Fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn

Von Dieter A. Graber

HANAU. Er tut sich schwer mit dem Erklären, der Olaf H.; hek­tisch gesti­kuliert er mit den Händen, zuckend bewegt er dazu den Kopf, aber es will ihm einfach nicht gelin­gen, seine Gemütsverfassung in jenen frühen Morgenstunden des 18. Sep­tember 2013 so zu schildern, dass es ihm die Kammer auch abnimmt. Olaf H. trägt ein taubenblaues Polohemd, das blonde Haar raspelkurz und eine zier­liche Brille auf der Nase. Er ist kein rhetorisches Talent. Aber ein Mör­der? Nein, das will er nicht sein. „Der Manni war doch mein Freund!“ sagt er leise.

146 Kilometer hatten Olaf H. und De­nis D. mit dem sterbenden Manni auf dem Rücksitz über Landstraßen und Autobahnen zurückgelegt (dazu auch hier). Die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Susanne Wetzel bemüht sich, diese Fahrt nahezu minutiös zu rekonstru­ieren. In den Akten gibt es Fotos, die jedes Hinweisschild, jeden Parkplatz, jede Raststätte zeigen zwi­schen der kleinen Station Gaubüttel­brunn, wo Manni beim Sprengen des Fahrkar­tenautomaten schwer verletzt wurde, und dem Bahnhof Salmünster, wo sie ihn, der inzwischen das Zeitli­che ge­segnet hatte, auf den Asphalt legten. Es ist ein müßiges Unterfan­gen. Letztlich geht es darum, das nunmehr drei Jahre zurückliegende Wollen und Denken, das Fühlen und Handeln zweier einfach gestrickter Persönlich­keiten zu erforschen, die sich damals auch noch im Ausnahme­zustand befanden.

Olaf H. hat die junge Strafverteidigern Michaela Roth aus Frankfurt an seiner Seite. Sie verliest eine „Einlassung“ ihres Mandanten, die sie für ihn vor­bereitet hat. Es ist die trefflich for­mu­lierte Schilderung eines Buben­stücks, das urplötzlich aus dem Ruder läuft und dann im Fiasko endet: ● „Als ich den Knall hörte, viel lauter als er­war­tet, war mir klar: Es stimmt was nicht.“ ● „Ich sagte, dass wir ihn in ein Krankenhaus bringen müssten. Wir wollten ihn nicht da liegen las­sen.“ ● „Ich dachte, er sei nur be­wusstlos. Dass er dabei war, zu ster­ben, ahnte ich nicht.“ ●  „Wir wollten einfach nur vom Tatort weg. Schon wegen Manni, der noch Bewährung hatte.“

Er sei dann, kettenrauchend, am Steuer von dessen altem Merce­des Diesel immer der Beschilderung nachgefahren: erst zur A3, vorbei an Würzburg in Richtung Frankfurt, dann über die A45 nach Hanau, schließlich auf der A66, wo endlich Fulda aus­gewiesen war. „Da wusste ich: Hier geht es nach Hause …“, sagt Olaf H., dem es nicht nur an sprachli­cher Be­gabung gebricht; auch sein Orientie­rungsvermögen scheint rudi­mentär zu sein. „Sie haben dabei meh­rere größere Städte passiert, wo Sie ein Krankenhaus hätten ansteuern kön­nen“, hält ihm Richterin Wetzel vor. „Ich kenne mich da nicht aus“, recht­fertigt er sich. „In Salmünster befand sich das einzige, von dem ich wusste, wie ich hinkomme …“

Der Angeklagte beteuert, er habe nur wenig Blut gesehen bei Manni, als sie ihn nach der Explosion auf die Rück­bank des Autos legten, und auch beim Ausladen auf dem Parkplatz. Erst dort zog ihm Olaf H. die Sturm­haube – der Ärmel eines Pullovers, in den Manni Löcher geschnitten hatte – vom Kopf. „Da bin ich erschrocken, wie er aussah …“ Seine Verteidi­gungsstrate­gie ist es, keine Kenntnis vom kriti­schen Zu­stand des Opfers gehabt zu haben. „Wir legten Manni noch auf die Seite, damit er nicht eventuell er­stickt“, führt Olaf H. aus. Dass der Schwerst­verletzte selbst bei rechtzeitiger Ein­lieferung in die nächstgelegene Klinik – es wäre die in Würzburg gewesen – keine Überle­benschance gehabt hätte, spielt juris­tisch übrigens keine Rolle.

Schon vorher, berichtet Olaf H., habe der Manni ihnen eingeschärft: „Egal, was passiert – nichts wie weg!“ In Bayern wollten sie sich auf keinen Fall schnappen lassen – wegen der drasti­scheren Strafen der dortigen Justiz.

Hauptkommissarin Andrea S. (51) ist eine erfahrene Kripobeamtin. Sie führte seinerzeit die Ermittlungen. Mühe­volle Fahndungsarbeit war das gewe­sen, wochenlang, rund um die Uhr. Eine beachtliche krimi­nalistische Leistung. Im Zeugenstand be­richtet sie davon. Ak­ribisch hatte sie mit ih­ren Kollegen jede  Spur verfolgt, zu­nächst von dem Toten in Salmünster zum Tatort im unterfrän­kischen Gaubüttelbrunn. Kommis­sarin S. konnte, nachdem sie ein Puz­zle an Beweismitteln zusammenge­fügt hatte, die bei­den schließlich durch abgehörte Han­dytelefonate überführen. Sie er­innert sich: „Der ganze Rücksitz des Mercedes war voller Blut, und die Maske, die ich im Fuß­raum vor dem Rücksitz fand, triefte regelrecht da­von.“ Sie nimmt den Angeklagten ihre angebliche Ah­nungslosigkeit nicht ab. Sie ist über­zeugt, dass sie Mannis Tod billigend in Kauf nahmen, um ihren eigenen Kopf zu retten.