Fahrstunde mit Anfassen

Von Dieter A. Graber

GELNHAUSEN. Angeklagt ist Oskar B., 53 Jahre alt, ein Handwerksmeister. Bis vor kur­zem war er selbständig mit seinem Familienbetrieb. Seine Schwester Bri­gitte, heute 56 Jahre, arbeitete im Büro. Angesehene Leute sind sie in dem kleinen Ort an der Kinzig. Oskar B. muss sich heute verantworten, weil er seine Nichte Nathalie „ange­fasst“ haben soll. Anfassen. Was für ein unschuldiges Wort. Es bedeutet doch: bei der Hand nehmen. Zupa­cken. Helfen. In der Anklageschrift, die Oberamtsanwältin Birgit Seifert-Schmid, vorträgt, steht es so: „Er legte die Hände zwischen ihre Ober­schenkel und streichelte sie über der Kleidung, um sich sexuell zu erregen.“ Es passierte auf einem Feldweg. In seinem Mercedes. Sie saß auf seinem Schoß. Er hatte sie von der Schule ab­geholt. Er wollte ihr das Autofahren beibringen. Es liegt jetzt neun Jahre zurück. Wenn wir richtig rechnen, war Nathalie damals zwölf.

Heute ist sie eine junge Frau mit lan­gen, blonden Haaren, ein wenig schüchtern vielleicht. Sie hat eine leise, angenehme Stimme, mit der sie ihre Geschichte in Saal 124 erzählt. „Es fing an, als ich in der sechsten Klasse war. Ich habe ja versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Eines Tages kam er in mein Zimmer. Er fragte, ob er meine Brüste anfassen dürfe.“

Sie hatte sich ihrer älteren Schwester Jennifer anvertraut und auch der Mutter. Aber alles wurde unter den Tisch gekehrt. Jennifer ist heute 30, hat selbst eine Tochter und „auch schon schlimme Sache erlebt“, wie sie es ausdrückt: Missbrauch durch den Stiefvater. „Mir wurde eingebläut, wenn du etwas verrätst, zerstört du die Familie …“ Jennifer weint. Sie empfinde Schuldgefühle, stößt sie schluchzend hervor, weil sie ihrer kleinen Schwester damals nicht bei­gestanden habe. Inzwischen hat sie ihren Stiefvater angezeigt. „Es muss doch endlich mal ein Ende haben“, sagt sie. „Die Geheimniskrämerei muss aufhören!“ Verzweifelt klingt das. Wie ein Hilferuf. Es sei wohl eine Familientradition, meint Richter Wolfgang Ott nachdenklich: „Die Frauen schweigen über die Taten der Männer.“

In Deutschland wurden vergangenes Jahr 14.191 Kinder zu Opfern von se­xuellem Missbrauch. Das sind nur die angezeigten Fälle. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Studien der Universität Regensburg lassen befürchten, dass jedes dritte  Mäd­chen betroffen sein könnte und jeder sechste Junge. Anzeigen innerhalb der eigenen Familie sind selten. Da ist die Scham. Da ist die Angst, das sozi­ale Kollektiv zu vernichten. Da ist die Hoffnung, es sei ein einmaliger Aus­rutscher gewesen … „Doch eigener Missbrauch in der Kindheit“, sagt der renommierte Psychiater Ansgar Klimke aus Friedrichsdorf, „kann das Risiko erhöhen, später selbst Missbrauch zu begehen“.

Oskar B. ist ein eher schmächtiger Mann mit hoher Stirn, Schnurr- und Kinnbärtchen. Er trägt eine randlose Brille. Er ist geschieden. Es sei doch eine harmlose Fahrstunde gewesen, beteuert er. „Ich habe sie lenken las­sen, während ich Gas gab und schal­tete. Ich kann zwar nicht ausschlie­ßen, dass ich sie berührt habe, aber es war nicht meine Absicht.“ Herr B. wurde erst vor einem Jahr von seiner Nichte angezeigt. Grimmig sagt er: „Da lebt man jahrzehntelang zusam­men, feiert gemeinsam – nie wurde eine Wort darüber verloren. Und jetzt das!“ Und so machte dieses Schwei­gen, das sich bleischwer über Täter wie Opfer gleichermaßen gelegt hatte, solche Taten über­haupt erst geschehen.

Im vergangenen Jahr wurde es dann gebrochen, das Schweigen. Vielleicht seit Generationen zum ersten Mal in dieser Familie. Damals hatte es eine Durchsuchung in Haus und Firma von Herrn B. gegeben. Wegen kinderpor­nografischer Schriften. „Da setzten wir uns hinterher alle an einen Tisch“, erinnert sich Brigitte, die Schwester des Angeklagten. „Nach und nach kam alles kam zur Sprache.“ Vielleicht wurde der Fluch an diesem Tag ge­bannt, wenn auch alte Wunden wie­der aufgerissen werden mussten …

Eine ist die aus der Kindheit von Os­kar und Brigitte. Der Angeklagte er­zählt: „Ich war etwa sechs Jahre da­mals. In der Nacht kam meine ältere Schwester zu mir ins Bett. Ich fühlte, dass es nicht richtig war, was wir ta­ten …“ Später habe er erfahren, dass Brigitte auch von ihrem Onkel miss­braucht worden sei. Irgendwie hätten diese kindlichen Erlebnisse seine se­xuelle Entwicklung geprägt. „Eska­liert“ sei alles, sagt er. Bis hin zu der Sache mit den Kinderpornos. „Ich habe aber eine Therapie gemacht“, fügt er hinzu. Es ist fast 50 Jahre her. Es ist alles von einer Omertà zuge­deckt worden, ei­ner Schweigeüber­einkunft, und doch ständig präsent geblieben.

Richter Ott stellt das Verfahren mit Zustimmung der Beteiligten ein. Von „sexuelle Handlungen im untersten strafbaren Rahmen“, spricht er. Herr B. muss seiner Nichte 1000 Euro Schmerzens­geld zahlen. Es gibt noch viel aufzuar­beiten in seiner Familie.

Zum Schutz der Beteiligten wurden alle Namen geändert.

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