Fast and furious auf der A66

Du kriegst mich nicht, ich kriege dich! Mit diesem Herrn sollte man sich im Straßenverkehr besser nicht anlegen. ©United Artists

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war der 16. Oktober 2013. Ein Mittwoch. Es war 17.30 Uhr. Auf der A66 ist ganz schön was los. Pend­lerverkehr. Alle wollen schnell heim. An diesem Nachmittag war Ha­kan B. (42) mit seinem roten Golf nach Fulda unterwegs. Er hatte da noch eine Bau­stelle. Auf dem Beifah­rersitz schnarchte sein Arbeitskollege. Bald Feierabend. Der Verkehr lief so lala …

Dieselbe Zeit, dieselbe Autobahn, dieselbe Richtung. Michael H. (20) schuckelt mit seinem weißen Seat an der Abfahrt Langenselbold vorbei. Neben ihm sitzt Katrin (19), ein hüb­sches, etwas pummeliges Mädchen mit Brille und langen Haaren. Sie ist seine Freundin. Sie wollen nach Ei­chenzell. Sie haben es nicht eilig. „Plötzlich tauchte dieser Golf auf“, erzählt Michael vor dem Hanauer Amtsgericht. „Vor mir war ein Trans­porter. Ich musste bremsen. Der Golf klebte an meinem Heck. Ich fuhr rechts rüber, damit er vorbei konnte, aber er blieb dicht hinter mir. Das ging so bis Flieden. Einmal fuhr er links neben mich und machte so Lenkbewegungen, als ob er mich rammen wollte.“

Michael ist ein schmales, blasses Jungchen mit einem ersten zarten Bartflaum im Gesicht, der kaum die Anschaffung eines Rasierers lohnt. Er trägt eine Brille und Tommy-Hilfiger-Schuhe. Er geht noch zur Schule. Sein Auto war ziemlich neu. Es ist so ein Männer-Ding, das da ablief. Es hat zu tun mit Jagdfieber, Konkurrenzkampf, Balzverhalten. Am Autobahnende bei Flieden, vor einer roten Ampel, ging es Auge in Auge weiter: Hakan sprang aus dem Auto, lief vor zu seinem Kon­trahenten, pöbelte: „Ich bring dich um, du Missgeburt!“ Dann haute er ihm noch eine Beule in die Tür. Das also ist die Geschichte, die Amtsrich­ter Schwartz heute zu ver­handeln hat. Es geht um Nötigung, Beleidi­gung, Sachbeschädigung. Der Fall trägt das Aktenzeichen 19727/13.

Hakan ist der Angeklagte. Er hat eine andere Version. „Das war so ein jun­ger Kerl, der Spaß haben wollte. Ein übler Drängler. Er überholte mal links, mal rechts, betätigte die Lichthupe, gab Gas, bremste wieder. Dann zeigte er mir den Mittelfinger. Die Dame auf dem Beifahrersitz hat sich darüber auch noch amüsiert. Er bremste mich zweimal aus, sogar in einer Baustelle, dass ich ihm fast hinten drauf geknallt wäre.“ Hakan redet schnell. Er ver­gisst nicht zu erwäh­nen, dass er, ob­schon dem Pass nach Türke, gern in Deutschland lebe und sich an die Re­geln halte. „Man will sich ja integrie­ren“, fügt er hinzu. „Meine Frau macht einen Deutschkurs.“ Sie sitzt hinten im Saal.

Hakan kann mehrere Dinge gleich­zei­tig erledigen. Multitasking heißt das heute. Zum Beispiel fahren und foto­grafieren. Hat er auch gemacht. Jetzt räumt er zerknirscht ein: „Okay, das hätte ich nicht gedurft …“ Viel­leicht noch weitere Verfehlungen? Richter Schwartz fragt mal streng nach. „Ja, auch Lichthupe. Und den Finger hab ich ihm gezeigt …“, kommt es dem Angeklagten et­was unglücklich über die Lippen. Er ist ein großer Mann mit kurzem, dunk­lem, gegeltem Haar, das er sich lustig in die Stirn gekämmt hat, und grimmi­ger Entschlossenheit im Blick. Ir­gendwie ist das hier ja die Fortset­zung des Duells von der A66. 

Seat-Fahrer Michael sitzt zwei Arm­längen von ihm entfernt auf dem Zeugenstuhl. Seine Freundin sei be­droht worden, erzählt er. Ein Anruf, angeblich von der Polizei. Er solle die Anzeige zurückziehen, andernfalls … Empört fährt ihm der Angeklagte in die Parade. Damit habe er nichts zu tun. Richter Schwartz muss die Ge­müter beruhigen. Ein bisschen keck ist er ja schon, dieser Zeuge, der in seiner Opferrolle aufgeht wie Hefe­teig: „Der hat mich förmlich gejagt. Ich hatte echt Schiss!“ Die Tür seines Autos ist noch immer kaputt. 1800 Euro würde die Reparatur kosten …

Katrin bestätigt die Aussage ihres Freundes bis ins letzte Detail. Nach dem dubiosen Anruf habe sie sich nicht mehr aus dem Haus getraut. Vor Angst. Ein wenig dick aufgetragen wirkt das schon. Der Kollege des An­geklagten hingegen ist von einer selt­samen Amnesie befallen: Er erinnert sich nur bruchstückhaft. Nicht jedoch an den „Stinkefinger“, den Hakan ja bereits eingeräumt hat. Aber schließlich hatte er einen Teil der Fahrt ja auch verschlafen …

Richter Schwartz schlägt die Einstel­lung des Verfahrens vor – wenn der Angeklagte dem Zeugen eine  „Ent­schädigung“ zahle. Hakan ist em­pört. Nie und nimmer! Das wäre der Demü­tigung zuviel. Also gut: 500 Euro an den Verkehrsclub Deutschland. Abgemacht und Akten zu!

Hakan bereut, selbst keine Anzeige erstattet zu haben. Tja, nicht auf der Autobahn muss man erster sein, son­dern hinterher bei der Polizei. Dann säße vielleicht der andere jetzt auf seinem Platz …