alles sei, so die Richterin, für das Verfah­ren unerheblich. Bedeutsam sei nur, was an jenem 6. Juni 2014 auf dem Gelände der Main Ri­ver Ranch geschah. Das aber ist aus­ermittelt. Es gibt keine Zeu­gen. Es gibt nur Indizien und die „Chronik“ des Claus Pierre B., eine Art Tagebuch, in wel­ches er das Leben auf der Ranch fast mi­nutiös nieder­schrieb. Man kann, wie es die Nebenkläger tun, die­ses fast übermenschliche Erinne­rungs­vermögen bezweifeln. Wi­der­legen kann man es nicht. Und so erschöpfen sich die Beweis­anträge in dem Versuch, we­nigstens den Leumund der Ange­klagten zu ruinieren.

Aber da ist auch noch die Sache mit Frau S., der Ohrenzeugin vom Nachbarhof. Sie will am Mittag, auf einer Gartenliege schlummernd, zwei Schüsse ge­hört haben. „Puff-puff!“ Das war alles. Kein Hundegebell, keine Schreie. Nichts. Nun, zu einem schüchternen Puff-puff würde sich eine Walther P.38 wohl kaum herablassen, wie die kleine Videovorführung im Saal 215 am heutigen Tag be­eindruckend de­monstriert. Und überhaupt: In ih­rer neu­erlichen Vernehmung hatte Frau S. erklärt, spätestens um 13 Uhr das Gelände der IG Pferdeglück verlassen zu ha­ben, um ihre Tochter Celine vom Unterricht in Hanau abzu­holen. Um 13.02 Uhr aber war Sieg­linde Klock nachweislich noch am Leben. Celine aber sagte aus, ihre Schulstunde habe bis 14.30 Uhr gedauert. Fuhr ihre Mutter, die nach eigenen An­gaben ein schlechtes Zeitgefühl hat, doch erst später los?

Der Mensch ist als Zeuge eine Fehlkonstruktion. Erinnerungen pflegen sich im Laufe der Jahre an den Rändern aufzulösen, dann auch oft in ihrem Kern zu verän­dern, sich zu überlagern. Neue Gewissheiten bilden sich heraus. Zwischen erster Ver­nehmung durch die Polizei und der Aus­sage vor Gericht liegen Welten verschiedener Wahr­heiten. Die Nebenklageanwälte fordern nun, Celines Klassenlei­ter zu verneh­men. Wann war Schulschluss? Vor gut vier Jah­ren, wohlge­merkt!

Gleichzeitig verlangen sie er­neut Gutachten zum Lärmpegel durch den Verkehr auf der na­hen L3268 und die Flugzeuge am Himmel über Maintal. Aber das ist alles schon mal dagewesen. Und alles schon mal verworfen worden von der Kammer.