Fünf Männer, ein Plan und ein Reinfall

Der Schrecken des Apennins bei der Arbeit: Wie Christian August Vulpius italienische Räuber sah und einen Bestseller daraus machte. Rinaldo Rinaldini, 1798 in drei Bänden erschienen

Von Dieter A. Graber

HANAU/LANGENSELBOLD. In der Nacht zum 10. September 2012, ein Montag war das, fuhren zwei Autos von Offenbach nach Langenselbold. Vorneweg der Ford Mondeo von An­tonio S., in den sich noch Pasquale B., Francesco P.  und Nancy T. ge­quetscht hatten, im Fiat 500 schu­ckelten Gio­vanni C. und Franco P. hin­terher. Ihr Ziel war das Restaurant Villa Auro­ra. Das ist ein Edelitalie­ner mit dori­schen Säulen aus Gips, cremefarbe­nen Serviet­ten, ein paar falschen anti­ken Ampho­ren und schönem Blick auf den Kinzigsee. Die fünf Männer* hatten einen Plan. Sie wollten den Wirt be­rauben. Sie hatten eine Gaspistole da­bei. Zumindest steht das in der An­kla­geschrift. Es ist ein skurriler Fall, eigentlich mehr eine Gangster­klamotte – aber dazu später.

Nun war jedoch die Polizei informiert. Sie hatte eine Menge Telefongesprä­che belauscht. Zumindest die fünf Männer stammen aus Kalabrien. Das ist eine wunderschöne Region an der italienischen Stiefelspitze, berühmt für ihre jahrhundertealten Buchen- und Pinienwälder, Chilischoten, die an Straßenrändern trocknen und – tja, die ’Ndrangheta. Sie wissen schon: Mafia. Und so kommt es, dass zwei der heute hier Angeklagten, die sich wegen „Verab­redung zu einem Ver­brechen“ ver­antworten müssen, in ei­nem ähnli­chen Verfahren schon ein­mal hier sa­ßen. Damals ging es um Schutzgelderpressung und die Kleine Parkwirtschaft in Wilhelms­bad, die hinterher abbrannte (hier und hier), eben­falls ein schickes italieni­sches Lokal. Das ist jedoch eine andere Geschichte …

Einer dieser beiden ist Giovanni C., 34 Jahre, laut Staatsanwalt Walter Jung der Spiritus Rector des nächtlichen Unternehmens. Er habe den Überfall auf die „Villa“ geplant. Wir müssen ihn schildern, diesen Mann: ein sympathischer, quirliger Kalabrese ist er, ziemlich klein von Wuchs, das dunkle, schon etwas lichte Haar in die Stirn gestri­chen. Ir­gendwie erinnert er an den frühen Frank Sinatra –  das schalk­hafte Blit­zen in den Augen, sein jun­genhaftes Lachen, die schmächtige Fi­gur. Er übt den Beruf des Autolackierers aus. Herr C. sagt, er sei unschuldig. Zur Sache sagt er weiter nichts.

Es ist eng im Saal, weil jeder Ange­klagte nicht nur einen Verteidiger an seiner Seite hat, sondern auch eine Dolmetscherin.  Coriglianesi pflegen die kalabrische Mundart. Selbst für einen Norditaliener ist es eine ir­gendwie andere, eine fremde lingua italiana. Es han­delt sich um einen  griechischen Dia­lekt, der übrigens von der Unesco als bedrohte Sprache ge­führt wird. Über­setzungen sind da schwierig. Da braucht’s Spezialkräfte. Das simultane Flüstern der Damen gibt dann eine permanente Hinter­grund­melodie ab während der ganzen Ver­handlung, fast wie das Rauschen des Tyrrhenischen Meers an Kalabriens Küste.

Vorn sitzt Francesco P., ein Mann wie ein Fass, 31 Jahre. Pizzabäcker sei er. Es muss lange her sein, als er in die­sem Job arbeitete, denn Herr P. hat inzwischen dem Kokain zugespro­chen, so exzessiv, dass er in eine tiefe Psychose stürzte. Der bekannte Ha­nauer Psychiater Prof. Klaus Demisch hat ihn deshalb erst mal begutachtet. „Als ich ihn zu Hause besuchte, saß er in kurzen Hosen am Fenster, starrte in die Ferne und hatte Angst vor Dro­genhändlern, denen er noch Geld schuldete“, erinnert sich der Arzt. Heute hat Herr C. seinen besten Trai­ningsanzug angezogen. An seinem Handgelenk prangt eine Uhr, dick wie eine Kartoffel, Hals und Hände sind mit Tattoos bedeckt. Seine Ad­resse hat er vergessen. Irgendwo in Offen­bach halt. Ja, ja, der Koks! Gleich­wohl: „Er ist verhandlungsfä­hig“, kon­statiert der Professor. Und los geht’s …

… gleich mal mit einer Unterbre­chung. Die An­wälte wollen bei Rich­ter Andreas Weiß, dem Vorsitzenden der 5. Großen Strafkammer, die Chancen einer „verfahrensbeendenden Absprache“ ausloten. Ein Deal also. Daraus wird zwar nichts, gleichwohl dürfte die Be­weislage der Anklagebehörde eher mager sein. Stammen doch die Erkenntnisse über den angeblich geplanten Raub aus der Telefonüberwachung in der alten Geschichte. „Ein Zufalls­fund“, sagt Rechtsanwalt Manfred Schneeweiss aus Frankfurt, der Anto­nio S. vertritt. Der hatte damals zwei Jahren auf Bewährung gekriegt – aber der BGH kippte das Urteil. Es ging um Wein zu erhöhten Preisen, den Gast­wirte an­geblich von der ’Ndrangheta kaufen mussten, und zwar für drei­fünfzig die Flasche. Verkaufswert: Acht Euro. Bei dieser Preisgestaltung mochten Deutschlands oberste Richter an „Schutzgelderpressung“ nicht recht glauben.

Der Ford Mondeo und der Fiat wur­den auf der Fahrt zur Villa Aurora zweimal von der Polizei ge­stoppt und durchsucht. Eine Pistole fand sich nicht. Dennoch sagt Staatsanwalt Jung, die Täter hätten es auf die Wochenendeinnahme abgesehen, mindestens 50.000 Euro, die ristoratore Domenico C. unter seiner Matratze zu verstecken pflegte. „Schwarzgeld“, so Jung, das er angeb­lich nach Italien schicken wollte. Am Kinzigsee angelangt, hätten die Räu­ber angesichts eines vor dem Lokal geparkten Polizeiwagens ihren Plan aber aufgegeben und das Weite ge­sucht.

Bald geht es weiter in Saal 216 mit dieser Geschichte aus der Welt der verhinderten „bösen Buben“. Dann muss auch Domenico C. in den Zeu­genstand. Und sicher auch Fragen zu seinen Einkünften beantworten.

*Nimmt man seine Freundin mit zum Raubüberfall? Nancy T. war die damalige Lebensgefährtin von Francesco P.; aus unerfindlichen Gründen ging sie bei den weiteren Ermittlungen irgendwie unter, und taucht in der Angeklagtenriege auch nicht auf. Eigentlich sollte sie als Zeugin aussagen; wegen der Erkrankung ihres Kindes ist sie heute nicht erschienen.