Fall Klock: Was noch zu sagen wäre

Kommentar von Dieter A. Graber

HANAU. Im Klockprozess war­teten die Nebenkläger von Be­ginn an mit einer kruden Theorie auf: Klaus-Dieter B. und sein Sohn Claus Pierre hätten das Ehepaar auf der Main River Ranch heimtückisch in eine Falle gelockt, um es dann zu erstechen, bzw. zu erschießen. Damit gingen sie in die Medien, auch ins Fern­sehen. Und je weniger diese fixe Idee im Verlauf der beiden Pro­zesse noch mit den Gesetzen der Logik in Einklang zu bringen war, desto verbissener hielten sie daran fest.

Um Mord oder Notwehr ging es in dem Verfahren, nicht um die Einordnung der Sieglinde und des Harry Klock als nette oder unsympathische Zeitgenossen. Das bleibt am Ende noch einmal klarzustellen! Gleichwohl trat die Charakter­frage im Laufe der Be­weisauf­nahme zunehmend in den Vor­dergrund. Leumundszeugen zeichneten unterschiedliche, wi­dersprüchliche Bilder vom We­sen der beiden. Vor Gericht ist es halt wie im wirklichen Leben: Mal stimmt die Chemie, mal nicht. Was für den einen enne fiese Möpp, gilt dem anderen als dufter Kumpel. Der Wahrheits­findung diente es nicht.

Die Nebenklageanwälte Michael Bauer und Anne-Marie Skuqi  (Eschborn) sowie Jörg Dietrich (Frankfurt) setzten sich in Szene. Sie gingen auf Konfrontations­kurs zur Kammer. Das war unnö­tig. Die Liste ihrer Beweisanträge wurde lang und länger. Da ist die Sache mit Frau S., die zur Tatzeit auf dem Nachbarhof, gut 120 Meter entfernt, gedöst hat. Oder geschlafen. Sie schilderte es mal so, mal so. Zwei Knallgeräusche will sie aber vernommen haben. „Puff-puff!“ Anfangs war sie sich nicht so sicher, aber später, je mehr sie als Zeugin in den Mit­telpunkt des Verfahrens rückte, schon: „Eindeutig Schüsse!“

In Verkennung der rechtlichen Umstände ge­riet dies für Bauer-Skuqi-Dietrich zum Dreh- und Angelpunkt des Falles: Handelte es sich tatsäch­lich um die beiden Schüsse, mit denen Sieglinde Klock getötet wurde, und waren diese nicht von Hundegebell be­gleitet, wie Frau S. sich zu erin­nern glaubt, so müsse es Mord gewesen sein. Dann könne das Geschehen nämlich nicht abge­laufen sein wie von Claus Pierre B. geschildert – als verzweifeltes Ringen um Leben und Tod nach dem Messerangriff durch Harry Klock. Auf je­den Fall hätten des­sen frei um­herlaufende Hunde angeschlagen …

Zirkelschluss heißt das. Eine sich selbst beweisende Behauptung. Aber haben die Dogo Canarios wirklich nicht Laut gegeben? Oder hatte Frau S. nur einfach nicht darauf geachtet, weil knur­ren und kläffen hier draußen, wo sich Vierbeiner das Terrain mit Radlern und Joggern teilen, zur Dauerbeschallung gehören? Um welches Geräusch handelte es sich bei dem „Puff-puff!“ tat­sächlich? Und vor allem: Befand sich die Ohrenzeugin zur Zeit des Geschehens – nach 13 Uhr am 6. Juni 2014 – überhaupt noch in ih­rem Liegestuhl auf dem Nach­bargrundstück?

Im Strafverfahren spricht nicht der Konjunktiv das Urteil. Die Schilderung des Angeklagten Claus Pierre B. einer Notwehrsi­tuation, seine nunmehr exakt do­kumentierten Einlassungen sind nicht zu widerlegen: seine Angst vor Harry Klock, dessen wütende Attacke, weil er die Miete nicht bekam, die er so dringend brauchte, der Messerkampf … Es gab auch in diesem zweiten Pro­zess keine neuen Erkenntnisse, und so blieb alles, wie es war.

Nein, eine Überraschung ist das nicht. Schließlich hatte der BGH die vorangegangenen Freisprüche wegen Notwehr ja auch nicht aufgrund anderer Rechtsansicht kassiert, sondern lediglich Her­leitungsfehler moniert. Die 2. Große Strafkammer half dem Re­paraturbedarf nun ab. Mehr war nicht zu tun. Die Vorstellung, das ganze Verfahren beginne bei null und werde zu einem völlig ande­ren Ergebnis führen, wie die Ne­benklageanwälte dies noch vor einem Jahr euphorisch verlauten ließen, war ein Irrtum. Einer, der guten Juristen eigentlich nicht unterlaufen darf.

Was von den Klocks im öffentli­chen Gedächtnis bleibt, hat eine düstere Seite. Es ist das Bild ei­ner ehelichen Notgemeinschaft, die mit allerlei Tricks dies- und jenseits der Legalität um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfte, verzweifelt, muss man sagen, sich an ihren großen Traum vom Rentnerleben in Spanien klam­merte und ausgerechnet jene mit menschenverachtender Drangsal schikanierte, denen es noch schlechter ging. Es ist ein bitterer Beigeschmack, der von dieser Be­weisaufnahme übrig bleibt. Das muss weh tun in der Seele von Angehörigen und Freunden. Wütend machen. Es ist die Tra­gik dieses Verfahrens. Trotzig rief Tochter Nicole angesichts der vielen negativen Zuschreibungen ihrer Eltern im Zeugenstand ein­mal aus: „Ich hatte einen guten, liebevollen Vater!“

Es gibt kei­nen Grund, anzuneh­men, dass er es nicht war. Aber mit so etwas konfrontiert zu wer­den gehört zu den Risiken ei­ner Nebenklage.